21.12.2012 10:03
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/dpa
Indien
Esel helfen beim Aufbau des modernen Indiens
In Indiens Vorstädten spriessen neue Bürotürme aus dem Boden. Das Land ist auf dem Weg zur globalen Wirtschaftsmacht. Doch auf dem Bau ist die Tradition manchmal präsenter als die Moderne - etwa mit Eseln als Arbeitstieren.

Mühsam schleppen sich die acht kleinen Esel das unfertige  Treppenhaus hoch. Immer wieder bleiben sie auf den Betonstufen  stehen, bis Ranbir Singh kommt und sie mit seinem Holzstock weiter  treibt. Auf den Rücken tragen die Tiere jeweils 30 Kilogramm Sand -  und damit auch einen Teil der Zukunft Indiens.

Die Esel werden als Arbeitstiere auf einer Baustelle in Noida  eingesetzt, einer Satellitenstadt vor den Toren der Hauptstadt  Delhi. Über mehrere Quadratkilometer ragt hier ein Betonskelett  neben dem anderen aus dem Boden.

Noch gibt es keine fertigen Strassen, sondern nur Staub und  Arbeiter, die in einfachsten Hütten leben. Bald aber sollen hier  Glasfassaden, Hochhäuser und luxuriöse Shopping-Malls stehen.

In der sechsten Etage befreit Singh die Esel von ihrer Last. 150  Indische Rupien (etwas 2,50 Franken) bekommen er selbst und jeder  seiner Esel als Tageslohn. Die Arbeiter, die mit dem Sand das  nächste Stockwerk aufsetzen, erhalten je 140 Rupien (2,30 Franken).

Von hier oben ist am Horizont jenes Indien zu sehen, das auf dem  Weg zur globalen Wirtschaftsmacht ist. Dort glitzert der bereits  fertiggestellte Teil der Industriestadt Noida, in der unzählige IT- Firmen sitzen, Konferenz-Center Gäste empfangen und Formel-1-Autos  ihre Runden drehen.

Hilfsorganisation für Esel

Ohne Rast machen sich die Esel vorsichtig an den Abstieg im  offenen Treppenhaus. «Es passiert manchmal, dass ein Esel einen  anderen anrempelt und dieser dann runterstürzt», erzählt Tierarzt  Surajit Nath.

Dann werden er und seine Kollegen von der  Wohltätigkeitsorganisation Donkey Sanctuary (Zufluchtsstätte für  Esel) angerufen. Sie bringen den meist sehr armen Besitzern auch  Medikamente und Verbandszeug. «Oft aber verabreichen sie den Eseln  die Medizin nicht», klagt Nath.   «Das grösste Problem ist allerdings, dass die Esel oft überladen  werden und falsche Gurte tragen», klagt Nath. Er zeigt auf offene  Stellen am Hinterteil eines Esels, an dem die dünnen Stricke  einschneiden.

Dann kniet er sich nieder und schaut einem Tier ins Maul, um an  den Zähnen das Alter abzulesen. «Höchstens zwei Jahre alt», sagt er.  Wenn die Esel so jung eingesetzt würden, hätten sie nach zwei Jahren  Arthrose und könnten nicht mehr richtig laufen. Deswegen versuche  seine Organisation auch, den Besitzern mehr Wissen über artgerechte  Haltung zu vermitteln.

Maschinen sind schneller

Donkey Sanctuary schätzt, dass es etwa 1,85 Millionen Esel in  Indien gibt. Heute tragen sie vor allem Ziegel, Steine und Sand oder  ziehen Karren, berichtet Veterinär Nath.

In den vergangenen Jahrzehnten sei die Arbeitskraft der Esel  stets für die kleinen und grossen Projekte des Landes eingesetzt  worden: Minen wurden mit ihrer Hilfe erschlossen sowie Tunnel  gegraben und Kanäle ausgehoben.

«Ich arbeite mit Eseln, seit ich zwölf Jahre alt bin», erzählt  der 58-Jährige Singh. Viele Firmen benutzten heutzutage Maschinen,  beklagt er, und zeigt mit seinem Arm, der in einem langen, hellen  Gewand steckt, auf die Nachbarbaustelle. Dort ziehen Kräne die  schweren Lasten nach oben. «Esel brauchen einfach länger», räumt er  ein.

Sein Sohn arbeite nicht mehr mit ihm zusammen, sondern sei  Beamter geworden. Er aber wolle die Tradition fortführen, solange es  gehe. «Die Tiere sind ein Teil der Familie», sagt er. «Alles, was  wir haben, verdanken wir den Eseln».

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