23.10.2016 07:09
Quelle: schweizerbauer.ch - Christof Hirtler
Alpsommer
Er singt den Rindern ein Schlaflied
Giorgio Hösli ist zurück im Tal. Doch den Alpvertrag für das nächste Jahr hat er bereits mit Handschlag abgeschlossen.

Der Glarner Giorgio Hösli schloss vor einigen Tagen die Hütte im Staldi auf der Intschialp oberhalb Gurtnellen. 14 Alpsommer arbeitete Giorgio Hösli auf verschiedenen Alpen. Der Sommer auf der Intschialp war für Hösli die erste Anstellung seit über 18 Jahren freiberuflicher Arbeit: «Der Entschluss, wieder zAlp zu gehen, fiel vor vier Jahren, in Absprache mit meiner Frau Barbara und den Kindern. Ich reduzierte mein Arbeitspensum, kaufte mir den Border-Collie Fjel, trainierte mit dem Hund meine Ausdauer.»

2015 besuchte Hösli fünf Zentralschweizer Rinderalpen und entschied sich für die Intschialp oberhalb Gurtnellen im Kanton Uri. Eine Alp, die Hösli auf Anhieb gefiel, weil die Genossenschaft ihre Traditionen bewahrt, offen ist für Neues, selbstbestimmt ihre Alp bewirtschaftet und nicht auf jeden Trend aufspringt. Trotz  seinem grossen Wissen über Alpwirtschaft blieben Zweifel: «Ich habe zwar viel über Alpen geschrieben, aber das ist Theorie und hat mit der Praxis nur bedingt zu tun.»

Eine gute Hilfe

Nun, am Ende seines 15. Alpsommers zieht Hösli ein positives Fazit: «Wir hatten so viel Glück diesen Sommer. Wir hatten viel Gras, es passierte nichts mit den Tieren, ich hatte einen Monat lang eine gute Hilfe, und es funktionierte gut mit den Bauern.»

69 Rinder betreute Hösli auf der Alp. Von 1500 bis 2200 m ü. M. reicht das Weidegebiet. Auf den 6 Stafeln blieben der Hirt und die 69 Rinder jeweils nur kurze Zeit. Die Hütten sind einfach und ohne Strom. «Das viele Zügeln ist aufwendig, aber die Alp bietet auch Abwechslung», sagt Hösli. «Kleine Seen, enge Kessel, steile Planggen, Lawinenverbauungen und spektakuläre Ausblicke.» Das Essen kam vom Dorflädeli in Gurtnellen-Wyler mit der Seilbahn aufs Arni. «Vom Unterstafel Staldi ist es nicht weit bis zum Arnisee, vom obersten Stafel hast du mehr als einen halben Tag. Als Belohnung kannst du dafür in der Sennhütte ein Joghurt geniessen oder ein Bier trinken.»

Hösli hat auf verschiedenen Stafeln Alpverbesserungen ausprobiert: in der einen Hütte eine Türe richten, in einer anderen den Kamin flicken oder eine neue Wasserleitung legen. «In der Alpwirtschaft verändern sich die Dinge nicht von heute auf morgen. Wenn jeder Hirt seinen Teil zur Alpverbesserung beiträgt, dann passiert über einen längeren Zeitraum etwas», sagt Hösli.

«Das ist ein wichtiger Teil der Alpwirtschaft: Du musst zu den Tieren schauen, aber auch die Alp unterhalten, Wege ausbessern, Unkraut bekämpfen.» Besonders auf der Schattenseite des Unterstafels wuchert das Unkraut. «Auf Staldi wächst so viel Farn, dass die Blackenflächen an Bedeutung verlieren», meint Hösli lachend. «Ich mähte dort für einen Versuch zur Farnbekämpfung einen kleinen Plätz vier Mal. Doch das Farn wird nächstes Jahr wieder wachsen.»

Wie ein Betruf

«Ich realisierte mal wieder, wie sinnvoll die Alparbeit ist, dass sie einem auch gesundheitlich guttut. Und es bleibt viel Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über das Älterwerden», sagt Hösli. «Etwas Sorgen machte ich mir jeweils um die Tiere. Eine Belastung, die mich die ganze Alpzeit begleitet. Ich bin nicht religiös und kann den Alpsegen nicht rufen, aber ich habe den Tieren jeden Abend ein Schlaflied gesungen. Ein Ritual, den Tag zu beschliessen und die Verantwortung in andere Hände zu legen. Im Prinzip dasselbe wie ein Betruf.»

Die Bauern schätzen die Arbeit von Giorgio Hösli. «Viele Arbeiten, wie Hagen macht er allein. Wir haben mehr Zeit zum Heuen und für wichtige Arbeiten auf der Alp wie das Mähen von Alpenrosen und das Zurückschneiden von Erlen»,  rühmt ihn Alpvogt Toni Zgraggen.
Für Giorgio Hösli ist es offen, wie es nach der Alpzeit im Winter  beruflich weitergeht. Am liebsten mit einem Grafikauftrag für ein Buch. Den Vertrag für den nächsten Sommer hat er bereits unterzeichnet – per Handschlag mit dem Alpvogt Toni Zgraggen.

Zur Person

Giorgio Hösli, der Glarner Grafiker, Autor und Fotograf, unterhält die Webseite «zalp.ch» und gehört zum Team  der Zeitschrift «zalp», hat Bücher geschrieben und mehrere Fotobücher herausgegeben. Die Webseite «zalp.ch» ist heute die erste Adresse für die Studentin aus Deutschland, den Landarbeiter aus dem Tirol oder den Käser aus der Schweiz, um eine  Stellen auf einer Schweizer Alp zu finden. Auch die jährlich im Juni erscheinende Zeitschrift «zalp» wird in vielen Alphütten gelesen: Sie berichtet erfrischend überraschend und ungeschönt über den Arbeitsalltag und das Leben auf Schweizer Alpen.

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