8.09.2014 06:22
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Klimawandel
Klimawandel bedroht Ostafrikas Gletscher
Der Schnee des Kilimandscharo ist bedroht vom Klimawandel. Ganze Ökosysteme sind von den Gletschern der Berge Ostafrikas abhängig. Und sehr viele Menschen.

Als Nikunj Shah zum ersten Mal den Mount Kenia bestieg, wickelte er sich Plastiktüten um seine Schuhe. So sollten die Füsse beim Überqueren der Gletscher trocken blieben. Das war 1989, und Shah war damals 18 Jahre alt.

Fels statt Schnee

Seitdem hat er den 5199 Meter hohen Berg 52 Mal bestiegen und kennt ihn wie seine Westentasche. Heute sei seine Ausrüstung besser und Schnee in den Stiefeln kein Problem mehr, sagt Shah: Die Gletscher des Mount Kenia sind fast verschwunden.

Ursache ist der Klimawandel. In den späten 80ern und 90ern waren die Bergsteiger jenseits des letzten Lagers nur noch im Schnee unterwegs, erzählt Shah. «Heute geht man nicht mehr im Schnee, sondern auf dem Felskamm.» Der Mount Kenia, der Kilimandscharo in Tansania und das Ruwenzori-Gebirge in Uganda sind seit Jahrhunderten Anziehungspunkte in der Region. Bilder der schwarzen Gesteinsmassen mit ihren weissen Gipfeln zieren Banknoten und Bierflaschen.

Fast die Hälfte der Gletscher ist nicht mehr da

Touristen bringen jedes Jahr Hunderte Millionen Euro, in Kenia erwirtschaftet der Tourismus zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Etwa 30'000 Menschen besuchen jedes Jahr den Mount Kenia, wie der Chefwildhüter im Simon-Gitau-Nationalpark sagt. Der Blick auf Afrikas Gletscher allerdings könnte bald der Vergangenheit angehören. Die Schneegebiete werden von Jahr zu Jahr kleiner. Es sei möglich, dass sie ganz verschwinden, sagt Keith Alverson vom UNO-Umweltprogramm (UNEP).

Am Mount Kenia etwa sind bereits acht der ursprünglich 18 Gletscher verschwunden. Eine Studie aus dem Jahr 2011 zeigt, dass der Lewis-Gletscher, der grösste noch verbliebene, seit 1934 etwa 90 Prozent seines Volumens eingebüsst hat.

Vor fast 130 Jahren Eiskappe zehn Mal grösser

Als Forscher 1880 die Eiskappe des Kilimandscharo vermassen, war sie 20 Quadratkilometer gross. 2009 waren auf Afrikas höchstem Berg (5895 Meter) nur noch weniger als zwei Quadratkilometer Eis. Es könne nicht vorausgesagt werden, wann das Eis ganz verschwunden sein werde, sagt UNO-Experte Alverson. Dies könnte schon in einem Jahrzehnt geschehen.

Nach Angaben des Weltklimarats IPCC schmelzen derzeit in allen Weltregionen Gletscher ab, besonders schnell unter anderem in den USA, Westkanada und Mitteleuropa. Zudem nehme die Geschwindigkeit der Gletscherschmelze insgesamt zu.

Es gibt zwei Theorien für das Verschwinden der ostafrikanischen Gletscher: Entweder schmelzen sie direkt aufgrund der steigenden Temperaturen, oder die Verdunstung steigt wegen sich ändernder Wetter- und Niederschlagszyklen. «Aber in jedem Fall hat es mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel zu tun», sagt Alverson. «Das ist nicht nur eine natürliche Schwankung.»

Veränderungen für Landwirtschaft

Das Verschwinden der Gletscher wirkt sich auf Ökosysteme und die Landwirtschaft in den Tälern aus, die auf das Wasser der jährlichen Schneeschmelze angewiesen sind. Wenn die Gletscher schmelzen, werde es zunächst mehr Wasser und in der Folge auch mehr Landwirtschaft geben, sagt Alverson.

«Aber wenn das Wasser weg ist und sie nur noch vom Regen abhängen, wird das unberechenbarer.» Die Berge versorgen auch einige von Afrikas bekanntesten Naturschutzgebieten mit Wasser. Nur eine drastische Reduktion der weltweiten Kohlendioxidemissionen könne die Gletscher retten, meinen Umweltschützer. Auch beim UNO-Klimagipfel in New York am 23. September werden die Gletscher wieder Gesprächsthema sein.

Die Gletscherschmelze könnte in Afrika selbst wohl allenfalls gebremst werden: Eine Möglichkeit wäre, Emissionen von schwarzem Rauch - verursacht durch Autoabgase oder das Verbrennen von Kohle - zu reduzieren. Die Russpartikel lagern sich auf den Gletschern ab und beschleunigen die Schmelze. Gletscher mit Plastikplanen abzudecken, wie dies in Europa mancherorts gemacht wird, ist zu teuer für Kenia oder Tansania.

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