8.01.2015 10:51
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Uri
Hochlandrinder verletzen Nationalstolz
Seit Anfang Jahr ist Mike McCardell Pächter des Rütli. Der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger will statt Grauvieh schottische Hochlandrinder auf der Rütli-Wiese grasen lassen. Das sorgt aber für Unmut.

«Mike McCardell ist Schweizer Bürger, er ist hier geboren und aufgewachsen», sagte Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), welche die Rütli-Pacht vergibt, im Februar 2014. Nur sein Name sei nicht sehr schweizerisch.

Zu den Aufgaben des diplomierten Hoteliers gehört nebst dem Führen des Restaurants auch das Bewirtschaften des rund 3 Hektaren grossen Grundstücks. Bisher graste auf den Weiden Rätisches Grauvieh.

Anderes Lauf- und Fressverhalten

McCardell will nun Schottische Hochlandrinder aus der Zucht des elterlichen Betriebs auf das Rütli holen, berichtete das „Urner Wochenblatt“ Mitte Oktober. Zwei Muttertiere sollen zusammen mit ihren Jungtieren auf den Weiden grasen.  „Ausserdem besteht die Idee, dass wir Wollsäue und Pfauengeissen halten werden“, erklärt der 36-Jährige am Mittwoch gegenüber „20min.ch“.

Hochlandrinder beschädigen gemäss McCardell den Boden weniger als das Braunvieh. Dies weil sie ein anderes Lauf- und Fressverhalten hätten. Sie könnten deshalb länger auf dem nassen Boden laufen gelassen werden. Im Winter werden die Tiere auf dem Hof seiner Eltern leben.

Nationalstolz verletzt

Dass in der Wiege der Eidgenossenschaft nun solche Rinder heimisch werden sollen, gibt in der Innerschweiz Anlass zu Diskussionen.

In einem Leserbrief an die „Neue Luzerner Zeitung“ heisst es: „Geschätzter Herr McCardell, stellen Sie sich mal vor, es kämen in diesem Sommer Gäste aus England oder gar Schottland aufs Rütli. Und sie würden nicht nur Freude an dieser geschichtsträchtigen Wiese haben, sondern vermutlich erstaunt sein, auf diesem Fleckchen Erde auch noch Schottische Hochlandrinder anzutreffen, von denen in Schillers Geschichtsschreibung kein Wort zu finden ist.» Eine weitere Leserin der „NLZ“ fühlt sich gar in ihrem Nationalstolz verletzt. Sie bedauert, dass das „Schweizer“ Grauvieh den Schotten Platz machen müsse.

Keine Ausländerfeindlichkeit gegenüber Kühe

Der im Kanton Obwalden aufgewachsene McCardell kann die Kritik verstehen. „Ich stehe aber zu meinen Hochlandrindern“, so seine unmissverständliche Antwort gegenüber „20min.ch“. Bei der Wahl des neuen Pächters gab die Verbundenheit mit dem Rütli, der starke Akzent auf Lebensmittel aus der Region, das Flair für eine nachhaltige Landwirtschaft sowie die innovativen Ideen den Ausschlag für McCardell.

Die SGG stellt sich denn auch klar hinter die Absichten des neuen Pächters. Der Entscheid, Schottische Hochlandrinder auf das Rütli zu holen, sei unumkehrbar. «Dass sie kommen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche», sagt Lukas Niederberger, SGG-Geschäftsleiter, gegenüber „20min.ch“. Gemäss Niederberger grast erst seit dem 19. Jahrhundert Vieh auf dem Rütli. Der Bestand an Rätischem Grauvieh in der Schweiz sei nun aber gesichert.

Er verteidigt die Entscheidung des neuen Pächters. Es sei schwierig, reinrassiges Schweizer Vieh zu finden, weil viele Tiere künstlich befruchtet würden. Und: «Ausländerfeindlichkeit gegenüber Zweibeinern ist arg genug. Wenn sich dies auf Vierbeiner ausweitet, wird es absurd», betont Niederberger.

Rätisches Grauvieh

Die Wurzeln des Rätische Grauviehs gehen weit zurück. Die Rasse wird als Kreuzungsprodukt der Völkerwanderung bezeichnet. Bereits die Pfahlbauer kannten das Torfrind, das im 6. Jh. vor Ch. mit den Rätiern von Italien her mit damals grossrahmigen silbergrauen Rindern vermischt wurde. Aber auch die Kelten, die Alemannen und die Walser brachten ihr Vieh mit, schreibt die Genossenschaft der Grauviehzüchter auf ihrer Website. Im Kanton Graubünden war das Rätische Grauvieh noch vor hundert Jahren sehr stark verbreitet. Um das Grauvieh wieder anzusiedeln, musste Pro Specie Rara Tiere importieren. Seither hat sich das Rätische Grauvieh im Schweizerischen Berggebiet wieder etabliert.

Das Rätische Grauvieh ist ein kleines, leichtes, robustes und langlebiges Zweinutzungsrind. Es ist anspruchslos und anpassungsfähig. Züchter schätzen die gute Umsetzung von Raufutter in Milch und Fleisch. Somit eignet es sich besonders zur Nutzung von extremen und extensiven Weiden vor allem im Berggebiet. Genutzt werden die Tiere als Mutterkühe, für die Kälbermast und für die Verkehrsmilchproduktion.

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