14.07.2016 06:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Bänninger, sda
Bern
Gotthelf Zentrum ist mehr als ein Museum
Wer glaubt, Museumsbesuche seien nur etwas für schlechtes Wetter, hat noch nie das Gotthelf Zentrum in Lützelflüh BE besichtigt.

Das ehemalige Pfarrhaus erhebt sich prächtig vor saftig grünen Viehweiden, neben sich den steinernen Turm der Dorfkirche. In dieser zeitlosen Umgebung würde es kaum überraschen, wenn plötzlich Knecht Uli oder Bäuerin Christine um die Ecke spazierten - beides fiktive Romanfiguren aus Geschichten des Schweizer Schriftstellers Jeremias Gotthelf.

Dieser verbrachte einen grossen Teil seines Lebens mit Frau und Kindern in Lützelflüh im Emmental - in eben jenem grosszügigen Pfarrhaus, das heute als Museum sein Werk würdigt.

Aufmüpfiger Volksdichter

Der 1797 als Albert Bitzius geborene Pfarrerssohn arbeitete während seiner 57 Lebensjahre unter anderem als Journalist, Schulinspektor und Pfarrer. Er hinterliess eine Unmenge an Geschriebenem, wobei die berühmtesten Geschichten nur einen Bruchteil seines Gesamtwerkes ausmachen.

Gotthelfs erster Roman «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» (1838) thematisiert das schlechte Berner Schulwesen, «Uli der Knecht» (1841) ist eine harsche Kritik am damaligen Missbrauch von Verdingkindern und «Die schwarze Spinne» (1842) erzählt von Aussenseitern, die von der abergläubischen Gemeinschaft zu Sündenböcken gemacht werden.

2012 öffnete Gotthelf-Zentrum

Gotthelf war ein Beobachter seiner Zeit, ein aufmüpfiger Volksdichter, der die gesellschaftlichen Missstände kritisierte und seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorhielt. Er schrieb unter dem schützenden Pseudonym des Jeremias Gotthelf - ein Name, der im kollektiven Gedächtnis haften geblieben und zum Kulturerbe geworden ist.

Eine Gedenkstätte fand lange Zeit bloss in der «Gotthelfstube» Platz: Eine kleine Holzhütte neben dem Pfarrhaus, die damals als Speicher diente. Als sich 1997 der Geburtstag Gotthelfs zum 200. Mal jährte, wurde der Ruf nach einem grösseren Museum laut, das seinem Werk gerecht würde. Fünfzehn Jahre später, im August 2012, öffneten die Tore des Gotthelf Zentrum Emmental in Lützelflüh: das liebevoll renovierte Pfarrhaus mit einem Anbau samt Museumsshop und Bistro.

Erstausgaben neben Multimedia

Auf spielerisch kreative Weise werden in den Museumsräumen Persönlichkeit und Schaffen des Dichters gezeigt. Utensilien wie graviertes Silberbesteck, der Gehstock oder die ausgefallene Kaffeekanne Gotthelfs bringen dem Besucher sein alltägliches Leben näher.

Hinter den Türen eines Wandschranks verbergen sich schöne Erstausgaben, beim Herausziehen von Schubladen erfährt der Besucher Hintergründiges, und in einem Multimedia-Raum sind Hörspiel-Umsetzungen sowie Verfilmungen von Gotthelfs Geschichten zu hören und zu sehen. Die aktuelle Sonderausstellung zum Thema «Die schwarze Spinne» lässt die Besucher in einen unheimlichen Nebelwald treten - mitsamt russgeschwärztem Holzpflock, in den zu Gotthelfs Zeiten böse Geister eingesperrt wurden.

Moderner Denker

«Bitzius bewies enorme Weitsicht und hatte erstaunlich moderne Denkansätze. Er behandelte Themen, die auch heute noch aktuell sind, wie das Schul- und Bildungssystem, Armut und Alkoholismus», erklärt Werner Eichenberger. Er gehört zum vierköpfigen Team engagierter Gotthelf-Liebhaber, die sich um die Führung des Zentrums kümmern.

Trotz allem internationalen Anspruch ist das Gotthelf Zentrum ein kleines Literaturmuseum geblieben und auf Sponsoren angewiesen. Das Interesse bei den Leuten sei aber gross, erklärt Eichenberger. Vor allem Führungen könnten sie viele verzeichnen, letzte Saison waren es über 200. «Und dieses Jahr werden wir die Schwelle von 25'000 Besuchern erreichen», freut er sich.

Nach Museum ein Spaziergang

Das Gotthelf Zentrum ist aber mehr als nur Museum. Der ehemalige Dachboden ist zu einem stimmungsvollen Versammlungsraum geworden und wird für Anlässe vermietet. Auch hier verbindet sich die moderne Infrastruktur mit nostalgischen Details wie den schweren Dachbalken oder den Butzenscheibenfenstern.

Von hier oben ist auf einem der umliegenden Hügel sogar die Gedenkstätte Gotthelfs zu sehen. Nach dem Museumsrundgang lädt die Aussicht zu einem Spaziergang. Oder der Besucher setzt sich draussen auf die Terrasse des Bistros und stellt sich vor, wie Albert Bitzius vor 200 Jahren hier seinen Kaffee trank und Meisterwerke schrieb.

Öffnungszeiten bis 30. Oktober: Dienstag - Sonntag, 13.30 Uhr - 17.00 Uhr.

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