23.01.2020 10:27
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
Kein Futter: Farmer verzweifelt
Unsere Bloggerin Esther Schneiter ist derzeit in Australien. Zusammen mit ihrem Mann Töbu sieht sich die Lehrerin und Landwirtin die australische Landwirtschaft genauer an. Die verheerenden Brände und die Dürre haben grosse Schäden hinterlassen. Esther hat mit Farmern gesprochen. Ein Blog in zwei Teilen.

Den Brände in Australien begegnen auch Esther und Töbu. Eine Reise auf Kangeroo Island sollte zum Höhepunkt werden. Doch die Feuer verhinderten dies. Die Insel ist für ihre aussergewöhnliche Flora und Fauna berühmt. Die Buschfeuer haben jedoch einen Grossteil der Koala-Population getötet, seltenen Vogel- und Beuteltierarten droht die Ausrottung. Nun folgt Teil 2 von Esthers Reisebericht. Hier findet Ihr Teil 1

Plan B – eine gute Alternative

Als Alternative zur Kangeroo Island gingen wir direkt in die charmante Stadt Adelaide und machten uns auf Richtung Norden, in den Flinders Ranches Nationalpark und das Outback. Wir hatten uns wieder gefangen, sicherlich auch, weil es auf der 400 kilometerlangen Strecke regnete. Über fünf Jahre sei kein Regen gefallen. Und nun um 20 Millimeter, die Stimmung in den Flinders war gut.

Dennoch blieben wir nicht lange. Zwar ist es schön und einzigartig, aber die Sicht war getrübt, wie Nebel hing über den Bergen, doch es war Rauch. Zudem sind die meisten Wanderwege wegen der Brandgefahr geschlossen. 

Ein Nichts im Outback – ausser grüne Gärten

So starteten wir unseren kleinen Camper wieder und machten uns auf den Weg an die Ostküste durchs Landesinnere. Das Bild, das sich bietet, ist rasch beschrieben: topfeben, gerade Strassen, kaum Tiere und nichts zu fressen. 

Ausser den grünen Gärten in den grösseren Dörfern und Städten wie Broken Hill gleicht diese Region eher einer Mondlandschaft. Wir waren etwas erstaunt über die enorme Bewässerung in den Gärten. Und daneben sahen wir Schafe ohne Gras und Wasser. 

Wasser – das grosse Problem

Der Papeterie-Verkäufer von Nyngan versteht dies auch nicht. Auch er hat vom grossen Wasserproblem berichtet. Viele Dörfer hätten keine Wasserversorgung und somit riesige Probleme. Zudem sei die Wasserverteilung häufig nicht oder unfair geregelt. 

Wer nahe an der Versorgung wohne, könne Wasser im Überfluss vergeuden. Wer weiter weg wohne, bekomme was, übrig bleibe. Oft würden die Probleme in Australien nur verlagert und nicht gelöst, gibt er sich regierungskritisch.

Heu von Süden nach Osten

Das sei auch mit dem Heu so. Immer wieder sahen wir monströse Trucks mit Heu, die auch zur Ostküste fuhren. Das Heu war für die Katastrophengebiete bestimmt und stammt aus Südaustralien.

Auf den ersten Blick sieht dies nach dringend nötiger Hilfe aus. Doch der Papeterie-Verkäufer winkt ab: «In Südaustralien haben die Farmer selber viel zu wenig Futter, weil es auch dort zu trocken ist!» So würden diese Tiere noch mehr hungern.

Bis 45°C – wir lernen schnell

Beim Durchqueren des Outbacks hatten wir an zwei Tagen sehr heiss, bis zu 45°C. Und in der Nacht sank die Temperatur nicht unter 30°C. Wir sind erstaunt, welcher Durst diese Hitze mit sich bringt, über sieben Liter haben wir täglich getrunken. Der Schweiss lief fast in der derselben Menge an uns herunter. 

Die Tiere, die wir sahen, hatten wohl nicht so viel Wasser zur Verfügung. Auch andere Unannehmlichkeiten bringt dies mit sich. Beispielsweise sind die Toiletten bei den Highway-Raststätten in Blechhäuschen und aus Metall. Der Toilettenrand wird so unerträglich heiss, dass bestimmt niemand zu lange sitzen bleibt.

Für 10 Millionen Heu gekauft 

Luftlinie etwa 300 Kilometer vor der Ostküste trafen wir wieder Beef an, extrem dünne Tiere auf erdigen Flächen, Futter war keines zu sehen. Wir sahen zufällig den Farmer, ein älterer Herr, der erschöpft wirkte. 1975 habe er 3000 acres (2,4 acres = 1 Hektar). von seinem Vater übernommen, heute besitze er 28‘000 acres (11'600 ha). Er hatte rund 4000 Tiere, die Herde habe er nun halbiert, wegen des Futtermangels. 

In den letzten zwei Jahren hat er für zehn Millionen Dollar (6.64 Mio. Fr.) Heu gekauft! Wenn er 50 Dollar pro 100 Kilogramm bezahlt hat, was dem durchschnittlichen Preis hier entspricht, ergibt dies gerademal 250 Kilogramm pro Tier und Jahr. Auf den Feldern, auf denen die Rinder stehen, hatte er Getreide. Doch dreschen konnte er dieses nicht, wegen der Dürre ist kein Korn gewachsen. Nun hat er als letzte Massnahme den Boden bearbeitet, dass die Tiere auch die letzten Stoppeln noch fressen können.

Kein Brandgebiet – keine Hilfe

In dieser Region sei normalerweise alles grün, doch das Wasser fehle seit Jahren, führte der Farmer aus. Das Tragische an der Situation: Es ist kein Brandgebiet und somit bekommt es auch keine Hilfe von der Regierung. Zwei Monate nach der Geburt habe er die Muttertiere von den Kälbern getrennt und auf die Feedlots verkauft. Er wisse, dass es seiner Herde miserabel gehe, doch was solle er machen, fragte er uns verzweifelt.

Fast keine Tiere mehr – alle geschlachtet

Auf der Weiterfahrt sahen wir kaum Tiere. Im Visitor-Center in Glenn Innes wurde uns mitgeteilt, dass die meisten Tiere aus Verzweiflung der Farmer geschlachtet wurden. Zutritt zu Feedlots ist unmöglich, wir haben telefoniert, Mails geschrieben und sind spontan vorbei gefahren. 

Doch keiner will uns auf dem Gelände. Wir wissen nicht genau, was dort alles passiert, doch bin ich fast glücklich für jedes Tier, das dort sein darf. Es hat wenigstens Futter und Wasser.

Gespenstische Stille

Um an die Küste zu gelangen, war die Durchfahrt von Brandgebieten nötig. Hier hat es im November gebrannt und seither ist Regen gefallen. Es herrscht gespenstische Stille, kein Vogelzwitschern, keine Kängurus, nicht einmal die lästigen Fliegen sind da. 

Doch die Bäume erwachen langsam zu neuem Leben. Für viele Pflanzenarten ist Feuer nötig für die Vermehrung, zudem dringt wieder Licht auf den Boden. Während für die Tiere das Feuer ein Fluch ist, ist es für viele Pflanzen ein Segen. 

Momentan sind wir in Coffs Harbour und es regnet leicht. In den letzten Tagen unserer Reise wollen wir noch einige Milchfarmen besuchen und die warmen Temperaturen geniessen.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE