27.08.2018 06:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Anita Merkt
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Gefeierte Säumer und müde Esel
Unsere Bloggerin Anita Merkt lebt seit 15 Jahren als Journalistin in Zürich. Sie berichtet von ihren Erlebnissen während des Saumzuges von Sachseln nach Domodossola. Sie nimmt mit Eselin Alina am Saumzug teil.

Gefühlt war der heutige Säumertag der Tag der Aperitive und des italienischen Festens und Feierns. Zu unseren Ehren wurde auch der Wasserfall des Toce eingeschaltet. 

70 Einwohner und zwei Restaurants

Wir starteten am frühen Morgen in Riale, dem kleinen Weiler unterhalb des Griespasses, wo Italien anfängt. Der kleine Ort auf 1700 Meter hat 70 Einwohner, zwei Restaurants und ungefähr 5 Herbergen. Der Weg führte uns zunächst steil hinab am Wasserfall des Flüsschens Toce entlang, den unsere italienischen Gastgeber extra für uns «eingeschaltet» hatten. Normalerweise wird das Wasser turbiniert und dient der Stromerzeugung.

Überhaupt ist die ganze Gegend ein Hotspot der Stromerzeugung durch Wasserturbinierung. Der Weg im Val Formazza führte uns meist am Fluss entlang durch grüne Wiesen talabwärts. Das Toce-Tal ist eng in den Fels eingeschnitten, links und rechts ragen die Felswände in die Höhe. An manchen Orten werden die Hänge gesprengt und riesige Granitblöcke abgebaut. An anderen Orten sehen wir sie dann als Ufer- oder Strassenbefestigung wieder. Überall stehen rot-weisse Wanderwegschilder. 

Sieht aus wie im Wallis

Wie das Dorf hiess, in dem wir zum ersten Apero um 10 Uhr eingeladen wurden, weiss ich schon nicht mehr. Das Wirtshaus im Ort führt die Bürgermeisterin von Riale, die uns am Abend zuvor begrüsst hatte. Ich kam ins Gespräch mit einem Mann, der mir erzählte, dass sein Grossvater als Bub noch die Säumer begleitet hatte, die bis nach Guttannen gingen und dafür drei Tage brauchten. 

Es gab Wein aus dem Piemont, lokalen Käse, Wurst, Mandel- und anderen Kuchen. Der nächste Apero war improvisiert in einem weiteren Ortsteil der Kommune Formazza. Die traditionellen Häuser und Stadel sehen genauso aus wie im Wallis. Alte Gebäude sind oft noch in deutscher Sprachen angeschrieben. Der Ort Ponte, zu deutsch «Brücke», hiess früher «Z’schtäg». Die Walser haben auch dieses Tal besiedelt. 

Alina und der Bach

Es gab wieder Wein, dazu Feigen und riesige Zwetschgen. Die Leute begrüssten uns immer begeistert, hatten Freude an unseren Eseln, die Kinder durften sie streicheln. Kurz vor Fondovalle tauchte mein junger Freund Carlo wieder auf, der Eselin Alina am Vorabend nach Riale hineingeführt hatte. Heute war irgendwo die Mutter des Achtjährigen, gestern war sein Vater nebenhergelaufen. Sein grosser Bruder war irgendwo vorne im Säumerzug bei den Rössern. 

Carlo freut sich jedes Jahr darauf, wenn die Säumerkarawane kommt und er wieder einen Esel führen darf. Mit Alina war das heute kein Problem. Auf den relativ ebenen Wegen trottete sie meist treu hinter mir her. Nur wenn ein Bächlein unseren Weg kreuzte, wusste man nie, ob sie einfach durchs Wasser gehen würde oder einen Riesensatz darüber machte. 

Müde Esel

Dass die täglichen 20 Kilometer bergauf und bergab auch die Esel ermüden, zeigte sich am Abend beim feierlichen Einmarsch in Premia. Wir wurden von einer Blaskapelle und einer Trachtengruppe in den Ort geleitet. Überall an der Strasse standen wieder applaudierende und filmende Menschen. Nach der Rede des Bürgermeisters und unseres Reiseführers Daniel Flühler legte sich Alina beim Fototermin einfach auf den Betonplatz. Das wäre ja noch ein schönes Fotosujet gewesen, das zeigte, wie geschafft wir alle waren. Aber dann wollte Alina sich noch vollbeladen auf dem Platz wälzen, was ich gemeinsam mit Mitsäumer Tom gerade noch verhindern konnte.

Die kleine Einlage trug jedoch dazu bei, dass ich mich bei der abendlichen Diskussion, ob Weide einzäunen oder nicht, besonders stark dafür einsetzte, dass unsere Esel ein Stück Weide bekommen. Vor allem, damit sie sich nach dem Abladen und Abnehmen der Bastsättel genüsslich im Gras wälzen können.

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