18.09.2018 15:04
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Forschung
Schweinehund erforscht
Warum bewegen wir uns so wenig, obwohl wir doch wissen, dass es ungesund ist? Dieser Frage sind Genfer Hirnforschende nachgegangen. Ihr Fazit: Um dem Sofa zu widerstehen, braucht das Hirn mehr Ressourcen.

Vernunft und Neigung führen einen Zweikampf in unserem Kopf, wenn es um die Entscheidung zwischen Sport und Sofa geht. Vernünftig wäre, sich mehr zu bewegen, weil wir wissen, wie schlecht Bewegungsmangel für unsere Gesundheit ist. Die Neigung zieht uns aber eher zur Couch. Und allzu oft gewinnt Letztere.

Forschende um Boris Cheval von der Universität und dem Universitätsspital Genf sind diesem Phänomen mit Kollegen aus Belgien und Kanada nachgegangen, wie die Universität Genf am Dienstag mitteilte. Dafür untersuchten sie bei 29 Probanden mittels Elektroenzephalogramm (EEG), welche Hirnbereiche bei der Entscheidung zwischen körperlicher Aktivität und Inaktivität aktiv sind. Von den Ergebnissen berichten sie im Fachblatt «Neuropsychologia».

Etwa die Hälfte der Probanden war regelmässig körperlich aktiv, die andere Hälfte nicht, hatte aber die Absicht, aktiver zu werden. Cheval und Kollegen liessen die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer einen sogenannten Manikin-Test durchführen, während sie ihre Hirnaktivitäten beobachteten. Bei diesem Test ging es darum, wie schnell die Probanden auf einem Bildschirm einen Dummy zu einem Bild hin oder davon weg bewegten.

Reaktionszeiten gemessen

Die Bilder bestanden aus einfachen Zeichnungen, zum Beispiel ein treppensteigendes oder velofahrendes Strichmännchen, beziehungsweise ein sitzendes oder liegendes Strichmännchen. Zunächst sollten die Probanden den Dummy zu Bildern von Aktivität hin und von Bildern von Inaktivität weg bewegen, in einer zweiten Phase umgekehrt. Dabei ging es den Forschenden darum, die Reaktionszeiten zu messen.

Das Resultat: Die Testpersonen waren deutlich schneller, wenn es darum ging, den Dummy von den Bildern von Inaktivität weg zu bewegen, und langsamer, wenn sie darauf zusteuern sollten. Zunächst wirkt dieses Ergebnis kontraintuitiv, erklärt sich aber daraus, dass die Probanden ja die Absicht hatten, sich im Alltag viel zu bewegen.

«Wir konnten durch unsere Messungen zeigen, dass die Probanden motorisch besser darauf vorbereitet waren, Bilder von Inaktivität zu meiden und den Dummy zu den Sportzeichnungen hin zu bewegen als umgekehrt», erklärte Cheval auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Gehirn braucht mehr Ressourcen

Die EEG-Messungen zeigten ausserdem, dass bei der Aufgabe, Bilder von Inaktivität zu meiden, insbesondere zwei Hirnareale aktiver wurden als bei den anderen Aufgaben: der fronto-mediale und der fronto-zentrale Cortex. Diese Hirnregionen sind unter anderem für das Unterdrücken von Neigungen und für das Bewerten von Konflikten verantwortlich.

«Die Testpersonen sollten ja so schnell wie möglich reagieren, um die gestellte Aufgabe zu erfüllen», so Cheval. «Dafür mussten sie aber ihre natürliche Neigung unterdrücken und den Konflikt verarbeiten. Dafür brauchte ihr Gehirn mehr Ressourcen.»

Aus Sicht der Evolutionsbiologie mache es durchaus Sinn, dass unsere Neigung uns zum Sofa zieht, so die Forschenden. Ein möglichst geringer Energieaufwand war ein Überlebensvorteil. In unserer heutigen Gesellschaft besteht dieser Vorteil natürlich nicht mehr - eher im Gegenteil.

Dank eines Ambizione-Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) möchte Cheval nach eigenen Angaben nun die Hintergründe der Tendenz zur Bewegungslosigkeit weiter untersuchen: nämlich ob die Möglichkeit, die faulere Option zu wählen, das Belohnungszentrum des Gehirns aktiviert.

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