2.01.2014 09:52
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
Kanderkorrektion: Pionierwerk - aber Fluch und Segen zugleich
Die Kanderkorrektion vor 300 Jahren war die erste bedeutende Gewässerkorrektion in der Schweiz. Bis heute ist das Pionierwerk für die Regionen am Thunersee Segen, aber auch ein wenig Fluch. Und es hat die Gegend tief geprägt.

Ein grosses Denkmal für den Vater des Pionierwerks, den Berner Vermesser Samuel Bodmer (1652-1724), sucht man am Thunersee allerdings vergeblich. Denn die Thuner waren seinerzeit nicht gerade gut auf ihn zu sprechen.

Pionier nicht überall beliebt

Eine alte Chronik weiss zu berichten: «... und wan die Thuner den Bodmer, der diss Werk angetriben ..., auf ein Zeit erwütscht hätten, sie hätten ihn gesteiniget, daher er zu seiner Sicherheit sein Landgut zu Amsoldingen verkaufft und ist weggezogen.»

Was war geschehen? Bodmer hatte zwar einen Teil des Thuner Umlands, nota bene dort, wo er Land besass, von der Hochwasserplage befreit, dafür aber anderen die Wassernot auf den Hals gehetzt. Allen voran der Stadt Thun und den Ufergemeinden am Thunersee.

Durch den Hügel in den See

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts floss die bisweilen ungestüme Kander vom Berner Oberland herkommend unweit des Thunersees durch das Thuner Umland und mündete schliesslich deutlich unterhalb der Stadt Thun in die Aare. Gleich gegenüber ergoss sich auch der Fluss Zulg in die Aare.

Da beide Flüsse viel Geschiebe mit sich führten, kam es in diesem Gebiet oft zu einem Wasserrückstau, der grosse Flächen unter Wasser setzte. Bodmer wollte deshalb die Kander oberhalb von Thun durch einen Hügelzug hindurch in den Thunersee leiten.

Ungeahnte Entwicklungen

1711 genehmigten die Behörden das Projekt. Bodmer begann umgehend, den Hügel treppenförmig abzutragen. Ein Vorgehen, das allerdings rasch Zweifel aufkommen liess. Mit Samuel Jenner wurde ein neuer Bauleiter eingesetzt, der nun einen Stollen durch den Hügel sprengte. 1714 floss die Kander erstmals durch das Loch in den Thunersee.

Allerdings frass sich der Fluss viel rascher und tiefer in sein neues Bett als geahnt. Der Stollen stürzte kurzum ein und hinterliess die heute noch sichtbare Schlucht bei Einigen. Durch die rasche Erosion fiel auch der alte Kanderlauf durch das Thuner Umland trocken, wie in Daniel L. Vischers Werk «Geschichte des Hochwassers in der Schweiz» zu lesen ist. Die Anstössergemeinden am alten Flusslauf hatten nun nicht weniger Wasser, sondern gar keines mehr.

Seezufluss um 60 Prozent erhöht

Mühlen, Sägen und Schleifen standen still, Trinkbrunnen waren leer. Ein Umstand, der mit der Umleitung eines kleinen Bächleins sofort korrigiert werden musste. Nicht zu wenig, sondern zu viel Wasser hatten stattdessen die Stadt Thun und die Ufergemeinden am See. Mit der Kander hatte sich der Seezufluss nämlich auf einen Schlag um 60 Prozent erhöht.

Für entsprechende Abflusskapazitäten war aber nicht gesorgt worden. Ein Umstand, der den Thunern letztlich noch bis ins 21. Jahrhundert Kopfzerbrechen bereiten sollte.

Nachbesserungen

Mit verschiedenen Massnahmen versuchte man schon früh, die Abflusskapazität der Aare aus dem Thunersee zu erhöhen. So wurde der Thuner Stadtgraben noch im 18. Jahrhundert zum Aare-Arm ausgebaut.

Nach und nach besserte sich die Lage, ganz beseitigen liess sich die Hochwassergefahr aber nicht. Das bewiesen eindrücklich auch die grossen Hochwasser von 1999 und 2005. Jüngstes Beispiel der Bemühungen, im Notfall mehr Wasser wegzubringen, ist der 2009 eingeweihte, millionenschwere Hochwasser-Entlastungsstollen in der Stadt Thun.

Ein «Lehrblätz»

Die Bevölkerung am Thunersee sah lange in Bodmer den Sündenbock für die Hochwasserproblematik, obschon es vorab die Berner Obrigkeit versäumt hatte, flankierende Massnahmen für einen grösseren Aareabfluss zu verfügen, wie in Vischers Buch weiter zu lesen ist.

Aus den Fehlern und Irrtümern der Kanderumleitung konnten immerhin wichtige Lehren für die nachfolgenden Projekte gezogen werden, etwa für die Linth- oder die Juragewässerkorrektion.

Garnisonsstadt mit eigenem Gepräge

Am Thunersee begriff man das Werk erst allmählich als Erfolg. Die Kanderumleitung prägte die Region aber auch auf ganz ungeahnte Weise. Thun wäre beispielsweise wohl nie zur bedeutenden Garnisonsstadt geworden, hätte man nicht im ehemaligen Kanderschwemmland grosse und für die Landwirtschaft unbrauchbare Landreserven, durchsetzt mit vielen Kiesbänken, gehabt. Die Armee machte daraus einen der grössten Waffenplätze der Schweiz.

Die beiden Aarearme, die Teile der Thuner Innenstadt wie eine Insel umschliessen, verleihen der Stadt schliesslich ein ganz eigenes Gepräge. Die lauschigen Plätze an der Aare weiss man heute durchaus zu schätzen.

In der Region Thun blickt man im Jubiläumsjahr im Rahmen diverser Veranstaltungen versöhnlicher auf die erste grosse Gewässerkorrektion der Schweiz zurück. Und Samuel Bodmer kommt doch noch zu einem Denkmal: Ab Ende Mai soll ein Gedenkstein an der Kander an ihn erinnern.

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