8.09.2018 10:48
Quelle: schweizerbauer.ch - Anita Merkt
Blog
Mit Eseln über Grimselpass
Unsere Bloggerin Anita Merkt lebt seit 15 Jahren als Journalistin in Zürich. Sie berichtet von ihren Erlebnissen während des Saumzuges von Sachseln nach Domodossola. Sie nimmt mit Eselin Alina am Saumzug teil.

Heute Nacht haben wir in Guttannen im Zivilschutzbunker geschlafen. Eigentlich mag ich diese unterirdischen Anlagen überhaupt nicht. Weil es aber nach Regen aussah, war ich trotzdem froh um ein trockenes Bett. Lange schlafen konnten wir sowieso nicht. Weil auf uns und die Esel 9 Stunden Marsch und über 1000 Höhenmeter warteten, mussten wir schon um Viertel nach 5 aufstehen. 

Anfangs ging es der jungen Aare entlang zügig bergauf. Wir genossen das sonnige Wetter, die abwechslungsreiche Pflanzenwelt und die schönen alten Wege. An einer Stelle mussten wir über eine riesige abschüssige Felsplatte, in die Treppen eingemeisselt waren. Einmal überquerten wir eine altehrwürdige Steinbrücke.

Von Autofahrern gefilmt

In der Ferne war die Passstrasse über den Grimsel zu sehen. Dann tauchte vor uns die erste graue Staumauer auf. An einer Kraftwerksanlage der KWO gab es einen kurzen Apero. Danach liefen wir mit den Eseln über die erste Staumauer, neben uns der Stausee, vor uns das Hochgebirge mit letzten Schneeresten.

Weil es über mehrere Kilometer keine Alternative zur Passstrasse gab, mussten wir an der stark befahrenen Strasse entlang laufen. Motorräder und Autos rauschten an uns vorbei. Manchmal ein unerschrockener Fahrradfahrer. Die meisten Autos fuhren langsam, die Fahrer winkten und lächelten uns zu, Beifahrer filmten unseren Säumertross. Einmal filmte der Fahrer selbst, während er an uns vorbeifuhr.

Füsse kühlen


Das Hochgebirge und die Staumauern waren gigantisch, doch die Strasse, die sich in langen Serpentinen zum Pass hinaufwand, wollte nicht enden. Meine Füsse schmerzten in den starren Bergschuhen, das lange Gehen auf dem Asphalt machte alles nur noch schlimmer.

Als wir eine Rast mit Apero einlegten, riss ich mir die Schuhe von den Füssen, stand barfuss in ein kleines Bächlein und auf die weggeworfenen Eiswürfel, die das spendierte Himbeereis gekühlt hatten. Mein Mitsäumer Thomas nahm ein paar Würfel und massierte mir damit die hochgelegten Füsse – eine echte Wohltat. Doch plötzlich war wieder Aufbruch. Die Pferdesäumer, die den Zug anführten, waren schon in Bewegung. 

Esel in Panik

Ich zog mir so schnell es ging die Socken und die Wanderschuhe an. Doch bis ich bei Alina war, waren auch die Eselsäumer schon aufgebrochen. Meine kleine Stute bekam Panik, dass sie allein zurückbleiben müsse. Sie zerrte am Strick, an dem sie angebunden war, und zog damit den Knoten so fest, dass ich ihn nicht mehr losbekam. Nur mit Hilfe eines zurückgebliebenen Säumers konnte ich schliesslich den Strick lösen.

Alle Pferde und Esel waren schon auf der anderen Seite des riesigen Platzes. Alina stürmte kopflos in ihre Richtung und schleifte mich mehr oder weniger hinterher. Ich setzte alles daran, sie nicht loszulassen, verlor meinen Hut und der Strick riss die Haut meiner Finger auf. Die Wanderer riefen und sammelten meinen Hut ein, während ich mit letzter Kraft neben meinem Esel herrannte. Schliesslich erreichten wir Alinas Artgenossen und sie beruhigte sich wieder. 

Grimselhospitz als Zwischenziel

Nach einiger Zeit tauchte am Hang über uns das Grimselhospiz auf. Ich wusste, dass das noch nicht die Passhöhe war. Aber das Hospiz war schon mal ein Zwischenziel. Es stand auf einer Art Felsinsel mitten in einem der drei Grimsel-Stauseen. Die Landschaft mit dem Schnee, einem kleinen Gletscher, einem Wasserfall und den kargen Felsen hatte trotz der ganzen Kraftwerksanlagen und Hochspannungsleitungen etwas Magisches. 

Das letzte Stück vor der Passhöhe konnten wir zum Glück wieder weg von der Strasse. Wir schraubten uns Kehre um Kehre den steinigen Weg nach oben. Das Gras wurde braun und auf dem letzten Stück vor dem Pass konnte jeder sich zwischen Wanderern und Fotografierenden selbst seinen Weg suchen.

Heil den Berg runter

Als wir über das Grasbord auf die Passhöhe kraxelten, wurde jeder einzeln von einer kleinen Menschengruppe begrüsst. Die Leute applaudierten und riefen „Bravo“. Ich kam mir vor, wie ein siegreicher Gladiator oder ein Marathonläufer, der die letzten Meter durchs Ziel läuft und durch die jubelnde Menschenmenge taumelt. Wir hatten es geschafft!

Der Abstieg nach Obergesteln im Wallis war dann nur noch ankommen wollen. Als wir das Dorf tief unten an der Rhone zu sehen bekamen, dachte ich: „Oh Gott, wir müssen doch wohl nicht bis da runter“. Mussten wir aber. Auf dem Weg ins Tal bin ich oft gestolpert. Oder liess den Strick so lange baumeln, dass Alina ihre Beinchen  darin verhedderte. Aber schliesslich haben wir auch das geschafft und sind alle heil unten angekommen. 

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