Montag, 8. März 2021
22.06.2020 11:00
Agriviva

Stallkleider statt Schulbücher

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Von: Melina Griffin, lid

Die Gymnasiastin Seraina suchte nach einem sinnvollen Ferienjob, nach etwas „ganz anderem, als ich sonst mache“. Gefunden hat sie die Familie Tschiemer im bernischen Habkern, die seit Anfang 2019 Agriviva-Jugendliche aufnimmt. Und ein durchgehend positives Fazit zieht.

Die Arbeitsabläufe im Käsekeller sind eingespielt: Seraina legt den Käselaib auf den Tisch, Marietta bürstet ihn mit der Salzlake ein. Die 15-jährige Seraina versorgt den Laib im Gestell und holt den nächsten 9-Kilöner.

Erfreulich grosse Nachfrage

Die beiden Frauen harmonieren, als ob sie schon seit langer Zeit zusammenarbeiten. Dabei ist die Gymnasiastin Seraina erst seit ein paar Tagen auf dem Hof der Familie Tschiemer. „Ich habe mich nach einem Ferienjob umgesehen und bin auf die Website von Agriviva gestossen. Das hat mich sofort interessiert – weg vom Alltag, etwas zu machen, das ich gar nicht kenne“, sagt die junge Frau. Sofort meldete sich die Gymnasiastin aus Affoltern am Albis bei Agriviva an und sicherte sich einen Platz im Berner Oberländischen Habkern.

Das war gar nicht mal so selbstverständlich, denn Heinz und Marietta Tschiemer sind ausgebucht, seit sie Landdienst-Jugendliche bei sich aufnehmen. „Letzten Frühling haben wir uns bei Agriviva angemeldet und bisher waren wir während der Ferienzeit stets besetzt“, freut sich Heinz Tschiemer. „Es gibt sogar Tage, an denen ein Jugendlicher am Morgen abreist und der nächste bereits am Abend einzieht“, ergänzt seine Frau Marietta. Das liegt wohl nicht zuletzt an der wunderschönen Lage des Bauernhofes.

Die Wertschöpfung bleibt im Dorf

Marietta und Heinz haben drei kleine Söhne im Alter von 4 bis 8 Jahren. Er, ausgebildeter Landwirt und Agrokaufmann und sie, Fachkraft im Detailhandel, haben 2012 die Firma Bernatone Alphornbau übernommen und das gesamte Unternehmen von Niederbipp nach Habkern gezügelt. Passend, nicht nur weil Heinz‘ Eltern da ihren Landwirtschaftsbetrieb haben, sondern vor allem, weil die Dorfsägerei Heinz‘ Vater gehört und Alphörner aus Bergfichte gefertigt werden, die rund um Habkern zahlreich wächst.

„Wir wussten, dass der kleine Betrieb für eine Familie nicht ausreichte. Es war eine grosse Portion jugendlicher Leichtsinn, der uns damals zur Firmenübernahme angetrieben hat“, erinnert sich Heinz. Anfang dieses Jahres haben Marietta und Heinz den Bergbetrieb von seinen Eltern übernommen. Der „Talbetrieb“ liegt bereits auf 1050 m.ü.M., die 15 Hektaren Grünland sind stotzig ausgerichtet. Knapp 20 Milchkühe geben Milch, die im Winter in die Käserei gebracht wird. Den Sommer verbringen die Tiere auf der Alp Scherpfenberg und werden da von Sennen betreut.

Kinderbetreuung

Doch es gibt auch auf dem Talbetrieb viel zu tun für die Landdienstler, die zu ihnen kommen, sagt Heinz Tschiemer: „Das Heuen ist ausschliesslich Handarbeit, eine körperlich strenge Tätigkeit.“ Seine Frau ergänzt: „Diese Arbeit muss verrichtet werden, wenn schönes Wetter ist. Da hatte ein junger Bursche etwas Pech, weil er gerade da war, als die Heusaison in vollem Gange war.“ Sie habe ihn dann einen Nachmittag lang in die Badi geschickt, wo er auf die drei Söhne des Paars aufpassen konnte.

