14.01.2019 08:04
Quelle: schweizerbauer.ch - khe
Bern
Mit 800 Tieren durchs Schneegestöber
Markus Nyffeler aus Rüeggisberg BE ist zum zum 27. Mal mit seiner Wanderherde unterwegs. Mit Romantik hat das nichts zu tun.

Es ist eisig kalt auf den Hügeln des bernischen Brügglen. Schnee und Regen kämpfen um ihren Platz, während die Bise dem genüsslichen Blick auf Gantrisch- und Stockhornkette den Reiz abknappt. Am Wegrand steht Markus Nyffeler, vor ihm eine Herde robuster Schafe. Nyffeler ist einer der wenigen Wanderhirten, die es in der Schweiz noch gibt. Von Mitte November bis Mitte März zieht er mit seinen Tieren von Kehrsatz durchs Gürbetal über den Längenberg und wieder zurück. Nächste Woche gehts mit 800 Schafen nach Mamishaus und Schwarzenburg.

Bewilligung einholen

Wer glaubt, das Schafehüten sei ein leichtes, vergnügliches Handwerk, der irrt. Bevor mit der Wanderung gestartet werden kann, müsse beim kantonalen Veterinäramt eine Bewilligung eingeholt werden, erklärt Nyffeler. Jeder Hirte habe anzugeben, wie viele Tiere er mitführt und welche Wanderroute er beabsichtigt. „Der Kanton Bern teilt die Gebiete anschliessend den Hirten zu“. Nyffeler, der alle Jahre wiederkommt, habe seinen Bezirk auf sicher. Neue Hirte müssten oft warten, bis einer mit dem Wandern aufhört. Das Gras zur Fütterung der Schafe sei begrenzt.

Wandern bringt Vor- und Nachteile

Konflikte mit Landwirten seien selten. Bauern die nicht wollen, dass ihr Land überquert wird, würden sich meist vorgängig melden. Daran muss er sich halten. Gewisse befürchten, dass die Grasnarbe beschädigt wird. Die Meinungen gehen jedoch auseinander. Nyffeler sieht nur Vorteile: Der Dünger kräftige den Boden und die Hufe festigen ihn. Gehe der Bestand zu hoch in den Winter oder bleiben Futterreste zurück, kann der Wiederaustrieb im Frühjahr verzögert werden. Grasen die Schafe die Weiden ab, wird genau dies verhindert. 

Zudem sind Winterweiden eine Form der artgerechten Tierhaltung und vom Konsumenten gern gesehen. Es dauert zwar länger bis die Lämmer schlachtreif sind, dafür sei die Fleischqualität deutlich besser als bei Tieren die im Stall ausgemästet werden. Und trotzdem: Die Abnehmer bezahlen nicht mehr. Aktuell gibt es kein Label dafür.

Wanderhirten haben in der Schweiz eine lange Tradition. Schafe, die den Sommer auf der Alp verbracht haben, wandern zwischen November und März mit den Wanderhirten durch das Schweizer Unterland. Heute sind nur noch 20 bis 30 Wanderhirten im Einsatz. sda

Den kalten Nächten muss Nyffeler nicht trotzen. Vor dem Eindunkeln werden die Schafe eingezäunt. Der Landwirt verbringt die Nacht im nahegelegenen Daheim. Mit seiner Lebenspartnerin Barbara Gisiger führt er in Rüeggisberg einen Bauernbetrieb. Auch sie ist Schafhirtin. Die beiden scheinen ein gutes Team zu sein. Während er ganztags draussen bei den Schafen ist, übernimmt sie zusätzlich den Haushalt und die Versorgung der trächtigen Auen sowie der drei Pferde und der Hunde.

Herausforderung für Berufsschäfer

Die Wanderherde bietet eine traditionelle Lösung um die Lämmer nach der Sömmerung auszumästen. Diesen Winter ziehen rund 30 Schafherden von Weide zu Weide. Diese Zahl relativ stabil, bestätigt der Bericht von Agridea. „Ab 1. Januar 2020 müssen alle Schafe mit zwei Ohrmarken markiert sein, eine elektronisch und eine konventionell“, erläutert Nyffeler im Interview mit schweizerbauer.ch.

Jede Geburt und jede Bewegung, Sömmerung, Winterweide, Schlachthof oder Verkauf, müsse in der Tierverkehrsdatenbank einzeln gemeldet werden. Nur die Anzahl Tiere sei nicht mehr ausreichend. Die TVD für Schafe und Ziegen sei beschlossene Sache, der Mehraufwand sei für Berufsschäfer so jedoch kaum realisierbar, ist Nyffeler, überzeugt. Daher setzt sich der Verband Schweizer Berufsschäfer für eine realitätsnahe Umsetzung ein.

Regelung Tierverkehrskontrolle

Der Bund sieht vor, die Tierverkehrskontrolle bei den Schafen und Ziegen auszubauen. Gleich wie bei Tieren der Rindergattung sollen Tierhaltende künftig sämtliche Geburten, Zu- und Abgänge, Ein- und Ausfuhren sowie Verendungen von Tieren an die Betreiber der Tierverkehrsdatenbank (TVD) melden.

Nur so kann die Einzeltierrückverfolgbarkeit auch bei den Schafen gewährleistet werden. Bereits vorhandene Tiere müssen nach- oder ummarkiert werden. Neu müssen bei jeder Verschiebung zu einem anderen TVD-Standort die Ohrmarkennummern der einzelnen Tiere auf dem Begleitdokument aufgeführt werden, auch betriebsintern.

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