25.05.2014 06:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Elsbeth Schär
Leserreise
In Portugal scheint nicht nur die Sonne
Die erste «Schweizer Bauer»-Leserreise in diesem Jahr ging nach Portugal. Eine grosse Gruppe wollte das Land im Südwesten von Europa kennenlernen. Ein Land mit prächtiger Landschaft und grossen Gegensätzen.

«Wenn das nur gut geht!», dachten  sich die meisten «Schweizer Bauer»-Leserinnen und -Leser, als sie die Leserreise nach Portugal antraten. Ganz unberechtigt waren die Bedenken nicht, denn es hatten sich 57 Personen angemeldet. Eine grosse Gruppe, die ihre Erwartungen hatte.
Und es ist gut gegangen, denn die Reiseleiterin Barbara Schwitter und die lokale, perfekt Deutsch sprechende Reiseführerin Tanja Lawiack setzten alles daran, die Reisefreudigen nicht zu enttäuschen. Mithilfe moderner Technik, indem alle mittels einem «Knöpfchen im Ohr» mit der Reiseleiterin «verkabelt» waren, bekamen sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei den Führungen immer alles mit.

Gemüse und Milch

Vorweg ist zu erwähnen, dass das Wetter in Portugal der Leserreise-Gruppe   alles andere als gut gesinnt war! Es regnete praktisch jeden Tag. Für die Portugiesen war der Regen  ein Segen. Dass sie mit längeren Trockenperioden fertig werden müssen, bewiesen die imposanten Bewässerungsanlagen, die am Rande der Äcker standen.

Auf dem besichtigten 1500- Hektaren-Genossenschaftsbetrieb Agrotejo werden Zwiebeln, Kartoffeln, Broccoli, Kohl, Peperoni und Tomaten produziert. Rund 7000 Tonnen Zwiebeln werden von Hand geerntet. «Zeitarbeitsfirmen» vermitteln portugiesische Arbeitskräfte für den Gemüseanbau. Der Geschäftsführer musste sich auch der Frage stellen, wie es sich mit der EU verhalte? «Als Portugal in die EU eintrat, kamen enorme Veränderungen auf uns zu», war seine Antwort. Und hinter vorgehaltener Hand ergänzte er: «Wer zahlt, befiehlt…, ein Landwirt kann nicht mehr unabhängig bauern!»

Dass es in Portugal auch leidenschaftliche Holsteinzüchter gibt, davon konnten sich die Besucher aus der Schweiz auf dem Milchwirtschaftsbetrieb von  João überzeugen! Sein Betrieb liegt in der Umgebung von Aveiro, am Vouga-Fluss, unweit der  Atlantikküste. «In Portugal sagt man, dass die Schweizer die besten Kuhzüchter sind!», begrüsste er die Gruppe! Und: «Wir waren gestern mit unseren Elitekühen an einer nationalen Ausstellung, und da war ein Richter aus der Schweiz!» «Wie heisst er?», kam es wie aus einem Munde. Schnell rannte er in sein Büro und kam mit einem Zettel in der Hand zurück und rief: «Junker!»

Das Fachsimpeln begann! Es war nicht gerade einfach für Tanja Lawiack, fünf oder mehr Fragen gleichzeitig zu übersetzen und wiederum zu beantworten! Die ganze Schar bekam mit, dass im sauberen und grosszügigen Freilaufstall von João 105 Holsteinkühe sind, mit einem Durchschnittsalter von 4,7 Jahren und der Stalldurchschnitt bei 9000 kg liegt. Da zu seinem Betrieb bloss 35 Hektaren Land gehören, sind die Kühe immer im Stall. Mit Bedauern gestand er ein, dass er als Weidebetrieb nicht überleben könnte.

Ganz anders die Philosophie von Alfredo Cunial, Ingenieur auf der Biofarm «Freixo do Meio» in Alentejo. Mit viel Herzblut und voller Überzeugung wird auf dem 650 Hektar grossen Familienbetrieb nach biodynamischen Richtlinien  praktisch alles produziert ausser Milch und Fisch.

Wo der Kork herkommt

An den Korkeichen kommt in Portugal praktisch niemand vorbei! Und, dass aus Kork nicht nur Weinflaschenverschlüsse und Korkböden hergestellt werden, weiss nun auch die Leserreise-Gruppe!

Die Rinde wird im Hochsommer vom Stamm getrennt. Die Ernte der Korkrinde ist eine körperlich sehr schwere Arbeit. Nach der Ernte liegt sie noch ein paar Monate zum Trocken. In der Fabrik wird sie als Erstes während einer Stunde bei 100 Grad im Wasserbad gekocht. Wenn die Rinde wieder getrocknet ist, kann sie stabilisiert, flachgedrückt, und die Qualität bestimmt werden.

In der besichtigten Fabrik schneiden zwölf Mitarbeiter von Hand die Rinde zu. Die zugeschnittenen Stücke werden gebündelt und zur Weiterverarbeitung transportiert. Wie staunten da die Schweizerinnen und Schweizer beim Anblick von noblen Handtaschen, Portemonnaies, Ansichts- und Visitenkarten  oder sogar einem Abendkleid aus granuliertem Kork! 

Portugal nähergebracht

Der portugiesisch-deutschen Doppelbürgerin Tanja Lawiack lag enorm viel daran, der Reisegruppe aus der Schweiz Portugal näherzubringen. Zum einen die Schönheit der Landschaften.  Zum Beispiel die Weinanbaugebiete im Douro-Tal, die Naturwunder in der Algarve mit den Grotten und den bizarren Felsskulpturen aus rötlichem Stein, die Fels- oder die Sandstrände bei Lagos im Süden Portugals. Zudem hat Portugal auch grosse Mengen an Kulturgütern aus früheren Zeiten.

Die Reiseleiterin macht aber auch kein Geheimnis, dass Portugal ein Land ist mit grossen Gegensätzen: auf der einen Seite das moderne und neue Portugal mit Autobahnen vom Feinsten, wo aber nur wenig Autos unterwegs sind; feudale Raststätten, die auf Touristen warten, und moderne, gigantische Fussballstadien, die sich bis auf den letzten Platz füllen!

Auf der anderen Seite das arme Portugal. Das zeigt sich zum Beispiel in den Grossstädten, wenn ganze Häuserreihen zerfallen, weil einfach das Geld für eine Sanierung fehlt.

Grosse Arbeitslosigekeit

Als besonders trauriges Kapitel erwähnt Tanja Lawiack die Arbeitslosenzahlen in Portugal. In der Einführungsphase des Euro im Jahr 2000 habe die Arbeitslosigkeit bei 4,5 Prozent gelegen, und heute seien es über 15 Prozent. Noch desolater sehe es bei der Jugendarbeitslosigkeit aus: 37 Prozent der 15- bis 24-Jährigen hätten keinen Job. Das wiederum habe zur Folge, dass eine gewaltige Auswanderungswelle über das Land gehe. «In den vergangenen fünf Jahren ist  eine halbe Million Menschen in ein anderes Land geflohen», gibt Lawiack zu bedenken. Besonders Führungskräfte und Frauen und Männer mit einem Hochschulabschluss. Bevorzugte Ziele seinen ehemalige portugiesische Kolonien wie Angola, Mosambik und Brasilien.

Obwohl die Leserreise nach Portugal verregnet war, bleiben viele gute Erinnerungen, und es durfte auch viel gelacht werden.

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