Die Kinderbetreuung gehört zu den Aufgaben, die Jugendliche bei Tschiemers erledigen. „Aber die drei Jungs sind sehr selbstständig“, sagt Seraina und Marietta lacht: „Man muss eigentlich nur dann nachschauen gehen, wenn es plötzlich ruhig wird.“ So unkompliziert geht sie auch mit den Landdienstlern um. „Nach ein paar Tagen sehen wir, was die Teenager gerne machen oder was sie gut können. Dann setzen wir sie dort ein.“ Das Melken am Morgen übernehmen jeweils Marietta und Heinz, „sonst werden die Tage für die Schüler zu lang“.

Jugendliche erledigen vielfältige Aufgaben

Am Abend helfen die Jugendlichen beim Kälbertränken, Füttern, Misten und bei der Melkvorbereitung. Sie dürfen auch ältere Kühe melken, wenn sie Lust darauf haben. In der Heusaison zählt die Familie auf die Jugendlichen und wenn der Alpkäse im Keller ist, helfen diese bei der Käsepflege. Auch im Haushalt werden sie eingespannt.

Heinz und Marietta Tschiemer sind froh um ein paar unterstützende Hände. Dies war aber nicht der Grund, weshalb sie sich bei Agriviva angemeldet hatten. „Viele Leute haben keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft. Mit Agriviva können wir einen Beitrag leisten, Interessierten einen Einblick geben und Vorurteile abbauen“, sagt Heinz Tschiemer.

Ein Teil der Familie sein

Bisher waren fünf 15- bis 16-jährige Mädchen und zwei Jungen auf dem Hof. Ein paar von ihnen wurden von der Schule zugeteilt, andere haben sich wie Seraina freiwillig dazu entschieden. Der Landwirt zeigt sich erstaunt, wie viele Maturanden zu ihnen kommen und freut sich: „Das ist toll, denn sie sind die Entscheidungsträger von morgen. Ein Gymnasiast hat am 4. Tag zu uns gesagt, dass er nun eine andere Einstellung zur Landwirtschaft habe. Marietta und ich waren uns einig: Ziel erreicht!“

Schwierig könne es höchstens werden, wenn die Jugendlichen starkes Heimweh hätten. „Aber meistens sind sie sowieso abgelenkt. Viele schätzen den Familienanschluss bei uns und dass man am Morgen noch nicht genau sagen kann, wie der Tag rauskommen wird. Es gab schon Jugendliche, die wollten nicht mehr nach Hause gehen“, sagt Marietta. Auch für ihre eigenen Kinder zieht das Paar eine durchgehend positive Bilanz. „Sie können viel von den verschiedenen Lebensweisen der Landdienstler profitieren und werden dadurch reifer“, ist sich Heinz sicher.

„Die Erfahrungen sind unbezahlbar“

Seraina bereut die Teilnahme bei Agriviva keine Sekunde: „Ich verdiene hier zwar nicht ganz so viel, wie ich das bei einem anderen Ferienjob könnte. Aber die Erfahrungen sind unbezahlbar.“ Die junge Frau, die sich in ihrer Freizeit in der Pfadi engagiert und oft mit ihrer Familie wandern geht, mag die Arbeit an der frischen Luft und hat Spass an der körperlichen Arbeit.

„Es gibt keine Tätigkeit, die ich nicht gerne verrichte. Ausserdem ist jeder Tag ganz anders. Gestern habe ich die Kühe auf die Weide oben am Hügel getrieben, vorgestern habe ich geholfen, im Garten das Unkraut zu jäten“, sagt sie und erzählt, dass sie die Nähe zu den Kühen beim Melken besonders schätzt. Nächstes Jahr will sie wiederkommen und die junge Familie während dem Umbau des Wohnhauses unterstützen. Gerne reserviert Familie Tschiemer den Platz für Seraina.

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