13.05.2018 17:30
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Paralympics
Vom Pferd aufs olympische Eis
Vor 13 Jahren hatte Felix Wagner aus Russikon ZH einen Reitunfall. Seit da sitzt er im Rollstuhl und will nicht mehr aufs Pferd. Dafür war er als Curler an den Paralympics und arbeitet weiterhin als Landwirt.

Noch heute denkt Felix Wagner viel an den Moment zurück. Wie er wartet. Sein Herz schlägt laut, die Hände schweissnass. Und dann das Zeichen, er könne raus. Die Fahne fest umfasst rollt er in die Arena. 40000 Menschen jubeln ihm zu. Hinter ihm folgen die anderen Athleten. «Das war ein überwältigendes Gefühl. Ich hatte Hühnerhaut und war berührt wie noch selten», sagt er heute, wenn er über die Paralympics spricht. Im März dieses Jahres hat er mit seiner Curling-Mannschaft daran teilgenommen. Und er war der Fahnenträger der Schweiz. Gut einen Monat später sitzt Felix Wagner vor dem Reiterstübli auf seinem Pferdehof in Russikon ZH.  Er schaut auf die Pferde, die vor ihm in ihren Boxen stehen. Über ihm hängt eine Fahne. «Wir sind so stolz auf euch», steht darauf. Die haben die Leute aus seinem Umfeld gestaltet für den Empfang  in der Schweiz. «Auch die Ankunft zu Hause war ein sehr emotionaler Moment», sagt Wagner. Nie hätte er gedacht, dass er es mit Curling so weit bringen würde. Ursprünglich war Wagner Reiter. Leidenschaftlicher. Bis er einen Unfall hatte.

Verhängnisvoller Tag

Bevor Wagner mit Pferden zu tun hatte, galt seine Leidenschaft Kühen. Er wuchs im Nachbarsdorf Fehraltdorf auf einem Milchwirtschaftsbetrieb auf. Seine Familie war in der Viehzucht von OB-Tieren aktiv. Ihm gefielen die Schauen, und auch sonst hat er gern auf dem Hof mitgearbeitet. «Für meine Brüder und mich war es etwas sehr Schönes, dem Vater zu helfen. Er hat seine Begeisterung für den Beruf an uns weitergegeben.» So sehr, dass alle drei Brüder Landwirt lernten. Der elterliche Betrieb ging nicht an Wagner. Dafür hatte er das Glück, im Reitverein eine Bauerntochter kennenzulernen. «Ich habe es nicht darauf angelegt, aber es hat sich so ergeben.»  Er heiratete Ruth und übernahm mit ihr den Pferdebetrieb seines Schwiegervaters. Sie bekamen eine Tochter und führten den Betrieb mit Pferdezucht gemeinsam. Auf den acht Hektaren, die zum Betrieb gehören, bauten sie das Futter für die Tiere an.

Dann kam der verhängnisvolle Tag. Im Jahr 2007 fiel Felix Wagner von einem Pferd. Er verunfallte so schwer, dass  seine Beine gelähmt blieben. «Die Zeit nach dem Unfall war sehr schwer. Ich habe mir unzählige Fragen gestellt.» Ob sie den Betrieb weiterführen würden, war nicht klar.  Er habe es sich am Anfang nicht vorstellen können und überlegt, alles aufzulösen. Eine Vollzeitstelle in einem Büro zu suchen. «Meine Frau und meine Tochter haben aber gesagt, dass sie weitermachen wollten», sagt Wagner und blickt in die Weite. Vom Sonnenlicht geblendet blinzelt er ein wenig, und wieder lächelt er leicht. «Das hat mir Mut gemacht.»

Pferdepension

Wie Wagner auf einem Rundgang über den Betrieb zeigt, haben sie vieles umstrukturiert. Er rollt durch die geräumigen Pferdeboxen und erreicht jedes Tier mühelos. Im Lauf der Zeit haben sie die Zuchtpferde verkauft und auf eine Pferdepension gesetzt. Heute beherbergen sie auf dem Hof 18 Pensionspferde. Die Wagners machen den Stall und kümmern sich um das Futter.  Ruth Wagner ist Vollzeit auf dem Betrieb tätig. Felix Wagner arbeitet 50 Prozent in einem Büro in der Agrarbranche. Die restliche Zeit ist er  weiterhin Landwirt. «Die Boxen, das Reiterstübli und natürlich das Wohnhaus sind alle rollstuhlgängig», erzählt er. Das hätten sie nicht von einem Tag auf den anderen umgebaut. «Aber immer kam etwas dazu, das mir die Arbeit ermöglichte». Unlängst liess er einen Balkon bauen, der vom Wohnhaus auf den Heuboden führt. Durch den kann Wagner das Futter selbstständig zu den Pferden runterwerfen.   Auch die Traktoren und Maschinen liess Wagner bei seinem Landmaschinenmechaniker so umbauen, dass er praktisch alles alleine machen kann. «Ich wollte nie etwas anderes sein als Bauer. Ich bin froh, dass mir das dank der Unterstützung meiner Frau und meiner Tochter auch heute noch möglich ist.» Er blickt in die Weite. Während er erzählt, bleibt er vor der Box eines Pferdes stehen. «Das ist Mascotte, sie gehört uns. Sie ist ein unglaubliches Pferd.» An Wettkämpfen sei sie eine Kämpferin und unerbittlich. In einer alltäglichen Situation aber unglaublich liebevoll und geduldig. Wagner öffnet Mascottes Box. Sie beugt ihren Kopf zu seinem und streicht ihm über die Wangen.

Curling statt reiten

Trotz des Unfalls hat Wagner noch immer eine grosse Sympathie für Pferde. Reiten allerdings will er nicht mehr. «Ich habe es nach der Reha noch zwei Mal probiert. Es war aber nicht mehr das gleiche. Deshalb habe ich ganz aufgehört.»

Mit Sport wollte er aber weitermachen. Durch einen Freund kam er  zum Curling. «Das hat mich sofort gepackt.» Seine Mannschaft und er trainierten intensiv. Bis ihnen schliesslich die Qualifikation an die Paralympics gelang. Dort machten sie den sechsten Platz. «Zuerst waren wir enttäuscht, dass wir keine Medaille holten», sagt Wagner. «Mit etwas Distanz merke ich aber, dass es eine unglaubliche Leistung war und eine grosse Freude, dass wir das erleben durften», stellt er zufrieden fest.

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