2.06.2016 16:29
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Unwetter
Sturzflut riss den Alltag fort
Häuser liegen in Trümmern, Autos stecken mit dem Dach voran im Schlamm, Strassenlaternen sind wie Strohhalme umgeknickt. Am Tag nach dem verheerenden Hochwasser schaut Simbach am Inn auf das Ausmass der Katastrophe.

Am Morgen nach dem Hochwasser ist Simbach am Inn im Schockzustand. Zwei Frauen stehen mit Tauchern der Wasserwacht zusammen und weinen. Angehörige von ihnen sind nicht zu finden. Zwei Menschen werden in einem Haus hinter der Unterführung vermisst, sagt Polizeisprecher Armin Angloher. Taucher haben sich aufgemacht, sie zu suchen.

Drei Frauen gestorben

In Niederbayern hat die Flutkatastrophe mehreren Menschen das Leben gekostet - drei von ihnen lebten in der Stadt an der österreichischen Grenze. Weitere Menschen werden noch vermisst, so wie die beiden in dem Haus hinter der Unterführung.

Schon am Mittwochabend war klar: Das Wasser hat nicht nur Existenzen zerstört, sondern auch Menschenleben mitgerissen. Nicht weit von dem Mehrfamilienhaus entfernt, in dem drei tote Frauen im Erdgeschoss gefunden wurden, steht Bettina Putta mit ihren Gummistiefeln im Schlamm - mitten im Empfangsbereich ihres Schnellrestaurants. «Hier ist doch keiner versichert», sagt sie. «Warum auch?»

Plünderer festgenommen

Mit einem solchen Hochwasser hat in Simbach niemand gerechnet. Die Menschen in dem einst beschaulichen Ort sind fassungslos. «Krieg», sagt einer. «Wie im Krieg sieht das aus.» Autos liegen auf ihren Dächern, Strassenlaternen sind umgeknickt wie Strohhalme, Läden und Wohnhäuser sind nur noch Trümmer.

Die Anwohner schaufeln den Schlamm aus den Läden und Restaurants links und rechts der Strasse. Auch von ausserhalb kommen Helfer mit Schaufeln. Ladenbesitzer haben Getränke für die Rettungskräfte und Freiwilligen gebracht. Die zwei festgenommenen jungen Männer, die in der Nacht versucht hatten, ein Radio aus einem Auto zu stehlen, sind als Plünderer eine unrühmliche Ausnahme.

Existenzen zerstört

«Was in fünf Jahren aufgebaut ist, ist in fünf Minuten weg», sagt Muhammed Fidanci. Dem 25-Jährigen gehört ein Kebab-Stand. «Ich bin nur rausgerannt, als das Wasser kam», berichtet er. Innerhalb von zehn Minuten stand das Wasser zwei Meter hoch, und es hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Fidanci muss alle Geräte wegschmeissen - fünf Kühlschränke, eine Kebab-Maschine, den Pizzaofen.

Pizza wird es auch gegenüber, im Restaurant «O Sole Mio», bis auf weiteres nicht geben. Was einmal eine gemütliche Pizzeria gewesen sein muss, ist zerstört. Die Scheiben sind zerborsten, die Bänke und Tische umgefallen, Weinflaschen stecken im Schlamm fest. «Das Wasser stand zweieinhalb Meter hoch», sagt Restaurantbesitzer Carmelo Giandinoto. 30 Jahre habe er den Laden schon. «Scheisse ist das. Da muss ich wieder von vorne anfangen.» Sein Pizzabäcker Franceso Soru, der seit 20 Jahren dort arbeitet, scheint den Tränen nahe.

Ausgelaufene Öltanks

Ein paar Meter weiter sollte in wenigen Tagen die neue Turnhalle der Realschule eröffnet werden. Es riecht noch ganz neu in der verwüsteten Halle  - doch in den Geruch von frischem Holz mischt sich der nach Schlamm und Öl, der den ganzen Ort überzieht wie ein schmieriger Film. Die Heizöltanks der Häuser sind ausgelaufen.

In Teilen der Stadt wurde das Wasser abgestellt, auch Strom gibt es nicht überall. Unter einer Unterführung liegt ein Glas Marmelade im Schlamm. Es ist halbvoll. Daneben eine Tüte H-Milch, eine Packung Äpfel, in Plastik eingeschweisst. Das Wasser ist in die Häuser eingedrungen und hat den Alltag mitgerissen. Alltäglich ist an diesem Donnerstag nichts in Simbach.

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