28.11.2016 12:10
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Gesundheit
Krankheit tötet Feldarbeiter
In Mittelamerika geht eine mysteriöse Krankheit um. Der Epidemie sind schon Zehntausende Menschen zum Opfer gefallen - mehr als an Leukämie, Diabetes und Aids zusammen. An der chronischen Niereninsuffizienz sterben vor allem die Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern.

In Industrieländern leiden vor allem Pensionierte an Nierenunterfunktion. Auslöser sind Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck. In Mittelamerika sind es junge Männer. Fast alle haben auf den Zuckerrohrfeldern gearbeitet. Ursachen könnten Pestizide und die harten Arbeitsbedingungen sein.

Auslöser noch unbekannt

In der nicaraguanischen Ortschaft Chichigalpa war die Unterfunktion der Nieren in den vergangenen zehn Jahren für 46 Prozent aller Todesfälle bei Männern verantwortlich.

«Noch ist nicht ganz klar, was die Krankheit auslöst, aber es hat auf jeden Fall mit der Arbeit auf den Feldern zu tun», sagt der ehemalige Zuckerrohrschneider Juan Salgado. Er hat selbst 36 Jahre lang Zuckerrohr geschnitten und ist jetzt Präsident der Fundación La Isla. Die Stiftung unterstützt erkrankte Arbeiter und treibt die Forschung über die Ursachen der unkonventionellen Niereninsuffizienz voran.

Pflanzenschutzmittel im Verdacht

«Wir haben es mit einem Notstand im öffentlichen Gesundheitswesen zu tun, aber wir wissen noch nicht genau, was eigentlich los ist», sagt die Biologin Rebecca Laws von der Universität Boston. Auch eine Studie, an der sie mitgearbeitet hatte, fand keine klaren Gründe. Die meisten Forscher glaubten an mehrere Ursachen und dass sie zumindest teilweise etwas mit den Arbeitsbedingungen zu tun hätten.

Eine Hypothese geht davon aus, dass die auf den Zuckerrohrfeldern verwendeten Pestizide für die Krankheit verantwortlich sind. Aber auch die harten Arbeitsbedingungen kommen als Ursache in Betracht. Die Männer schneiden oft zwölf Stunden lang bei bis zu 40 Grad Celsius das Zuckerrohr. Auf den Feldern gibt es kaum Schatten und nur wenig zu trinken. In Kuba beispielsweise, wo Zuckerrohr vor allem maschinell geerntet wird, ist die Krankheit noch nicht aufgetaucht.

Studie sieht keinen Beweis

Auch in El Salvador grassiert die Krankheit. Seit rund 15 Jahren beobachtet der Arzt Ricardo Leiva steigende Patientenzahlen. «Wenn sie zu uns ins Spital kommen, können wir oft nicht mehr viel tun. Wir müssen Präventionsarbeit leisten und die Krankheit früher diagnostizieren», sagt der Nierenspezialist des Rosales-Hospitals.

Eine von der Zuckerindustrie in Auftrag gegebene Studie der Universität Boston kam 2010 zu dem Schluss, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis gebe, dass die Chemikalien und Arbeitsbedingungen die Niereninsuffizienz auslösen. Der Zusammenhang sei zwar plausibel, aber noch nicht bewiesen. Dazu seien weitere Untersuchungen nötig.

Kein Rückhalt

Im nicaraguanischen Chichigalpa leben fast alle Familien von der Zuckerproduktion. Der grösste Zuckerhersteller der Region, Ingenio San Antonio, und der Rumhersteller Flor de Caña gehören der reichen Familie Pellas. Entschädigungen will das Unternehmer den Arbeitern nicht zahlen, weiterbeschäftigt werden die erkrankten Männer aber auch nicht.

Bei Protesten von ehemaligen Arbeitern marschiert die Polizei auf. «Die Regierung will nicht, dass bekannt wird, dass die Leute hier sterben wie die Fliegen», sagt Valdivia. Firmenchef Carlos Pellas steht dem immer autoritärer herrschenden Präsidenten Daniel Ortega nahe. In Chichigalpa zerstört die Krankheit das soziale Gefüge. Weil die meisten Männer krank sind, können sie nicht mehr für ihre Familien sorgen. La Isla - das Dorf inmitten der Zuckerrohfelder, das der Stiftung ihren Namen gab - wird im Volksmund nur die «Insel der Witwen» genannt.

Auch Frauen sterben

«Viele Kranke wollen lieber sterben, als ihren Familien zur Last zu fallen», sagt Maria Eugenia Cantillano, deren Vater an Niereninsuffizienz starb. Die hohen Medikamentenkosten treiben die Familien in den Ruin, für die teure Dialyse in der Hauptstadt Managua haben die meisten kein Geld.

«Jetzt arbeiten schon Frauen auf den Zuckerrohrfeldern, um ihre Familien durchzubringen», sagt Cantillano. Auch sie werden krank. Chichigalpa wird langsam entvölkert.

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