20.05.2018 18:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniela Schweizer
Südafrika
Grosses Glück auf kleinem Weingut
Die beiden Basler Tierärzte Ingrid und Luca Bein wagten vor 19 Jahren einen Neustart in Südafrika und wurden Winzer. Heute ist ihr Weingut der kleinste kommerzielle Weinbaubetrieb am Kap – und der Merlot von "Bein Wine" wird auch in der Schweiz gerne getrunken.

In der Ferne die Berge von Stellenbosch, zu Füssen drei Hektaren mit Unkraut überwuchertes Land: So erleben Ingrid und Luca Bein 1993 jenen Moment, der ihr Leben verändert. Die beiden Basler Tierärzte verlieben sich in das erschwingliche Grundstück mitten im südafrikanischen Weinbaugebiet.

Ein Ferienhaus soll hier gebaut werden. Doch dann liebäugeln die beiden Weinfans mit eigenen Reben – denken, dass es noch chic wäre, eigenen Wein zu produzieren. Damals planen Beins, den künftigen Rebberg in der Obhut ihres Nachbarn zu lassen. Doch alles kommt anders.

Neustart in Südafrika

1996 pflanzen Ingrid und Luca Bein auf zwei Hektaren Reben Merlot, bauen ein Haus im altholländischen Stil und kaufen einen kleinen Lamborghini-Traktor. 1997 explodiert die Weinbauindustrie in Südafrika und kein Nachbar hat mehr Zeit, sich um Beins Reben zu kümmern. "Wir nahmen uns damals eine Auszeit von fünf Monaten und lebten in Südafrika fürs Erste auf Probe", erzählt Luca Bein im gemütlichen Verkaufsraum mit Blick auf die Berge. "Es funktionierte für uns beide gut.

Deshalb beschlossen wir 1999 auszuwandern." Beide waren damals 46 und packten ihren Neustart gleich richtig an: Sie machten ein vierjähriges Agronomie-Studium an der Universität von Stellenbosch, um den Weinbau von Grund auf zu lernen und "Bein Wine" zum Erfolg zu führen. Dass das Studium in Afrikaans ablief, erwies sich nur am Anfang als schwierig – das Ehepaar lernte die neue Sprache rasch; zudem waren die Schulbücher in Englisch.

Beste Bewirtschaftung auf kleiner Fläche

Zu jener Zeit wurde eine besondere Anbau-Technik aktuell: Precision Viticulture (siehe Kasten). Diese Methode, die auf kleinem Raum Boden- und Bestandesunterschiede berücksichtigt, faszinierte das Ehepaar Bein. Die Technik ermöglicht es nämlich, auf wenig Land mehrere verschiedene Weine zu produzieren. Trotzdem beschränken sich die Basler auf Merlot – als einziges Weingut in Südafrika.

Sie produzierten auf ihrem "kleinsten kommerziellen Weinbaubetrieb am Kap" lange vier verschiedene Weine, 2014 kam dann noch ein fünfter hinzu, der Merlot Forte, über den sich Luca Bein sehr freut: "Er ist eine absolute Novität für Südafrika, ein Spezialitätenwein, vinifizert aus teilgetrockneten Trauben." 

Beins Weine fanden nach und nach international Beachtung. 1999 sah es allerdings noch nicht so aus. Damals tranken Ingrid und Luca ihren ersten eigenen Wein. "Er war grauenhaft", erinnert sich Ingrid und lacht. Doch bereits 2004 holte Beins Merlot an der Basler Weinmesse eine Goldmedaille. "Ab 2003 machte der Wein Spass", sind sich die beiden einig. Ihre Weine werden auch in der Schweiz vertrieben – was die beiden als "Riesenglück" bezeichnen. 

Klare Arbeitsteilung

Luca Bein ist zuständig für die Weinproduktion, seine Frau ist die erste Testtrinkerin. Und sie übernimmt vor allem die administrative Arbeit. Dazu gehört auch das Organisieren der Arbeitskräfte, deren Anzahl je nach Jahreszeit schwankt. Mit der Einstellung allein ist es in Südafrika nicht getan.

Ingrid Bein muss sich auch darum kümmern, wie die Leute von ihren Dörfern zum Weingut kommen, dass sie alle verpflegt und am Ende des Tages in bar bezahlt werden. Bis zu 30 Arbeiterinnen und Arbeiter sind je nach Aufgabe im Einsatz. Festangestellt sind auf dem Weingut drei Personen.

