Samstag, 16. Januar 2021
10.04.2020 18:41
Uri

Vom Wunsch, Bäuerin zu werden

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Andrea Styger wollte schon immer Bäuerin werden. Dafür besucht sie nun die Bergheimatschule in Gurtnellen UR. Wie sie das Gelernte später umsetzt, weiss sie schon. Und auch, welchen Wert die Hausarbeit hat.

«Ui nein, da musst du nicht hochlaufen, das ist viel zu gäch.» Die Bergheimatschule Gurtnellen UR ist abgelegen und liegt an einem Hang auf über 900 Metern über Meer. Das weiss Andra Styger, die die Schule seit Anfang dieses Jahres besucht und wie die zehn anderen Schülerinnen dort im Internat wohnt. Sie steigt sofort ins Auto und holt den Besuch bei der Postautohaltestelle ab. 

Internatsleben gefällt

Die 22-Jährige aus Rothenthurm SZ trägt eine rosa geblümte Bluse und Perlohrringe. Ihr blondes Haar ist zu Locken geföhnt. Nach zehn Minuten Autofahrt über eine enge Strasse steigt sie vor dem Haus aus. Es schneit an diesem Märztag. Schnell geht sie in den Aufenthaltsraum. Es ist ruhig im Haus. Die anderen Schülerinnen besuchen gerade das Modul Textiles Gestalten.

Styger setzt sich an einen Tisch im leeren Speisesaal, auf dem zwei grosse Tupperwares mit selbst gebackenen Güezi stehen. Styger fühlt sich wohl in Gurtnellen. Das Internatsleben gefalle ihr. Die jungen Frauen besuchen am Morgen und am Abend die Module. Dazwischen planen sie die Mahlzeiten, kochen, putzen oder füttern die Enten oder im Winter Schneeschaufeln – je nach Ämtli. «Ich finde es sehr gut, dass wir den Haushalt selbst führen müssen, so können wir das Gelernte direkt anwenden. Das nützt uns für später», sagt sie. 

Lebensschule

Die Bäuerinnenausbildung sei eine Lebensschule, sagt sie. Deshalb habe sie schon als kleines Mädchen gewusst, dass sie diese einmal machen wollte. Zunächst sah es aber fast so aus, als würde sie einen Weg weg von der Landwirtschaft einschlagen. Als sie im Kindergarten war, übergab ihr Vater den Milchwirtschaftsbetrieb seinem Bruder. Sie machte deshalb zunächst die Lehre zur Coiffeuse und arbeitete bis vor kurzem auf diesem Beruf.

Den Bezug zum Bäuerlichen hat sie aber wieder: Seit sechs Jahren ist sie mit einem Bauernsohn zusammen, der in absehbarer Zeit den elterlichen Schaf- und Ziegenbetrieb in Steinen SZ übernehmen wird. Der Plan ist, dass Styger mit ihm zusammen den Hof führen wird. Für sie ist bereits jetzt klar, dass sie sich um den Haushalt und die allfällige Kindererziehung kümmern wird.

Hofladen als Option

Zudem möchte sie aber auch das Gelernte aus den Modulen zu Gartenbau, Produkteverarbeitung und Direktvermarktung anwenden und eventuell einen Hofladen eröffnen. Vielleicht aber auch ein kleines Coiffeurgeschäft auf dem Betrieb. Das alles steht noch in den Sternen.

Da der Betrieb ein kleiner ist, ist bereits jetzt klar, dass sie und ihr Freund auch nach der Übernahme beide noch extern arbeiten werden. «Ich gehe zurück in meinen Coiffeursalon. Dort gefällte es mir. Und wenn ich in einem Angestelltenverhältnis bin, sind meine Sozialleistungen bezahlt.»

Wichtiges Thema 

Das Thema Lohn und soziale Absicherung aller auf einem Bauernbetrieb mitarbeitenden Personen sei gerade im Modul «Recht» immer wieder wichtig. Die Haus- und Carearbeit sei noch immer gesellschaftlich nicht so anerkannt. Eigentlich sei es aber eine extrem wichtige Arbeit. «Hier in der Schule werden wir angehalten, mit unseren Partnern das Gespräch zu suchen und solche Angelegenheiten zu regeln», sagt sie.   

Während sie spricht, kommen langsam die anderen Frauen in den Raum. Zurzeit besuchen insgesamt 19 Schülerinnen die Schule. Elf von ihnen absolvieren als Kernklasse im Vollzeitmodell alle Module. 

Weniger Anmeldungen

Die Kernklasse ist damit kleiner als in den vergangenen Jashren. 2016 wurde die Schule wiedereröffnet, nachdem sie 1996 geschlossen wurde und die Räumlichkeiten bis 2011 nur noch als Kurszentrum dienten. Vor vier Jahren, bei der Wiedereröffnung, war der Ansturm gross. Die 16 Plätze waren schnell ausgebucht.

So ging es auch in den darauffolgenden Jahren. In dieser Zeit subventionierte der Bund die Kantone, die berufliche Weiterbildungen dadurch vergünstigt anbieten konnten. Die Absolventinnen profitierten von den Subventionen, unabhängig davon, ob sie die eidgenössische Berufsprüfung ablegten oder nicht.

Subjektfinanzierung 

Seit 2018 setzt der Bund mit der sogenannten Subjektfinanzierung den Anreiz, die Ausbildung abzuschliessen. Wenn eine Frau die Berufsprüfung absolviert, kann sie bis zu 50% der Ausbildungskosten vom Bund zurückfordern. Alexandra Fux, Leiterin der Bergheimatschule, ist überzeugt, dass das mit ein Grund ist für den Rückgang an Bewerbungen.

«Natürlich ist es nicht erfreulich, wenn sich weniger Schülerinnen anmelden», sagt sie. Die Klasse in diesem Jahr sei aber eine sehr gute. «Die überschaubare Grösse fördert den Zusammenhalt unter den Frauen. Sie verstehen sich alle sehr gut und das ist schön», sagt sie. 

Direktzahlungen

Im Juni schliessen die Frauen in Gurtnellen ihre neun Pflicht- und die beiden Wahlmodule ab. Wenn sie danach zwei Jahre Praxiserfahrung auf einem Landwirtschaftsbetrieb nachweisen können, sind sie zur Fachprüfung zugelassen. Andrea Styger hat vor, diese abzulegen. Nicht nur, um 50 Prozent   der Ausbildungskosten zurückzuerhalten. «Was man hat, hat man», sagt sie. Zudem sei man als Bäuerin mit Fachausweis berechtigt, Direktzahlungen zu beziehen. «Das ist ja auch nicht schlecht.»

Dieser Artikel wurde am 13. März 2020 erstmals publiziert.

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