29.06.2018 06:33
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Bern
Munitionslager irritiert Bergdorf
Im vor 71 Jahren in die Luft geflogenen ehemaligen Munitionsdepot Mitholz der Armee im Berner Oberland besteht ein höheres Explosionsrisiko als bisher angenommen. Der Bund hält es allerdings nicht für nötig, Sofortmassnahmen zu ergreifen.

Wie der Bundesrat am Donnerstag bekannt gab, hatten Beurteilungen in den Jahren 1949 und 1986 ergeben, dass es bei einer weiteren Explosion im Munitionsdepot nur zu kleinen Schäden käme. Eine Truppenunterkunft und ein Lager der Armeeapotheke in dieser Anlage könnten weiterbetrieben werden.

Planung für neues Rechenzentrum

Bei Planungsarbeiten für ein neues Rechenzentrum in der Anlage haben nun aber Untersuchungen ergeben, dass äussere Einwirkungen wie ein Felssturz eine Explosion verursachen könnten. Diese Explosion könnte auch Schäden in der nahen Umgebung anrichten. Als Auslöser für eine Explosion kommen auch der Einsturz von Anlageteilen oder eine Selbstzündung von verschütteten Munitionsrückständen in Frage.

Die Grenzwerte für die heute geltenden Regelungen im Umgang mit Risiken werden jedenfalls nicht eingehalten. Deshalb hat der Bundesrat an seiner Sitzung vom Mittwoch das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) beauftragt, weitere Abklärungen zur Risikobeurteilung und zur Senkung des Risikos zu treffen. Eine departementsübergreifende Arbeitsgruppe soll das tun.

Dorf wird nicht evakuiert

Wie Bundesrat Guy Parmelin am Donnerstag in Mitholz vor den Medien sagte, besteht keine Notwendigkeit, das Dorf Mitholz zu evakuieren oder die Strasse zum Autoverlad Lötschberg nach Kandersteg zu sperren. Auch die Bahn ist nicht betroffen. Die Hauptgefahr bestehe in der Anlage selber. In Mitholz vernichteten 1947 drei grosse Explosionen etwa die Hälfte der dort eingelagerten 7000 Bruttotonnen Munition. Neun Menschen starben, als herumfliegende Felsbrocken Häuser trafen, sieben wurden verletzt, 200 obdachlos. Der Grund für die Explosionen konnte nie restlos geklärt werden.

Heute befinden sich laut einer Schätzung noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff in den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor. Ein Experte sagte, insbesondere der Verbleib einer grösseren Menge von Fliegerbomben sei ungeklärt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein kleineres Ereignis, also eine kleinere Explosion, eintreten könne, liege bei einmal pro 300 Jahren, ein grösseres Ereignis bei einmal pro 3000 Jahre. Sicherheitsmassnahmen seien zwingend erforderlich, die Grenzwerte seien zum Teil massiv überschritten.

Gemeinderat «durcheinander»

Die Ortschaft Mitholz gehört zur Gemeinde Kandergrund. Der Kandergrunder Gemeindepräsident Roman Lanz sagte vor den Medien, der Gemeinderat sei nach der Information durch den Bund konsterniert und ein bisschen durcheinander. Er könne die Neuigkeiten noch nicht einordnen. Er sei froh, dass das VBS eine Hotline für die Bevölkerung einrichte.

An einer Informationsversammlung für die lokale Bevölkerung am Donnerstagabend gab es kaum Wortmeldungen. Ein Bürger sagte, er sei froh um die Information und bat um komplette Information - auch langfristig. Bundesrat Parmelin sagte den schätzungsweise 70 anwesenden Einwohnern, der Bundesrat werde alles tun, um die Situation zu klären.

Einwohner über Menge überrascht

Eventuell müsse das Dorf Mitholz zu einem späteren Zeitpunkt vorübergehend evakuiert werden. Etwa wenn man das Areal von den Munitionsresten räumen möchte, sagte der Berner Regierungsrat Christoph Neuhaus zu der Zeitung "Der Bund".

«Was mir merkwürdig erscheint, ist das ganze Rösslispiel: Dass sogar der Bundesrat persönlich erscheint, nur um zu sagen, es sei nicht gefährlich», sagt ein Einwohner von Mitholz gegenüber der "Berner Zeitung". Eine Einwohnerin zeigt sich überrascht über die grosse Menge an Munition. Verkaufen will sie ihr Haus aber nicht. 

«Als ich das alles vernommen habe, war ich ziemlich aufgelöst. Trotzdem bin ich froh über die offene Information. Ich bin jetzt etwas beruhigt und kann sicher trotzdem schlafen. Wir wollen es nicht dramatisieren, denn wir leben jetzt schon siebzig Jahre mit dieser Munition», hält eine weiter Einwohnerin fest. Sie habe Vertrauen in die Behörden.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE