24.05.2020 07:16
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Bern
«Landwirtschaft und Musik geben Freiheit»
Statt den elterlichen Hof in Ferenbalm BE zu übernehmen, wurde Simon Bucher Pianist. Heute spielt er nebst klassischen Konzerten mit der Mezzosopranistin Stephanie Szanto bei «The High Horse».Sie spielen Eurodance Songs. Im Opern-Stil.

Auf den ersten Blick wirkt alles, als würde man gleich etwas Klassisches hören. Ein Stück von Schubert etwa oder eine bekannte Opernarie. In einem Video aus einem Konzertmitschnitt des Duos The High Horse (das hohe Ross) sieht man einen elegant gekleideten Mann an einem Flügel. Davor steht eine Frau in einer langen schwarzen Robe. 

Irritierend ist auf dem Video nur das Gelächter des Publikums. Und schliesslich beginnen die beiden sich auf der Bühne auch etwas übertrieben zu gebärden, als nähmen sie die ganze klassische Welt auf die Schippe. Als die Sängerin schliesslich singt, erkennt man keine Opernmelodie. Trotzdem klingt das Lied bekannt. Text und Melodie erinnern verdächtig an «Macarena», einen Partyhit aus den 1990er-Jahren. Tatsächlich, es ist dieses Lied. Vorgetragen mit vielen melodiösen Ausschmückungen durch Klavier und Gesang. Es klingt klassisch und doch geht der Party-Song nicht ganz verloren. 

Eurodance «operieren»

Songs der Stilrichtung Eurodance «operieren», also in einen operesken Stil übertragen, ist das Konzept von The High Horse, das aus Pianist Simon Bucher und der Mezzosopranistin Stephanie Szanto aus Bern besteht. 

«Klassische Musik ist nicht steif und Eurodance ist nicht trivial», ist ihre Überzeugung. Sie wollen weg vom Schubladendenken. Dass alle klassischen Musikerinnen und Musiker und deren Publikum elitär seien und dass populäre Musik plump und ohne Anspruch sei. Nach langen Jahren auf klassischen Bühnen kam die heute 34-jährige Stephanie Szanto auf die Idee, die beiden Stile zu verbinden. Als sie schliesslich die Möglichkeit bekam, damit aufzutreten, musste sie sich konkret vorbereiten. 

«Ich sagte mir, jetzt musst du all deinen Mut zusammennehmen und diesen Simon Bucher fragen, ob er mitmacht, und hoffen, dass er dich nicht auslacht», erzählt sie über ein Videotelefon. «Dieser» Simon Bucher ist auch dabei. «Ich war sofort begeistert. Ich erkannte das Lustvolle, den Witz und die Ironie hinter der Idee», sagt er.

Nicht ausgelacht 

Die Umsetzung der Idee war aber gar nicht so einfach. «Wir stellten uns absichtlich die Herausforderung, Lieder, die – wenns hoch kommt – aus drei Akkorde bestehen und einen möglichst dummen Text haben, in klassische Stücke zu verwandeln», sagt Simon Bucher. «Wenn wir uns beim Hören eines Liedes anschauen, laut lachen und denken, das können wir niemals ‹operieren›, ist das Lied gewählt», sagt er und die beiden lachen.

Mittlerweile haben sie so viele Stücke operiert, dass sie  letztes Jahr eine CD herausgeben konnten. «The High Horse – Best of Worst Vol. 1» heisst sie. (Das Beste des Schlimmsten). Damit stiessen sie auf Interesse. Verschiedene Medien wie SRF 2 haben bereits über sie berichtet ebenso Radiostationen in Deutschland, Österreich und England. Und es sind viele Konzertanfragen gefolgt (die nun aufgrund von Corona weitgehend abgesagt oder verschoben wurden).

«Soweit wir wissen, sind wir die einzigen, die etwas in dieser Art machen», sagt Simon Bucher. Deshalb erstaunt es nicht, dass auch das Publikum Interesse zeigt. «Viele Liebhaber klassischer Musik kommen zu uns und sagen, dass sie so etwas nie für möglich gehalten hätten und dass sie toll finden, was wir machen», sagt Szanto. «Wir spüren kaum elitäre Haltungen und hören keine negativen Bemerkungen.» Das zeige, dass die Klassikwelt womöglich doch nicht so verstaubt und elitär sei, wie man gemeinhin meinen könnte, ergänzt Bucher. 

«Ich karikiere mich»

Bucher und Szanto kennen die Klassikwelt seit Jahren. Mit diesem Projekt nehmen sie sich und ihre Rolle darin aufs Korn, wie Szanto sagt. «Ich karikiere mich bei jedem Auftritt extrem.» Hört man die lachenden Leute aus dem Publikum an einem Konzert, das Anfang dieses Jahr in Bern stattgefunden hat und auf Youtube zu sehen ist, merkt man, dass diese Ironie, diese klassische Ironie, wie das eine Journalistin des Musikblogs Rockette beschrieben hat, gut ankommt. Vermutlich nicht zuletzt, weil Szanto und Bucher mit soviel Lust und Verspieltheit dabei sind. 

Der Facettenreichtum Buchers zeigt sich nicht nur durch dieses Projekt. Der 40-Jährige kommt nicht etwa aus einer Musikerfamilie. Er ist Bauernsohn. Aufgewachsen ist er in Ferenbalm BE auf einem kleinen Milchwirtschaftsbetrieb. «Mein Vater hat den Hof von seinen Eltern übernommen und meine Muter, eine Chemikerin, wohnte zur Miete im Stöckli. Zwischen den beiden hat es gefunkt, und später kam ich auf die Welt», erzählt er. Sein Vater habe neben dem Bauern eine Leidenschaft für die Kunst gehabt. Er habe immer gepfiffen beim Melken und anderen Arbeiten. Und er habe aus  Altmetall Skulpturen gebaut. 

Klavier in der Scheune

Die Eltern hätten gemerkt, dass ihr Sohn Freude am Klavierspiel hatte. Von seinem Altmetall-Händler konnte der Vater ein Klavier kaufen. Das stellten sie dem Sohn in die Scheune, wo er übte. Später durfte er es ins Haus nehmen. 

Während dieser Zeit hat sich die Frage gestellt, ob  er den Hof übernehmen wollte. «Ich bin ein Einzelkind und da steht die Frage natürlich irgendwann im Raum.» Er habe aber den Weg in die Musik genommen und seine Eltern waren nicht enttäuscht.  Noch heute sei er aber sehr verbunden mit dem Hof. «Es ist für mich ein wichtiger Rückzugsort», sagt er.   Seine Mutter lebt noch dort, die zehn Hektaren, die dazu gehören, sowie ein paar Gebäude werden nun aber von zwei Nachbarsbauern gepachtet und genutzt. 

Er sehe im Bauern und in seinem jetzigen Dasein auch einige Parallelen.  «Als Bauer ist man  an seinen Hof und die Tiere gebunden, gleichzeitig ist man aber selbstständig und frei. Als Musiker bin ich durch meine Leidenschaft an mein Instrument gebunden. Ich kann nicht davon weg, weil ich nicht will. Gleichzeitig bin ich aber auch selbstständig und frei. Ja, ich denke, dass Landwirtschaft und Musik einem das Gefühl von Freiheit geben, so der Bauernsohn und Pianist.

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