23.06.2018 15:38
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Bern
Nach fast 50 Lehrlingen ist fertig
Ruth und Christian Zurflüh führen einen Milchwirtschafts- und Ackerbaubetrieb in Riedtwil BE. Dieses Jahr bilden sie ihren 46. Lehrling aus. Es wird der letzte sein. Die Zurflühs hören Ende Jahr mit Bauern auf.

«Wenn du das Gras weggebracht hast, kannst du einen Kaffee trinken kommen.» Ruth Zurflüh steht in der geräumigen Küche ihres Bauernhauses und spricht mit Lukas Jufer, ihrem Lehrling. Als der junge Mann draussen ist, holt sie einen Cake mit Schokolade und Haselnüssen aus dem Kühlschrank. «Ich backe immer Kuchen, damit der Lehrling, mein Mann und ich am Morgen etwas Süsses zum Kaffee haben», sagt sie.

Sie setzt sich neben ihren Mann und vertreibt eine Fliege. «Ende Juli ist Lukas mit dem zweiten Lehrjahr fertig. Dann zieht er aus, und wir haben zum ersten Mal, seit wir den Betrieb übernommen haben, keinen Lehrling», sagt ihr Mann Christian Zurflüh.  Er wird dieses Jahr 65 und damit pensioniert. «Die Kühe geben wir im Winter auch weg. Aber daran will ich jetzt noch gar nicht denken.» Er atmet schwer.

Ein Leben mit Kühen

Sein ganzes Leben lang hatte er Kühe. Er ist auf einem Hof im Emmental aufgewachsen, ist 1981 auf den Hof seiner Frau gekommen und hat ihn zusammen mit ihr übernommen. Seit da führen sie den Milchwirtschafts- und Ackerbaubetrieb. Damit soll aber Ende Jahr fertig sein. Der Betrieb wird nicht in dieser Form weitergeführt.

Denn keines der vier Kinder übernimmt den Hof so, wie er jetzt ist. «Unser jüngster Sohn hat Landwirt gelernt und hätte den Betrieb sehr gerne übernommen.» Das zu betonen, ist den Zurflühs wichtig. «Aus gesundheitlichen Gründen ist es ihm aber nicht möglich.» Deshalb verkaufen sie die Kühe. Die Ackerfläche und die Schweine behalten sie vorerst. Und sie bleiben im Bauernhaus. «Der älteste Sohn ist Gemeindeverwalter und seine Frau Bäuerin. Sie werden hier einsteigen und den Betrieb nebenberuflich führen», erzählt Ruth Zurflüh. Lehrlinge werden sie aber keine mehr ausbilden.

Jung bleiben

«Das wird seit 1958 das erste Mal sein, dass auf diesem Betrieb kein Lehrling arbeiten wird», sagt die Bäuerin. «Bereits mein Vater, Klaus Wüthrich, der heute 90 Jahre alt ist und im Stöckli wohnt, hatte jedes Jahr zwei Lehrlinge.» Christian Zurflüh lacht. «Genau, als ich auf diesen Hof gekommen bin, hat er sofort zu mir gesagt: ‹Die Ausbildung der Lehrlinge ist jetzt deine Aufgabe.›»

Dank der Meisterprüfung und den Tipps des Schwiegervaters habe er das von Anfang an gut stemmen können. Zudem sei es für ihn ein Vorteil gewesen, dass die Schwiegereltern regelmässig junge Leute auf dem Hof hatten. «Dadurch waren sie gewohnt, mit neuen Ideen umzugehen. Ich hatte deshalb immer ein gutes Verhältnis zu den Eltern meiner Frau.»

Eigene Arbeitsweise überdenken

Auch ihm selbst habe es extrem viel gebracht, dass er immer junge Menschen auf dem Betrieb gehabt habe. «Dank den Anregungen, die sie aus der Schule mitbrachten, musste ich manchmal meine eigene Arbeitsweise überdenken. Dadurch bin ich jung geblieben. Ausserdem wusste ich immer, was in der Landwirtschaft gerade aktuell ist», so der Bauer.

