29.06.2015 09:18
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
Ueli der Knecht auf dem Ballenberg
Wenn Gotthelf ruft, strömen die Leute auf den Ballenberg. Das erlebt das Landschaftstheater im Freilichtmuseum für ländliche Kultur im Berner Oberland auch 2015. Am 7. Juli ist Premiere des Stücks «Ueli der Knecht».

Es ist erst das dritte Mal seit 1991, dass das Freilichttheater oberhalb von Brienz als Kulisse für ein Stück nach einem Werk des bekannten Dichters und Pfarrers Jeremias Gotthelf dient.

1994 war es die tragische Geschichte um «Elsi, die seltsame Magd» und im Jahr 2000 «Die Käserei in der Vehfreude», die rund 20'000 Leute anlockte und zwei Zusatzvorstellungen erforderte. Beim diesjährigen Gotthelf-Stück «Ueli der Knecht» war bereits einen Monat vor der Premiere mehr als die Hälfte der Vorstellungen ausverkauft.

Bewusst beschränkt

Wenn der Dichterpfarrer aus Lützelflüh (1797-1854) ein derartiger Erfolgsgarant ist, warum dann nicht noch mehr von ihm? Paul Eggenschwiler, von Anfang an beim Landschaftstheater dabei als Schauspieler, mehrere Jahre auch als Künstlerischer Leiter, sagt dazu, man habe sich bewusst beschränkt. Im Sinne der Vielfalt, die das dem ganzen Land verpflichtete Freilichtmuseum bietet, wolle man ein breites Spektrum an Theaterschaffen zeigen. Allerdings hätten Experimente die Besucherzahlen zum Teil bedenklich schrumpfen lassen.

Das war auch so, als man 2011 mit dem «Besenbinder von Rychiswil» eine Erzählung Gotthelfs auf die Bühne brachte, allerdings mit dem Zusatz «und wie ihn Franz Schnyder verfilmte». Es kamen deutlich weniger Zuschauer. Eggenschwiler ist sicher, dass die Leute lieber die eigentliche Geschichte ohne filmisches Drumherum gehabt hätten.

Quertreiberei und Intrigen

Eggenschwiler ist ein begeisterter Theatermann. Bereits bevor das Landschaftstheater Ballenberg schweizweiten Widerhall fand, hat er im Dramatischen Verein Brienz mitgemacht und 1996 das Stück «Sunnsyts am Rothore» zum 850-jährigen Bestehen des Schnitzlerdorfs erfolgreich inszeniert, ebenso 2004 «Die schöne Schifferin vom Brienzersee».

Auch dieses Jahr darf er auf dem Ballenberg wieder in eine andere Identität schlüpfen, er gibt den Bauern Joggeli auf der Glungge, der dem Meisterknecht Ueli das Leben mit Quertreiberei und Intrigen mehr als schwer macht. Gespielt wird beim Bauernhaus von Madiswil BE aus dem frühen 18. Jahrhundert, was Eggenschwiler als Glücksfall bezeichnet. Das stattliche Bauernhaus mit seinem ausladenden, schindelgedeckten Dach, dem Garten und dem nahen Speicher bietet eine eindrückliche Kulisse für den Gotthelf-Stoff.

Nicht herumgewerkelt

Von entscheidender Bedeutung ist, wie der Roman für die Bühne hergerichtet wurde. Dafür zeichnet der Schriftsteller Tim Krohn verantwortlich, der bereits 2012 das Stück «Vehsturz» nach einem Gedicht des Brienzers Albert Streich erarbeitet hatte. «Mit Gotthelf hatte ich als Schüler grosse Mühe, doch heute überzeugt mich die eindringliche Kraft seiner Werke restlos», sagt der 50-jährige gebürtige Deutsche.

So restlos, dass er gänzlich mit dem Originaltext gearbeitet hat und diesen bloss «durch Striche in die dramatische Form und nötige Kürze» brachte, wie er im Gespräch ausführte. Diese filigrane Arbeit erforderte mehrere Durchgänge. Erstaunlich sei, dass Gotthelf in seinen Büchern als Prediger auftrete «und eine Predigt kann keine gute Literatur sein -  ausser, man ist überragend, und das ist Gotthelf.»

2016 folgt der zweite Roman

Er schwinge zwar gelegentlich die Moralkeule, habe aber auch Humor und tiefe Menschenkenntnis. Gotthelfs packende Schilderung vom Leben auf einem Bauernhof im vorletzten Jahrhundert finde auf dem Ballenberg den würdigen Rahmen.

Wer «Ueli der Knecht» sagt, der sagt auch «Ueli der Pächter». Folgerichtig wird im Sommer 2016 im Ballenberg der zweite Ueli-Roman in der Bühnenfassung von Tim Krohn zu sehen sein.

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