22.09.2019 07:10
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Zürich
Vom Reiz des Alplebens
Sieben Jahre waren sie auf dem Tanzboden. Eine Alp zwischen Toggenburg und Linthebene. Maria, Karl und Patricia Jud erlebten Schönes und arbeiteten hart. Immer in Kontakt mit dem Alphirten. Jetzt geht das zu Ende.

Zuerst sagte ich Nein, Nein, Nein.» Maria Jud sitzt auf einer Bank. Hinter ihr die Alpbeiz. Vor ihr lichten sich langsam die Wolken um den Säntis. Etwas weiter hinten sieht man auf den Zürichsee. An klaren Tagen soll man sogar den Bodensee erspähen können. Maria Juds Nein galt ihrem Mann Karl. Als er vorschlug,  die Alpbeiz auf dem Tanzboden in Rieden SG zu pachten und zu führen.  

Harte Arbeit

Das ist jetzt über sieben Jahre her. Und entgegen ihrer ersten Aussage war das Ehepaar zusammen mit ihrer Nichte Patricia seit Karls Frage auf dem Tanzboden. «Eigentlich wollte ich nicht. Ich hatte Respekt vor der vielen Arbeit. Aber das Alpleben reizte mich doch so sehr, dass wir entschieden, das Abenteuer zu wagen», erzählt sie. Und sie hätten es nicht bereut. Obwohl sie unglaublich hart arbeiten mussten. 

Anders als die meisten Alpbeizen  ist der Tanzboden, im Sommer vom Toggenburg und der  Linthebene aus erreichbar, das ganze Jahr über geöffnet. Im Sommer kommen Wanderer, im Winter Leute mit Tourenski und Schneeschuhen. Familie Jud lebt auf der Alp. Nur montags haben sie frei und gehen manchmal ins Tal. Sie stehen in aller Frühe auf, schaufeln im Winter Schnee und bereiten alles vor. Am Abend gehen sie spät zu Bett, wenn die Gäste bedient sind und in ihr Massenlager gehen. Juds servieren Fondue, Raclette, Hörndli mit Ghackets. Ausserdem gibts Apéroplättli, Würste, Suppe, Sandwiches, zum Dessert Kuchen und den für die Region typischen  Schlorzifladen, eine Wähe mit einer Füllung aus Dörrbirnen  und einem Rahmguss. 

Juds gefällt es trotz der harten Arbeit auf der Alp. «Die Sonnenauf und -untergänge entschädigen einen für einiges. Und die Begegnungen mit unseren lieben  Gästen sind wunderbar», sagen Patricia und Maria Jud.

Ende der Zusammenarbeit

Trotzdem hören sie jetzt auf. Ende Oktober übergeben Juds an ihre Nachfolger und gehen zurück ins Tal. «Dort müssen wir uns zuerst mal akklimatisieren und werden sehen, wies mit uns weitergeht», sagen sie. 

Nicht nur der Kontakt mit den Gästen und die Alpstimmung wird ihnen fehlen, auch die Zusammenarbeit mit Dominik Hautle, dem Alppächter und Hirten. Er ist Zimmermann und Landwirt. Im Frühling bekommt er aber das «Kribbeln», wie er sagt und er muss auf die Alp. Deshalb ist er froh, dass sich sein Vater im Tal, in Kaltbrunn SG, um den kleinen Betrieb kümmert und er im Auftrag der Ortsgemeinde Rieden hirten kann. «Es ist eine grosse Verantwortung, die 120 Tiere am Ende der Saison gesund zurück ins Tal zu bringen», sagt er. Zudem sei es oft einsam auf der Alp. Aber er könne sich nichts anderes vorstellen.

Um Gesellschaft zu haben, kommt er gern in die Beiz der Juds. Hier sitzen sie zusammen und ruhen sich, wenn Zeit dafür bleibt, etwas aus. Sie unterstützen einander gegenseitig in allen möglichen Belangen. Mit Alpkäse oder Milch kann Hautle aber nicht dienen. Das und auch Fleisch und Brot beziehen die Beizer aus dem Tal von regionalen Produzenten.

Hautle ist kein Senn. Er schaut zu Rindern und ein paar Galtkühen. Er passt auf, dass es den Tieren gut geht. Mindestens einmal geht er jedes Tier anschauen. Besonders die hochansteckende Augenkrankheit Gamsblindheit macht ihm Angst. «Ich hatte diesen Sommer schon ein paar Fälle. Dann muss ich die Tiere sofort in den Stall und aus dem Licht bringen und ihnen Tropfen in die Augen geben.»

Tanzen auf der Alp

Dieser Aufgabe wird er voraussichtlich auch nächstes Jahr wieder nachgehen, wenn Juds nicht mehr auf der Alp sind. Bis dahin geniesst er die Zeit mit ihnen noch.

Wer weiss, vielleicht gibt es zum Abschied ja einen Tanz, um dem Namen der Alp alle Ehre zu machen. Dieser kommt aber vermutlich weniger vom Tanzen. Im Buch «111 Orte rund um den Säntis, die man gesehen haben muss» steht, dass der Name laut Historiker Alois Stadler auf die auf der Alp zahlreich lebenden Auer- und Birkhähne zurückgehe. «Sie tanzen gern auf offenen Plätzen, vor allem während der Brunftzeit», heisst es. 

Die Alp erreicht man am besten zu Fuss. Von Rieden, Ebnat-Kappel oder Wattwil aus. Weitere Infos auf www.tanzboden-rieden.ch oder im Buch «111 Orte rund um den Säntis, die man gesehen haben muss».

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