18.12.2015 09:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Anita Neuenschwander
Bauen
Schindeln sind gefragter denn je
In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden die Schindeln durch das Eternit vollkommen verdrängt. Mittlerweile wird der Werkstoff Schindel aber von jungen Architekten wieder vermehrt geschätzt und verbaut. Mit Bildstrecke

Als Josef Bucher, der Grossvater der heutigen Geschäftsführer Hansjörg und Markus Bucher, vor 100 Jahren das Sägewerk im luzernischen Escholzmatt gründete und mit der Holzschindelerzeugung begann, konnte er nicht ahnen, dass dieser solide Werkstoff ein Jahrhundert später, im Zeitalter von Beton und Kunststoff, wieder gefragter sein würde denn je.

Kehrtwende eingeläutet

In der Schweiz gibt es mittlerweile fast keine Betriebe mehr, die noch handgefertigte Schindeln herstellen. Denn durch den Siegeszug des Eternits in den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Holzschindel als Werkstoff fast vollkommen vom Markt verdrängt, und mit ihr war auch das Handwerk des Schindelmachers vom Aussterben bedroht.

Hansjörg Bucher dazu: «Damals mussten wir unsere drei Schindler anderweitig beschäftigen. Es gab eine Verlagerung der Angestellten von der Schindlerei in die Sägerei.» Mittlerweile hat sich das Blatt aber gewendet. Im Betrieb seien jetzt drei Handschindler und fünf weitere Angestellte mit der Schindelproduktion beschäftigt sowie drei bis vier Frauen, welche Rundschindeln zu Elementen zusammennähten, berichtet Bucher. «Tendenz steigend», freut er sich.

Holzwahl

Schindeln werden laut Bucher aus drei Hauptholzarten hergestellt: für sichtbare Schindeln (Fassaden, Dächer) wird Fichten- und Lärchenholz, im Unterdachbau Weisstanne verwendet. Wichtig ist: Es muss unbedingt Gebirgsholz sein, und dieses wächst ab einer Meereshöhe von 1300 m. «Es braucht ein starkes, fein gewachsenes Holz, damit man daraus Schindeln spalten kann. Deshalb verarbeiten wir nur Bäume, die 200 bis 250 Jahre alt sind und einen Durchmesser von mindestens 50 cm aufweisen», erklärt der Fachmann.

Was zudem zu 100 Prozent beachtet wird: Es wird nur Holz verarbeitet, das im Winter geschlagen wurde. Weil aber das ganze Jahr Holz für Schindeln gebraucht wird, wird es ab April/Mai gewässert, so bleibt es laut Bucher frisch. Er legt auch Wert darauf, dass das meiste Holz aus der Unesco-Biosphäre Entlebuch kommt. «Für Weisstannen müssen wir etwas weiter gehen, diese beziehen wir aus dem Gebiet Schallenberg, zum Teil schon in der 4. und 5. Generation vom selben Bauern.»

Vom Stamm zur Schindel

Bis aus einem Stamm eine handgespaltene Schindel entsteht, durchläuft er etliche Arbeitsprozesse. Vorab wird er in Trämel gesägt, welche die Länge aufweisen, die die Schindel am Schluss hat. Diese werden geviertelt, Rinde und Splinte entfernt – die «Rohmüsele» (der Holzrohling) entsteht. Der Rohling wird auf die gewünschte Breite geschnitten und mit Messer und Holzschlegel zu Schindeln gespalten.

Je nachdem, wie und wo sie verbaut werden, weisen die Schindeln eine Dicke zwischen 2 und 10 Millimeter auf. Schliesslich werden die Schindeln zu Bünden von 100 oder 250 Stück zusammengebunden. Besonderes Merkmal einer handgespaltenen Schindel: Diese ist immer rechteckig. Die klassischen Rundschindeln, wie man sie oft an Fassaden sieht, werden maschinell gemessert und gestanzt. Um die Effizienz bei der Montage zu erhöhen, werden Rundschindeln zu grösseren Elementen zusammengenäht. Dies geschieht in feuchtem Zustand, damit sie nicht brechen.

Handwerk lernen

Bis man das Handwerk des Handschindelns beherrscht, dauert es laut Hansjörg Bucher rund ein halbes Jahr. Was dann noch ausgebaut werden müsse, sei die Leistung. «In Spitzenzeiten hatten wir einen, der machte 900 Schindeln in der Stunde. Momentan sind wir bei 400 bis 500 Schindeln, was einer guten Leistung entspricht.» 

Obwohl das Handschindelnmachen ein seltenes Handwerk  ist, hat Bucher keine Angst, dass er genug junge Leute findet, die sich dafür interessieren. «Es braucht den Typ Mensch, der ein Flair für Holz sowie die Freude und das Interesse hat, das Innere des Holzes zu entdecken. Ich habe das Glück, dass ich junge Leute habe, die sich fürs Handschindelnmachen interessieren.»

Ob von Hand oder maschinell gefertigt, eine Schindelfassade hat, wenn alles richtig gemacht wurde, eine Lebenserwartung von 40 bis 50 Jahren, bei Lärchenholz sogar bis 80 Jahre und mehr. Diese Langlebigkeit scheint ein Grund für die hohe Nachfrage zu sein.

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