14.08.2015 16:40
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Hochwasser
Hochwasser 2005: Schweiz heute besser gewappnet
Sechs Tote, tausende Evakuierte, unterbrochene Verkehrswege und Schäden in Milliardenhöhe: Heftige Regenfälle hinterliessen vor zehn Jahren in mehreren Regionen der Schweiz ein Bild der Verwüstung. Heute wäre die Schweiz besser gewappnet, sagen Experten.

Kräftiger, lang anhaltender Regen führte in der Schweiz vor zehn Jahren zu einem Jahrhundert-Hochwasser. Die Folgen der Niederschläge waren verheerend: Bäche, Flüsse und Seen traten über die Ufer, Hänge gerieten ins Rutschen und verschütteten Häuser, Strassen und Bahngeleise. Viele Orte, darunter Engelberg, blieben für Tage von der Umwelt abgeschnitten.

5000 Rutschungen

Mehr als 5000 Rutschungen und Hangmuren wurden dokumentiert, wie es im Synthesebericht zum Hochwasser des Bundesamts für Umwelt (BAFU) heisst. Vom Simmental bis ins Glarnerland habe es kaum ein Tal gegeben, das ohne grosse Schäden an Bach- und Flussläufen, Verkehrswegen, Häusern, Infrastrukturen oder an landwirtschaftlich genutztem Land davon gekommen sei.

Das Hochwasser kostete sechs Menschen das Leben und richtete Schäden in der Höhe von rund 3 Milliarden Franken an. Stark betroffen waren vor allem das Berner Oberland und in der Zentralschweiz: Drei Viertel der gesamten Schadensumme entfielen auf die fünf Kantone Bern, Luzern, Uri, Obwalden und Nidwalden.

Wucht überraschte auch Meteorologen

Der Verlauf und die Wucht der Ereignisse habe selbst erfahrene Fachleute überrascht, heisst es im 2008 erschienenen BAFU-Bericht. Eine Lehre, die für die Gefahrenbeurteilung aus dem Hochwasser gezogen werden müsse, sei: Alles ist möglich, auch das «Undenkbare». Das Hochwasser zeigte gemäss dem Bericht zudem auf, dass beim Risikomanagement «etliche Lücken und Schwachstellen» bestanden.

«Die Warnung kam zu spät und war zu unpräzise», erinnert sich der heutige BAFU-Vizedirektor Josef Hess, der damals Mitglied des kantonalen Führungsstabes Obwalden war, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. «Uns lief das Wasser schon zu den Stiefeln herein, als diese erste Warnung kam.»

Im Nachgang zum Hochwasser 2005 ergriffen die Behörden verschiedenste Massnahmen, um gegen das nächste Hochwasser besser gewappnet zu sein. Unter anderem wurden Mess- und Alarmsystem verbessert, und nicht zuletzt wurden zahlreiche bauliche Massnahmen in Angriff genommen, etwa der Bau des Entlastungsstollens in Thun.

«Besser vorbereitet»

«Heute wäre die Schweiz besser auf ein solches Hochwasser vorbereitet», sagt Christoph Hegg, stellvertretender Direktor der Eidg. Forschungsanstalt WSL und Projektleiter der Ereignisanalyse zum Hochwasser 2005. «Schadlos würde die Schweiz ein solches Hochwasser zwar nicht überstehen, aber es gäbe weniger Schäden als damals.»

Die Abflüsse wären zwar die gleichen. Aber: «Es würde sich einiges anders abspielen als damals.» Unter anderem würden heute die Seen vorab gesenkt, um mehr Volumen zu schaffen, zum Beispiel bei den Jurarandseen. 2005 sei dies praktisch nicht gemacht worden - obwohl es technisch möglich war. Die Abläufe seien jedoch nicht vorbereitet gewesen, sagt Hegg. «Heute funktionieren diese Abläufe bei Bund und Kantonen - und auch die Vorhersagen sind deutlich besser.»

Warnung vor allzu grossen Erwartungen

Vor allzu grossen Erwartungen warnt jedoch Stephan Bader, Klimatologe bei MeteoSchweiz: «Die Erwartung an die Prognose, dass es, wie geschehen, speziell das Diemtigtal und nicht das Kantertal trifft, ist viel zu hoch gegriffen.» Solches lasse sich nicht für einzelne Täler zwei oder drei Tage detailliert vorhersagen, weder heute noch in naher Zukunft.

Auch sind längst noch nicht alle geplanten baulichen Massnahmen umgesetzt. «An vielen Orten kommen die Projekte nicht so voran, wie es von der Dringlichkeit her eigentlich nötig wäre», sagt BAFU-Vizedirektor Hess.

Auch Schutzbauten altern

Viele bestehende Schutzbauten kommen zudem langsam in die Jahre, wie Hegg sagt. Es brauche daher viele grössere und kleinere Sanierungen, etwa beim Hagneck-Kanal. An einzelnen Orten müssen laut Hegg Schutzbauten ergänzt oder erhöht werden - auch wegen der Klimaerwärmung, wegen der Hochwasser häufiger werden können.

«Jedes Hochwasser, das sich heute ereignet, könnte es aber auch ohne die Klimaerwärmung geben», stellt Hegg klar. «Es gibt keine obere Grenze bei Naturgefahren. Die Skala, wie viel es regnet, ist immer nach oben praktisch offen.»

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