18.03.2020 07:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Bern
Nicht jeder Schatz beschert Reichtum
Einmal im Leben einen verborgenen Schatz finden. Wovon manch einer ein Leben lang träumt, kann für jene, die das «Glück» haben, tatsächlich auf einen zu stossen, zur Herausforderung werden.

Vor drei Jahren hat Hans-Ueli Steinmann beschlossen einen neuen Stall zu bauen. Derzeit befindet sich sein bereits über 40 Jahre alter Stall mit Platz für etwa 20 Milchkühe noch mitten im Dorf Richigen bei Worb BE.

Am Anfang lief alles rund


Im neuen Stall, den er etwa 1½ Kilometer ausserhalb dem Dorf im Weiler Rohrmoos baut, will er Mutterkühe halten. Anfänglich schien alles rund zu laufen – sogar sehr rund. Steinmann erinnert sich: «Wir haben erst mal bei verschiedenen Ämtern nachgefragt, ob unser Projekt bewilligungsfähig ist, und wir haben überwiegend positive Berichte zurückbekommen.» Auch das Bewilligungsverfahren lief reibungslos. 

«Mitte März letzten Jahres habe ich die Unterlagen eingereicht und schon Anfang Juni haben wir die Baubewilligung bekommen.» Mitte September war die Finanzierung gesichert, sodass dem Baustart, der auf Ende Oktober geplant war, nichts mehr im Weg stand.

Auflagen bekommen

«Wie viele andere Bauherren hatte auch ich die Auflage für die archäologische Baubegleitung bekommen», erzählt Steinmann weiter. In der Folge schauten jeden zweiten Tag Archäologen auf der Baustelle vorbei – damit gerechnet, dass sie tatsächlich auf einen Schatz stossen könnten, hat er aber nicht. Zumal beim Aushub der ersten rund 15 Zentimeter Humus noch nichts zum Vorschein kam, das irgendwie von Interesse war.

Doch dann, es war an einem Freitagnachmittag, wie Steinmann sich genau erinnert, stiess man auf Funde, die archäologisch von Bedeutung sein könnten. «Ab sofort durften wir nur noch lose Erdhaufen verschieben, aber nicht mehr weiter baggern», erzählt Steinmann. 

Es war ein Schock

Am Montag darauf kam die Nachricht, dass sich etwas Brisantes im Erdreich verbergen könnte – und keine 24 Stunden später wurde der Baustopp verfügt. «Nur einen Tag später hätten wir den Baukran aufstellen wollen», erzählt Steinmann. Auch die Mannschaft des beauftragten Bauunternehmers stand bereit und hätte in Kürze damit begonnen, Beton zu giessen.

«Jetzt aber musste ich zwei Tage lang herumtelefonieren, um alles abzusagen. Es war ein Schock», sagt Steinmann, aber wenigstens hatte er insoweit Glück, dass der Bauunternehmer kulant war und nicht mit teuren Forderungen an ihn gelangte, weil seine zehn Angestellten nun keine Arbeit hatten – und dass der Kran, der pro Monat etwa 5000 Franken Miete kostet, nicht schon aufgestellt war. «Wir konnten das alles noch stoppen, buchstäblich in letzter Minute», erzählt  Steinmann. 

Setzt auf Koorperation

Statt rechtlich gegen den verfügten Baustopp vorzugehen, beschloss Steinmann zu kooperieren. Er hat lediglich drei Sofortforderungen gestellt, nämlich 1. seinen Angestellten Manuel Zurbuchen bei den Ausgrabungen mit zu beschäftigen, 2. sofort damit anzufangen, und 3. ein Enddatum zu garantieren, bis wann die Ausgrabungen abgeschlossen sein müssen.

Manuel Zurbuchen hat Steinmann eigens für den Stall-Neubau eingestellt – statt ihn jedoch gleich wieder auf die Strasse zu stellen, kann der junge, gelernte Landwirt nun bei den Ausgrabungen mithelfen. Auch für ihn sei das mal was Anderes, etwas Besonderes, wie er sich ausdrückt. Und doch meint er: «Ich empfinde nicht dieselbe Begeisterung, die man bei den Archäologen spürt.» Wenn die Ausgrabungen Ende April abgeschlossen sein werden, arbeite er lieber wieder als Landwirt.

Stolz schwingt mit

Gefunden haben die Archäologen nicht etwa Truhen voll Gold. «Ich sehe mich auch lieber als Realist denn als Pirat», sagt Steinmann und schmunzelt. Stattdessen haben die Archäologen ein paar Steine gefunden, Scherben und Gruben – Spuren einer urgeschichtlichen, 3500 Jahre alten Siedlung. Die Begeisterung hält sich sowohl bei Steinmann als auch bei Zurbuchen in Grenzen – umso grösser ist aber die Euphorie bei den Archäologen.

«Es handelt sich um sehr bedeutende Funde aus einer bisher schlecht bekannten Epoche unserer Geschichte, noch dazu in einem archäologisch kaum bekannten Gebiet», sagt Kantonsarchäologe Adriano Boschetti. Der Schutz dieser Kulturgüter, also die Bergung der wertvollen und ausserordentlich gut erhaltenen Funde, lässt sich der Kanton Bern 160'520 Franken kosten.

«Wenn das alles mal vorbei ist, werde ich bestimmt zurückschauen und stolz darauf sein, dass mein neuer Stall an einem Ort steht, wo schon vor 3500 Jahren Menschen gelebt und gearbeitet haben», erzählt Steinmann.

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