Er habe aber auch versucht, seinen Lehrlingen viel weiterzugeben. «Vor allem am Anfang, vor dreissig Jahren, setzte ich mich regelmässig mit ihnen hin um mit ihnen Schulisches zu lernen.» Das sei heute anders: «Sie bekommen den ganzen Prüfungsstoff an der Berufsschule vermittelt.» Was die Arbeit auf dem Hof angehe, gebe es aber noch gleich viel zu erklären. Und das sei gut. «Es ist erfreulich, wenn man nicht den ganzen Tag alleine arbeiten muss», so Zurflüh. Mittlerweile ist Lukas Jufer zurück an den Tisch gekommen. «Nicht wahr Lukas, es ist doch schön, wenn man einander jeden Morgen guten Tag sagen kann?» Lukas nickt. Er ist zufrieden mit seiner Lehrmeister-Familie. «Man merkt, dass Zurflühs viel Erfahrung haben, und sie konnten mir viel weitergeben», sagt er.

«Er ist schlau!»

Lukas Jufer will später den Betrieb seiner Eltern in Lotzwil BE übernehmen. Obwohl die Situation in der Landwirtschaft nicht einfach ist. «Das wird schon irgendwie gehen», sagt er. «Er ist auch schlau!», wirft sein Lehrmeister ein. «Dir fällt bestimmt irgendeine interessante Nischenkultur ein.»

Christian Zurflüh räumt aber auch ein, dass das Bauern nicht mehr das Gleiche sei wie noch vor 30 Jahren. «Früher produzierten wir möglichst grosse Mengen Getreide und Kartoffeln. Der Ertrag machte das Einkommen. Das ist heute leider nicht mehr so.» Heute sei es sehr wichtig, dass man ökologisch bewirtschafte. Das erwarte die Bevölkerung von der Landwirtschaft. So müsse man heute das Geld rausholen. «Über Produktepreise können wir unmöglich mehr existieren», sagt Zurflüh. «Das ist für einen alten Bauer wie mich manchmal schwierig.» Ebenso das Administrative. «Wenn ich das nicht mehr machen muss, bin ich froh», sagt er. Ruth Zurflüh legt ihrem Mann die Hand auf den Arm. Er blickt auf den Tisch.

Viel Glück gehabt

Nebst dem Abschiedsschmerz drückt Zurflüh auch seine Dankbarkeit aus. «Wir hatten sehr grosses Glück. Kein einziges Mal hatten wir Probleme mit einem der 46 Lehrlinge. Nie hat sich einer schlecht benommen, Alkohol oder Drogen konsumiert, immer waren es anständige junge Leute.» «Ja, wir mussten nie ein Verhältnis auflösen», ergänzt Ruth Zurflüh.

Zudem seien sie immer vor Unfällen verschont geblieben. Und es sei interessant gewesen, die verschiedenen Menschen kennenzulernen. Die Lehrlinge waren von Anfang an stark in unserer Familie integriert. «Sie wohnen in unserem Haus und essen mit uns. So lernt man sich schnell kennen», sagt die Bäuerin.

Die Welt bereisen

«Wir haben auch von den Lehrlingen profitiert. Dank ihnen hatte ich die Möglichkeit, in der Gemeinde- und Vereinspolitik aktiv zu sein», sagt Christian Zurflüh. «Nicht, dass ich sie ausgenützt hätte!», betont er. «Aber, wenn ich tagsüber an eine Sitzung musste, konnten sie mich auf dem Betrieb vertreten.» Auch in die Skiferien fuhren sie jedes Jahr eine Woche.

Etwas länger in die Ferien fahren  werden sie auch in den nächsten Jahren. «Wenn es die Gesundheit zulässt, werden wir sicher noch etwas die Welt bereisen. Wir müssen es ausnutzen, dass wir keine Kühe und keine Lehrlinge mehr haben», sagt Zurflüh und lächelt seine Frau mit etwas traurigen Augen an.

Betriebsspiegel

Zurzeit bewirtschaften Ruth und Christian Zurflüh  29 Hektaren Land sowie 12 Hektaren Wald, halten 24 Kühe, hauptsächlich der Rasse Red Holstein, 100 Mastschweine und  einige Mutterschweine. 

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