20.08.2018 10:23
Quelle: schweizerbauer.ch - Anita Merkt
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Verliebte Eselin und lädierter Zeh
Unsere Bloggerin Anita Merkt lebt seit 15 Jahren als Journalistin in Zürich. Sie berichtet von ihren Erlebnissen während des Saumzuges von Sachseln nach Domodossola. Sie nimmt mit Eselin Alina am Saumzug teil.

Am Sonntag sind wir vom Säumerfest in Sachseln (OW) mit zwanzig vollbepackten Eseln, Pferden und einem Muli losgelaufen. Das Ziel unserer Säumertour ist Domodossola (I). Erreichen wollen wir es in sieben Tagen. Die heutige Etappe nach Giswil am Sarnersee war nur ein Probelauf. 

Bevor wir uns zum ersten Etappenhalt nach Giswil aufmachten, drehten wir zwei Ehrenrunden auf dem Säumerfest. Unmengen von Kameras und Handys waren auf unsere Rösser, Esel und ihre historische Ladung gerichtet. Meine Vorderfrau zupfte sich für die Show die Bluse möglichst adrett zurecht. Auch ich genoss es, als Säumerin im Mittelpunkt zu stehen und kämpfte mit meiner Eselin. Alina ist schwarzhaarig, mit weissem Bauch und weissen Nüstern. Sie ist eigentlich willig und gut erzogen. 

Wenn ich aufpasse, geht sie in der Regel hinter mir am Strick, wie es sich für ein Saumtier gehört. Denn wenn wir auf schmalen Gebirgspfaden unterwegs sind, ist nicht genug Platz für einen Säumer und ein Tier, das neben ihm geht. Auch sollte das Saumtier nicht nach vorne drängeln und womöglich den Säumer auf einem abschüssigen Pfad über den Haufen rennen. 

Das Problem mit meiner Eselin Alina ist, dass sie sich verliebt hat. Für eine Woche stand sie mit zwei jungen Hengsten auf der Weide, die beide am Säumerzug mit dabei sind. Den rabiateren wies sie konsequent ab, doch der braune Scaramouche hat ihr Herz erobert. Wann immer sie den jungen Hengst erblickt, der ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, will sie zu ihm. Ich kann sie dann nur noch unter maximalem Krafteinsatz oder einer groben Wende davon abhalten, zu ihm hinzurennen. Der Führer von Scaramouche ermahnt mich dann jeweils lautstark, die Stute von seinem liebestollen Halbstarken fernzuhalten. 

Abgesehen von den Hormonen der verliebten Esel beunruhigt mich im Moment lediglich die Verletzung an meinem Zeh, die ich mir in der Nacht auf Sonntag eingehandelt habe. Im Dunkeln bin ich gegen die metallene Leiste der Klotür geknallt und habe mir dabei eine blutende Wunde geholt. Wenn auf den Zeh jetzt täglich zehn Stunden der Wanderschuh drückt, dann gute Nacht. Für heute ging es nochmal gut. Die rund sechs Kilometer von Sachseln nach Giswil waren zu schaffen. Doch das war nur die Teststrecke: Am Montag geht es über den Brünig-Pass nach Meiringen BE. Das sind dann 22 Kilometer und 7,5 Marschstunden.

Unsere Bloggerin Anita Merkt lebt seit 15 Jahren als Journalistin in Zürich. Wenn sie frei hat, fährt sie am liebsten auf den Hof eines befreundeten Bauern im Oberwallis. Dort mistet sie den Geissenstall aus, hilft beim Heuen oder unternimmt mit dem Hofhund ausgedehnte Wanderungen. Zwischen Emd und Törbel ist Anita Merkt auch auf den Esel gekommen. Die Eseldame Daisy zieht das Heu des Bergbauern in der Plane zum Stall, der jüngere Esel muss noch lernen, sich nützlich zu machen. Im Juni absolvierte Anita Merkt den Säumerkurs der Säumer- und Trainvereinigung Unterwalden, die auch den Saumzug von Sachseln nach Domodossola organisiert.

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