11.10.2018 19:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
Viehschau und Geburt tun Seele gut
Esther Schneiter ist zurück auf schweizerbauer.ch. Nach den Blogs aus Neuseeland, von der Alp Meienfall im Diemtigtal und der Alp Pfidertschegg im Eriz, wird Esther in den kommenden Monaten wieder aus ihrem Leben als Lehrerin, Landwirtin und Lernende berichten.

Die grossen Vorbereitungen sind längst abgeschlossen. Die Blumen haben wir am Freitag gebunden, die Kühe sind blitzblank sauber und geschoren. Und auch die Treicheln hängen bereits um den Hals der Kühe.

Zum ersten Mal Treicheln um den Hals

Es ist Samstagmorgen, Tag der Viehschau. Kurz nach sieben Uhr treiben wir die elf Kühe, die sich präsentieren dürfen oder müssen, mit ihren Treicheln auf die Weide. Es ist eher ein Bremsen. Die jüngeren Kühe tragen zum ersten Mal eine so grosse Treichel. 

In früheren Jahren übten wir im Vorfeld mit den Treicheln, in diesem Herbst probieren wir eine neue Strategie aus. Nach einem rasanten Marsch dürfen sich die Tiere während rund einer Stunde an das neue Gefühl gewöhnen und zudem grasen.

Zum ersten Mal ein Schnaps


Es wird genügend Warmwasser, Putzeimer und Bürsten auf den Viehschauplatz geführt. Unser Jeep wird dort parkiert und ich werde abgeholt. Ja, die Viehschau ist auch logistisch gesehen eine spannende Sache. Der dritte und somit letzte fleissige Helfer trifft nach dem Ausmisten des Stalls ein. Es ist Zeit für ein Kaffee. Natürlich darf ein Appenzeller nicht fehlen, schliesslich sind wir schon seit etwas mehr als drei Stunden auf den Beinen.

Kühe putzen zum Fünften

Kurz vor neun treffen wir auf dem Viehschauplatz ein. Unsere neue Strategie hat sich bewährt und der zwanzigminütige Marsch verlief nach Wunsch. Innerhalb von 24 Stunden werden die Kühe zum fünften Mal geputzt und auf Hochglanz poliert. 

Ich bin froh, dass wir diese Arbeit aus Tradition und für den Zusammenhalt der Viehzucht machen dürfen, und ich mich nicht rechtfertigen muss. Kaum sind wir fertig, werde ich gerufen. Eines unserer Kälber auf der Herbstweide sei krank.

Zum ersten Mal Stress an diesem Tag


So setze ich mich in den Jeep fahre hin. Ich muss feststellen, dass es meine Malaga ist, die am Leiden ist. Der Nachbar, der erste Hilfe leistet, tippt auf Lungenentzündung, Fieber hat sie aber keines. Ich bin verunsichert, was ich machen soll. Soll ich die Viehbänne holen, sie nach Hause transportieren und den Tierarzt kontaktieren? Soll ich Malaga so stehen lassen und am Abend wieder schauen? 

Ich merke, dass ich solche Entscheidungen nicht gerne fälle und beobachte das Tier wieder genau. So stelle ich fest, dass ihr Mal ganz schmutzig ist. Mit der Hilfe meiner Schwiegermutter waschen wir dieses aus und beschliessen, dass ich zu Hause nach einem passenden homöopathischen Globuli suche.

Das erste Kalb

Mein Vorhaben wird durch die Erstkalbin Elisa unterbrochen. Das Simmentaler-Rind liegt in den Wehen, die Beine des Kälbchens sind zu sehen. So setze ich mich hin, studiere das Homöopathiebuch und wähle passende «Chrügeli» für Malaga. Auch eine Stunde später zeigt sich kein Fortschreiten der Geburt. Meine Schwiegermutter kommt vorbei. Gemeinsam laden wir den Blumenschmuck in den Jeep und erledigen kleine Arbeiten. 

