23.06.2019 06:04
Quelle: schweizerbauer.ch - khe
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Schottland zwischen Stall und Studium
Katrin Müller geht auf Reisen. Für ein Austauschsemester fährt die Agronomie-Studentin gemeinsam mit Freund Simon Küng nach Schottland. Zwei Monate wollen sie bauern, auf einem Betrieb mit 800 Milchkühen.

Köniz-Liebefeld, am Rande der Stadt Bern. Ein Einfamilienhaus steht neben dem anderen. Nicht unbedingt das, was man von einem Zuhause einer Bäuerin erwartet. Zumindest nicht auf den ersten Blick: Am offenen Eisentor steht eine junge Frau Anfang zwanzig. Sie trägt kurze Jeanshosen, T-Shirt, die langen Haare offen über den Schultern.

Katrin Müller ist gelernte Landwirtin und studiert Agronomie an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften. Nächste Woche stehen die Prüfungen des zweiten Semesters an. Dann heisst es: Koffer packen. Auf nach Schottland. Gemeinsam mit Freund Simon Küng reist sie für ein Austauschsemester nach Edinburgh. Die Schule startet im kommenden September.

Vorher haben die beiden noch viel vor: Juli, August schlüpfen Küng und Müller in Überhosen. Arbeiten auf dem Hof von Michael und Lorrie Kyle mit. Diese bewirtschaften in Collin einen 380-Hektaren-Vollweide-Betrieb mit 700 Milchkühen.

Kein Hof in Sicht

Katrin Müller marschiert ums Haus. Der Weg gesäumt von ein paar hölzernen Kaninchenkasten. Beim Tisch auf der erhöhten Steinterrasse bleibt sie stehen. Zeigt auf die Bienenhäuschen unter den Bäumen, zu denen vor allem der Vater schaut. Erzählt von den Hühnern, die der Fuchs gefressen hat, und vom grossen Gemüsegarten, ihrer Leidenschaft. Tomaten und Melonen gedeihen im selbstgebauten Häuschen. Krautstiele und Karotten im Hochbeet. Der Boden in Müllers Garten sei für die beiden Gemüse nicht geeignet.

Selbstversorgung; das ist, was die Bernerin fasziniert. Das Arbeiten im Jahresrhythmus und die Abwechslung. Bereits in der Mittelstufe hat sich Müller entschieden, Landwirtin zu werden. Nach Schnupperlehren auf verschiedenen Höfen verschlug es sie in den Jura, später in die Berner Elfenau und nach Utzenstorf. Auch Küng hat Landwirt gelernt. Und das, obwohl seine Eltern nicht bauern. Ein Hof steht den beiden nicht in Aussicht. Der Kauf ausserhalb der Familie ist finanziell unmöglich. Daher das Studium. «Ich will Berufsschullehrerin werden oder in die Forschung.»

Farmsuche via Facebook

Kennengelernt haben sich die beiden an der Schule in Zollikofen. Er war eine Klasse über ihr. Hat dann für Rekrutenschule und Aufenthalt in Neuseeland ein Jahr ausgesetzt. Nun sind sie im selben Kurs. Die Lernziele teilen sie auf. Müller ist gut in Mathe. Küng in Chemie. Und auch sonst scheinen die beiden ein gutes Team zu sein. Sind leidenschaftliche Rennvelo-Fahrer, gern und viel unterwegs.

Dass die beiden auch in Schottland gemeinsame Wege gehen wollen, erstaunt nicht. Die Farm haben sie selbst ausgewählt. Müller lacht. «Das war eine Prozedur.» Viele Farmer suchten eine Frau, die in der Küche oder mit den Kindern hilft. «Ich aber will den Männerjob machen.» Über eine Facebook-Gruppe schottischer Bauern fanden sie schliesslich zu Kyle. Er suchte Studenten, die ihn während des Sommers unterstützen. Seine Vollzeitangestellten sollen in die Ferien dürfen. So weit, so gut. Verdienen tun Müller und Küng nicht viel. Die Nächte verbringen sie in einer nahegelegenen Wohnung. Und auch kochen müssen sie selbst.

Blog soll inspirieren

Müller sitzt am Gartentisch. Über den Bildschirm des Laptops flimmert ein Film. Kyle Farm Partnership steht in weissen Lettern geschrieben. Im Hintergrund: Stallung, Güllegrube und Kuhherde aus Drohnenperspektive. Ab der zweiten Juliwoche wird die junge Frau  von dort auf schweizerbauer.ch wöchentlich von ihren Erlebnissen berichten. «Ich hoffe, es wird den einen oder anderen dazu inspirieren, selbst so etwas zu machen.»

Ein wenig nervös sei sie schon. Alle sprechen Englisch. Auch Unterricht und Prüfungen finden in englischer Sprache statt. Und ihres sei nicht gerade das Beste. Aber sie sei neugierig und dort zum Lernen. «Ich freue mich. Und Simon sich auch.» Bald fährt das Paar mit vollem Ford Focus Richtung Norden. Die Rennräder an den Heckträger gepackt. Nebst Stall und Studium wollen die zwei nämlich auch was vom Land sehen. «Und wenn etwas nicht klappt, können wir jederzeit zurückkommen. Das ist gut zu wissen.»

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