1.09.2018 12:44
Quelle: schweizerbauer.ch - Anita Merkt
Blog
Herzlicher Empfang für Säumer
Unsere Bloggerin Anita Merkt lebt seit 15 Jahren als Journalistin in Zürich. Sie berichtet von ihren Erlebnissen während des Saumzuges von Sachseln nach Domodossola. Sie nimmt mit Eselin Alina am Saumzug teil.

Unsere zweite Nacht in Italien verbrachten wir Säumer und Säumerinnen in Notfallzelten des Innenministeriums. Die blauen Zelte kommen normalerweise bei der Unterbringung von Erdbebenopfern zum Einsatz. Für eine Nacht waren die harten Matratzen o.k. Doch man möchte sich nicht vorstellen, mit einem Dutzend Menschen über Wochen in so einem Zelt zu hausen. 

Die Gemeindevertreter von Premia hatten uns gesagt, dass man im Gebäude neben den Zelten nur kalt duschen könne. Sie hätten aber einen Bus organisiert, der uns zu warmen Duschen fahren würde. Bis wir mit dem Einzäunen der Eselweide fertig waren, hatte dieser Bus seinen Dienst jedoch längst eingestellt. 

Voller Seife und ohne Wasser

Gleich neben der Toilette entdeckte ich eine Dusche und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass aus dem Duschkopf warmes Wasser sprudelte. Flux stellte ich mich darunter und freute mich darauf, den anderen von meiner Entdeckung zu berichten.

Doch als ich gerade schön eingeseift war, kam plötzlich kein Wasser mehr. Ich drückte immer wieder auf den Knopf und wäre schon heilfroh gewesen, wenn wenigstens kaltes Wasser gekommen wäre. Doch nichts ging mehr. 

Nachdem ich eingeseift in meiner Kabine ausgeharrt hatte und langsam anfing zu frieren, sah ich durch den Spalt in der Tür meine Mitsäumerin Denise auftauchen. Sie organisierte mir eine Petflasche, die sie mehrmals am Waschbecken füllte, bis ich die ganze Seife wieder vom Körper hatte. 

Barfuss nach Crevoladossola

Weil mir meine Füsse inzwischen so weh taten, dass ich sie nicht mehr in die Bergschuhe zwängen wollte, fragte ich einen der Wanderer, ob er Lust habe, meine Eselin Alina ein Stück weit zu führen. Thomas hatte sich vorher schon anderer Esel angenommen und kam gut mit den Tieren klar. Die nächsten zehn Kilometer bis Crevoladossola konnte ich dank Thomas barfuss zurücklegen, was meinen Füssen sehr guttat.

Zwischen den Dörfern Baceno und Crodo ist der Säumerweg der Wanderlandroute 40 ein alter Hohlweg mit moosbewachsenen Trockenmauern. Manchmal querten wir den Fluss Toce. Einige Male hatte ich sogar Gelegenheit, meine geschundenen Füsse im Fluss zu kühlen. Kurz vor Crevoladossola, wo wir Mittag essen würden, überquerten wir die romanische Bogenbrücke von Pontemaglio. 

"Bravi" und "Benvenuti"

In Crevoladossola begrüsste uns wieder der Bürgermeister mit viel Volk, der Trachtengruppe und einer Abordnung Carabinieri. Unsere Tourbegleiter verkauften auf dem Marktplatz den letzten Sbrinz, den die stämmigen Rösser der Pferdesäumer bis hierher getragen hatten. Unsere Esel waren wieder so erschöpft, dass sie sich während der Mittagspause auf den Boden legten und dösten. 

Von hier seien es nur noch zwei oder drei Kilometer bis Domodossola, machten uns die ortskundigen Mitsäumer Mut. Tatsächlich fanden wir uns schon bald in einem Industriegebiet am Stadtrand wieder. In den Wohnhäusern zwischen Granitblockhändlern, Metallverarbeitern und Supermärkten standen die Menschen auf den Balkonen und winkten uns zu. Wir grüssten mit „Buongiorno“, sie empfingen uns mit „Bravi“ und „Benvenuti“-Rufen. 

Bewunderung und Anerkennung

Je näher wir dem Stadtzentrum kamen, desto mehr Menschen standen an der Strasse, fotografierten und winkten uns zu. Durch eine schmale Altstadtgasse gelangten wir schliesslich auf den zentralen Platz, Reden wurden gehalten, Säumer und Begleitwanderer beglückwünschten sich, dass wir bis hierher durchgehalten hatten.

Viele Einheimische kamen und bedachten uns mit Bewunderung und Anerkennung für unsere tapfere Leistung. Eine junge Frau sagte mir mit Tränen in den Augen, sie fände es so wunderbar, dass wir Säumer an die Geschichte des Tales erinnerten und die Orte entlang der Sbrinz-Route mit der jährlichen Säumertour belebten. 

Ein richtiges Bett

Alina und ihr Stallgenosse Charly wurden von hundert Kinderhänden gestreichelt und von deren Eltern fotografiert. Für uns Säumer gab es Aperohäppchen, Bier, Wein und Hochprozentiges. Die Esel ertrugen das Betätscheltwerden und die Aufmerksamkeit mit bewundernswerter Geduld. 

Irgendwann kam das Signal zum Abmarsch. Unser Zug bewegte sich in Richtung eines ehemaligen Mädcheninternats, wo wieder richtige Betten auf uns warteten.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE