Montag, 8. März 2021
23.11.2012 09:54
Volkskultur

Kuhwürger, Schweineschwanzdreher und Katzenstrecker

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Von: sda

Dass Berner «Mutzen» sind, Basler «Bebbis» und Zürcher «Hegel», weiss jeder. Wo aber wohnen die Kuhwürger, Schweineschwanzdreher und Leichenkneter? Und womit haben sie sich diese Spitznamen verdient?

Etliche Ortsnecknamen bezeichnen kulinarische Gewohnheiten: So  werden die Bewohner von Bottmingen BL Brotfrässer genannt, die von  Zernez GR Hundefrässer und die von Münster VS Bärufrässer.

Auch andere Tätigkeiten haben zu freundnachbarschaftlichen  Spitznamen geführt. Die Bäsebinger im solothurnischen Wolfwil waren  vermutlich eine geachtete Berufszunft und die Bhietigotten in  Pontresina GR hatten wohl eine etwas auffällige Art zu grüssen.

Aber warum heissen die Laviner in Graubünden Kuhwürger und im  Wallis die Unterbächer Schwieschwanzdrehär und die Ulricher  Lichechnäter? Oft stecken Legenden dahinter, häufig ein  unterstellter Schildbürgerstreich.

Misshandelte Tiere

In Unterbäch etwa erzählt man sich, dass einst zwei Männer um ein  Schwein stritten. Der Klügere zog am Kopf, der Unterbächer am  Schwanz des Tieres – der dann auch die einzige Trophäe war, die er  nach Hause nehmen durfte.

Eine etwas glaubwürdigere Erklärung will, dass die beiden Bäche,  zwischen denen Unterbäch liegt, wie Ringelschwänze durch die  Landschaft schlängeln.

Seltsames wird den Luzernern nachgesagt, die den Spitznamen  Chatzestrecker haben. Das Schweizerische Idiotikon zitiert eine  Quelle, die behauptet, die Luzerner hätten auf Reisen gern Katzen  gestreckt und ihnen das Fell abgezogen, um daraus Mützen zu machen. Auch hier ist die Erklärung viel banaler. Die Luzerner mussten  früher, wenn sie nach Einsiedeln pilgerten, den Pass Katzenstrick  überqueren.

Vom Aussterben bedroht

Dorfübernamen, ist auf Wikipedia zu lesen, seien eine kulturelle  Spezialität des Engadins. Hier irrt die Plattform; gemäss dem  Standardwerk «Volkskunde der Schweiz» von Richard Weiss waren  Ortsnecknamen früher in der ganzen allemannischen Schweiz verbreitet.   Diejenigen im Engadin sind allerdings besonders schön  dokumentiert: in der Gedichtsammlung «Burlescas d’Engiadina» (1880) – Engadiner Possen, was uns zurück zu den Schildbürgern bringt.

Im Oberwallis wurden alte Spitznamen den Bewohnern vor ein paar  Jahren wieder in Erinnerung gerufen, als eine Bank eine stilisierte  Landkarte mit 61 Oberwalliser Ortsnecknamen auf Beizen-Tischsets  drucken liess. Ebenfalls präsent bis heute sind die Gemeinde- Kosenamen im solothurnischen Gäu.

Neuschöpfungen

Naturgemäss am bekanntesten sind die Kantonsnecknamen:  Zigerschlitz für Glarus, Mostindien für Thurgau, Rätisch-Kongo für  (romanischsprachiges) Graubünden etwa oder – neueren Datums –  Bonzischtan für Zug.

Die Obwaldner sind Tschifeler, weil sie den Lombardischen  Tragkorb «civéra» benutzten, die Nidwaldner Reissäckler, weil sie  das Säckchen für Reiseproviant in ihre Kantonstracht integrierten.

Der Aargau wird Rüeblikanton genannt – nicht etwa der Karotten  wegen, sondern weil in Fabriken entlang der Aare der gerippte  (Rippli) Manchester-Stoff gewoben wurde. Mit Gösgen kam die  Bezeichnung Nukleaargau.

Puffer-Zone und Gaza-Streifen heisst der Kanton Aargau heute  wenig schmeichelhaft im Jugendslang der benachbarten Metropole  Zürich. Dort neckt man allerdings auch sonst recht derb, mit  Bezeichnungen wie Golan-Höchi für das Enge-Quartier und  Verballhornungen wie Gwaltstette und Gfoerlike.

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