14.11.2017 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Martin Brunner
Appenzell
Für diesen Beruf gibt es keine Lehre
Die Sennensattlerei ist ein uraltes Handwerk. Mit seiner Werkstatt hilft Roger Dörig mit, dass es bewahrt wird, sich parallel dazu aber neue Elemente entwickeln können. Erlernt hat er das Handwerk autodidiaktisch.

Wer in den  Laden und  die Werkstatt von Roger Dörig an der Poststrasse in Appenzell eintritt, betritt gleichzeitig eine Welt voller Traditionen und Brauchtum. Drei grosse Schellen und etwas daneben ein Senntum fallen auf. 

An den Wänden hängen unzählige längere und kürzere Gurte, andere liegen für die Bearbeitung auf dem Werktisch bereit. Unzählige Ziselierarbeiten zeugen von grossem Können. Das gilt auch für die winzig kleinen Verzierungen auf einem Gestell, die aber so gar nicht in die Tradition passen wollen.

Gurt zeigt Reichtum

«Früher lag das Schwergewicht unseres Berufes auf der Sattlerei», erzählt Roger Dörig. «Das verlief aber in eher bescheidenem Rahmen und konzentrierte sich oft auf Flickarbeiten.» Das bedeutet auf der anderen Seite: Je reichhaltiger zum Beispiel ein Hosenträger verziert war, desto wohlhabender war der Besitzer, meist ein Bauer. Verwendet wurde ein stabiles und widerstandsfähiges Leder. Das gilt bis heute, denn Lederarbeiten braucht es nach wie vor.

«Der heutige Sennensattler aber ist eine Mischung aus Sattler und Goldschmied, wobei Letzterer grössere Bedeutung bekommen hat.» Das kommt vor allem bei der Ausschmückung der Gegenstände zum Tragen. Denn Roger Dörig ziseliert die handgemachten Beschläge für Hosenträger, Kuhgurt, Beinriemen, Halfter, Hundehalsband und mehr. Wie wichtig ihm das Ziselieren ist, wird bei seiner Arbeit klar. Konzentriert beschäftigt er sich mit den Motiven und fühlt sich rundum wohl.

Doch Roger Dörig möchte sich nicht ausschliesslich als Traditionalist verstanden wissen. «Bei der Appenzeller Tracht richte ich mich streng an die Tradition», sagt er. «Das ist gut so. Vor allem in der heutigen Zeit müssen wir  unserem Brauchtum Sorge tragen. Bei anderen Gegenständen hingegen habe ich bei den Motiven grössere Freiheiten und kann die einen und anderen modernen Elemente entwickeln.»

Strenge Vorgaben

So erstaunen denn auch die modernen Gurtverzierungen nicht mehr, denn Dörig ist auf der einen Seite ganz der Tradition verpflichtet. Er nutzt aber gerne den Spielraum, verlässt die strengen Vorgaben und wird in diesem Moment zum Designer. «So ist meine Arbeit reine Lebensqualität. Die Sennensattlerei ist, natürlich neben meiner Familie, mein Ein und Alles und für mich wie eine Berufung.» Das hat sich bereits auf seine beiden elf- und dreizehnjährigen Töchter übertragen. Sie beschäftigen sich in ihrer Freizeit ab und zu gerne mit Schlüsselanhängern und verdienen sich dabei ein kleines Sackgeld.

Entstanden ist die Sennensattlerei Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Vorbild der Messingbeschläge des Pferdezaumzeugs, wie der Galerist und Sammler Bruno Bischofberger in seinem Buch «Appenzeller Volkskunst» schreibt. Diese Schmuckfreudigkeit bei den Pferden übertrug sich auf das Sennische. Die früheste bekannte sennische Sattlerarbeit und zudem die früheste bekannte Darstellung eines Alpaufzugs stammt aus dem Jahr 1775. Es ist die Stirnplatte eines Saumpferdes von einem unbekannten Meister. Danach dehnte sie sich schnell aus und wurde auf Schellenriemen, Hosenträgern, Schuhschnallen, Pfeifen mit Silberbeschlag, Tabakbeuteln und vielem mehr angewendet.

Magische Kraft

Dieses Zierbedürfnis führt Bischofberger zurück auf die tief verwurzelte Vorstellung der magischen Kraft des Schmucks. Das war allerdings begrenzt auf Kantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden sowie das Toggenburg. Denn Bischofberger erwähnt, dass der Alpaufzug in benachbarten Alpenländern nicht vorkommt, wo Sennen und Bauern unter ähnlichen Bedingungen leben.

Eine Dynastie

Zu den ersten Meistern gehörte Abraham Alder aus Urnäsch (1795–1876). «Bis zum heutigen Tag sind die Schellenriemen so gefertigt, wie sie bereits zu Abraham Alders Zeiten gemacht wurden», schreibt Bischofberger. Auf Johann Anton Fässler aus Appenzell (1772-1850) gehen wahrscheinlich die Hosenträger zurück, die vorne und hinten durch ein Querstück verbunden sind, wobei der Bruststeg mit einem Alpaufzug in feiner Ziselierarbeit geschmückt ist.

Die Dynastie der Familie Fässler lebt mit Sebastian Fässler und seinen beiden Cousins Hampi und Adalbert bis heute weiter. «Von allen Sennensattlern der bekannteste war Johannes Weishaupt aus Herisau (1869–1939). Noch heute werden seine Gürtelarbeiten hoch in Ehren gehalten.» 

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