In der abgelaufenen Saison ernteten Beins rund 15 Tonnen Trauben, die 11‘000 Liter Wein ergaben. Der ruht jetzt in den Stahltanks im Keller, bevor er in französische Eichenfässer umgefüllt wird und dort weiter reift.

Naturnah produzieren

Ingrid und Luca Bein sind glücklich mit ihrem neuen Leben in Südafrika. Die Tätigkeit als Tierärzte vermissen sie nicht und ihre Liebe zu Vierbeinern können sie auf ihrem Land ausleben. Zwei Esel, drei Hunde, zwei Katzen, Hühner und ehrere Laufenten gehören zur Familie. Letztere kümmern sich um die Schnecken im Rebberg. Denn Beins arbeiten möglichst naturnah.

"Unsere Produktion entspricht dem Schweizer Label ‘IP’", sagt Luca Bein. Bislang ist Bein Wines meistens von grösseren Krankheiten und Schädlingen verschont worden. "2012 gab es bei uns ein Feuer im Weinberg, das rund 500 Weinstöcke zerstörte, welche wir dann ersetzen mussten. 2014 regnete es extrem viel, was den Pilzdruck massiv erhöhte und viel zusätzliche Sortierarbeit bei der Ernte brachte", erzählt der Winzer.

In den Anfangszeiten des Weinguts litten die Reben unter der Rollblattkrankheit. Diese wird von Viren verursacht, die durch Schildläuse übertragen wird. "Zwar liessen wir 1996 zertifiziertes, krankheitsfreies Material pflanzen, trotzdem waren viele Stöcke infiziert", erklärt Luca Bein.

"So beschlossen wir im Jahr 2000, den Rebberg zu sanieren, indem wir alle infizierten Reben mit Gesunden ersetzten. Heute haben wir einen der ganz wenigen Rollblattkrankheit-freien Rebberge in Südafrika."

Gegen Schildläuse setzt er Nützlinge ein, der Strom kommt seit 2012 vor allem von der Solaranlage auf dem Dach des Wohnhauses. "So sind wir nicht zu sehr auf das öffentliche Stromnetz angewiesen, denn es gibt hier häufig Stromausfälle", sagt Ingrid Bein.

Politik bereitet Sorgen

Die grosse Wasserknappheit in der Region von Kapstadt betrifft auch "Bein Wines". Extremes Wassersparen ist angesagt und die Reben mussten dieses Jahr mit dem Minimum auskommen. Für Haus und Keller sammeln Beins Regenwasser in einem 10’000-Liter-Tank. Doch die Weinproduzenten blicken mit Sorge in die Zukunft, denn das Wasserproblem ist längst nicht gelöst. "Die gegenwärtige Trockenheit ist das eine, doch die Wasserknappheit hat auch mit politischem Versagen zu tun", sagt Luca Bein.

Auch die aktuelle politische Lage gibt zu denken. Aber wenn die Rede auf Enteignungen der weissen Bauern kommt, bleibt Luca gelassen: "Unser kleiner Betrieb ist nicht interessant für andere. Man muss nämlich genau wissen, wie man ihn bewirtschaftet, damit er einen Ertrag einbringt. Das Land an sich bringt kein Geld ein."

Zusammen mit seiner Frau möchte er in Südafrika alt werden und den Lebensabend geniessen, denn seit 2003 haben Beins eine Aufenthaltsbewilligung als "Permanent Resident" in Südafrika. Sollte sich die politische Situation aber zum Negativen verändern, hätten Beins jederzeit die Möglichkeit, in die Schweiz zurückzukehren. Doch sie hoffen auf einen positiven Richtungswechsel bei den Wahlen im kommenden Jahr. "Denn wir haben uns hier einen Traum erfüllt und fühlen uns sehr wohl auf unserem kleinen Weingut."

Unter Precision Viticulture (PV) versteht man Rebbau unter Berücksichtigung kleinräumiger Boden- und Bestandesunterschiede. PV beruht auf der Analyse eines Weinberges durch moderne Sensortechnik, u.a. Luftaufnahmen im Rot- und Infrarot-Bereich. Basierend auf solchen Bildern kann ein Weinberg in einzelne kleinere Zonen unterteilt werden, welche entsprechend individuell bewirtschaftet werden können, z.B. mit zonal angepasstem Rebschnitt, Düngung, Bewässerung,  Ertragsbeschränkung und  optimiertem Erntezeitpunkt.

Luca Bein nimmt am 4. Juni an der South African Wineshow in Zürich teil. Infos unter suedafrikaweine.ch

 

 

 

 

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