Fast zwei Stunden sind vergangen, bei der Geburt gibt es keine Veränderungen. Ich überprüfe die Lage des Kalbes und löse durch gezielte Massage Wehen aus. Elisa braucht etwas Unterstützung, das Kalb erblickt aber bald das Licht der Welt. Obwohl es ein grosses Kälbchen mit dicken Beinchen ist, ist es ein Kuhkalb. Mein Herz macht einen kleinen Freudesprung. 

Erste Kälberpräsentation

Die kleine Monia ist keine zehn Minuten auf der Welt, als wir uns wieder aufmachen für die Viehschau. Kurz halte ich bei Malaga. Sie ist wieder am fressen und zeigt sich keineswegs krank. Wohl suchte sie am Morgen bloss Aufmerksamkeit, als sie schreiend seitlich auf dem Boden lag und nach Luft schnappte. Leider verpasse ich an der Viehschau gerade die Präsentation von den Jüngsten in der Viehzucht. Die Kinder dürfen ein Kälbchen führen.

Alljährliche Präsentation im Ring


Am Nachmittag werden die schönsten Kühe aus den acht Klassen im Ring präsentiert und durch die Experten kommentiert. Anschliessend werden die Miss Fahrni und die Miss Schöneuter gewählt. Auch einige von unseren Kühen haben es in den Ring geschafft. Dies freut uns sicherlich und ist ein Stück weit auch Lohn für den geleisteten Aufwand.

Schlussendlich leben wir aber vom Verkauf von problemlosen Zucht- und Nutzkühen und da sind auf unserem Niveau die angeschriebenen Punkte für die Kühe von geringer Bedeutung. 

Mein Höhepunkt

Zu sagen, es sei der Höhepunkt des Jahres, ist übertrieben. Doch für mich ist es schon ein bedeutender, fast magischer Moment. Direkt nach dem offiziellen Teil binden wir unsere Kühe zusammen, legen die Treicheln um und binden die Blumen auf den Riemen fest. Obwohl wir kaum eine halbe Stunde zügeln, freue ich mich wie ein kleines Kind und bin sehr glücklich und stolz auf unsere Herde. 

Monia zum Zweiten

Zu Hause angekommen ist es wieder Monia, die Aufmerksamkeit will. Vorwitzig steht sie neben ihrer Mutter. Sie soll in den Stall, doch der Weg zum Marschieren ist noch zu weit für die Kleine. Alle drei anwesenden Männer tragen den Kühermutz und die Halbleinhose, die nicht verschmutzt werden sollten.

Um sie mit der Schubkarre zu transportieren, ist sie bereits zu zappelig. Kurzerhand zieht Thom den Kühermutz aus, nimmt das über 50 Kilogramm schwere Kalb auf die Schultern und schleppt es zum Stall. Das weisse Hemd ist nun gelb, gleich wie Monia.

Weisswein zum Schluss

Vor dem Feierabend zügeln wir die Kälber nach Hause. Malaga geht es wieder gut, wir sind alle froh. Auch die übrigen Tiere auf den Herbstweiden werden kontrolliert und mit Freude festgestellt, dass alle wohlauf sind. Traditionellerweise wird das Nachtessen auf dem Viehschaugelände eingenommen und bei ausgelassener Stimmung über den Tag philosophiert.

Unser Betrieb

Auf unserem Hof leben im Sommer zirka 25 Kühe (im Winter zirka 40 Kühe), 30 Rinder und 15 Kälber. Der Talbetrieb liegt im Bach, Gemeinde Fahrni. Hier produzieren wir auch das Futter für den Winter. Den Sommer, rund 100 Tage, verbringen wir auf der Alp Fiedersegg im Eriz. Die Tiere grasen nachts auf der Weide. Tagsüber sind sie im Stall, wo sie sich ausruhen können und vor Insekten und der Hitze geschützt sind.

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