1.07.2017 07:25
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Lebensmittelverschwendung
Essen verteilen statt wegwerfen
Schweizerinnen und Schweizer werfen jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel weg – fast die Hälfte davon in privaten Haushalten. Pro Kopf und Tag bedeutet das fast eine ganze Mahlzeit. Im Kanton St. Gallen gibt es immer mehr Organisationen, die Essen verteilen statt wegwerfen.

Seit zehn Jahren engagiert sich die «Schweizer Tafel» in der Ostschweiz gegen die Lebensmittelverschwendung. Im vergangenen Jahr hat die Hilfsorganisation in der Ostschweiz 616 Tonnen Lebensmittel im Wert von rund 4 Millionen Franken an armutsbetroffene Menschen verteilt.

Brücke zwischen Überfluss und Mangel

«Wir bauen täglich die Brücke zwischen Überfluss und Mangel», sagt Susanne Lendenmann, Leiterin der Schweizer Tafel der Region Ostschweiz. Bei den Detailhändlern eingesammelt und anschliessend verteilt werden die Lebensmittel von rund 25 Freiwilligen, zwei bis drei Zivildienstleistenden und Personen in einem Programm des RAV oder des Sozialamtes.

Schweizweit holt die Schweizer Tafel mit 37 Kühlfahrzeugen bei nahezu 600 Spendern Lebensmittel ab. Abnehmer sind in ersten Linie Non-Profit-Organisationen wie Gassenküchen, Frauenhäuser oder Flüchtlingsunterkünfte.

Lebensmittel für Bedürftige

Die Freiwilligen des Vereins «Tischlein deck dich» haben im letzten Jahr 3,8 Millionen Tonnen Lebensmittel an Bedürftige weitergeben, das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Anzahl der Menschen, die die Waren jede Woche bezogen, nahm um 11,4 Prozent auf 17'600 zu. Sieben der 120 Abgabestellen befinden sich im Kanton St. Gallen. 2016 wurde in der Stadt St. Gallen die zweite Abgabestelle eröffnet. Immer am Donnerstag verwandeln sich die Räumlichkeiten in der Pfimi-Kirche Waldau im Osten der Stadt für eine Stunde in eine Lebensmittel-Abgabestelle.

Anfangs verteilten die rund 20 Helferinnen und Helfer Lebensmittel an 25 Personen, die für sich und ihre rund 90 Angehörigen Waren abholen. Inzwischen sind es rund 50 Haushalte mit 150 bis 200 Personen, die von unserem Angebot profitieren, sagt die Leiterin der Abgabestelle Sabrina Ramsauer auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Bezugskarte

Zu den Kunden zählen Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben wie beispielsweise «Working Poors», grosse Familien, Alleinerziehende, Migranten und Menschen, die Sozialhilfe oder eine IV-Rente beziehen. Wer Waren beziehen möchte, braucht dazu eine Bezugskarte, welche von den Sozialfachstellen abgegeben wird. Sie gilt nur für ein Kalenderjahr und eine bestimmte Abgabestelle.

Das Angebot reicht von Getränken über Gemüse, Früchte, Konserven, Süssigkeiten, Brot bis hin zu Milch-und Tiefkühlprodukten. Pro Lebensmittelbezug bezahlen die Bezüger symbolisch einen Franken. «Das Bedürfnis wäre noch viel grösser, doch wir sind am Limit», so Ramsauer. Im Stadtzentrum unterhält die Offene Kirche eine Abgabestelle von «Tischlein deck dich», im Westen können Personen mit sehr kleinem Budget beim «Warenkorb Grossacker» einmal wöchentlich Lebensmittel gratis abholen.

Gemeinschafts-Kühlschrank

Auch der Verein «RestEssBar» setzt sich dafür ein, dass Lebensmittel verwertet statt weggeworfen werden. Im St. Galler Lachen Quartier steht seit April 2016 ein Gemeinschafts-Kühlschrank, in dem Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, von jedermann bezogen werden können. Das Angebot ist kostenlos und steht rund um die Uhr zur Verfügung.

«Wir sammeln täglich noch essbare Lebensmittel von verschiedenen Lebensmittelläden in St. Gallen ein, welche sonst im Abfall gelandet wären», beschreiben die Helfer ihre Arbeit. Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass das Angebot genutzt wird. Der Kühlschrank ist bis auf ein paar Bananen und ein Joghurt leer.

Geschlossene Wertschöpfungskette

Als Folge des Food Waste entstanden ist auch die «Äss-Bar». Seit einem Jahr werden in der St. Galler Verkaufsstelle in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bäckereien Backwaren und Patisserie vom Vortag zu einem stark vergünstigten Preis verkauft. Die Backwaren werden inzwischen auch geliefert.

Die Idee, Backwaren vom Vortag zu verkaufen, soll dem Grundsatz der geschlossenen Wertschöpfungskette gerecht werden. Es sei ein wichtiger Schritt zur ökologischen Rückbesinnung und weg von der Wegwerfgesellschaft, schreiben die Initianten auf ihrer Homepage. Spitzenreiter bei den Verlusten sind die privaten Haushalte, welche fast 45 Prozent des Food Waste verursachen.

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