26.06.2018 16:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
Vor Megawoche im Stich gelassen
Esther Schneiter ist zurück auf schweizerbauer.ch. Nach den Blogs aus Neuseeland, von der Alp Meienfall im Diemtigtal und der Alp Pfidertschegg im Eriz, wird Esther in den kommenden Monaten wieder aus ihrem Leben als Lehrerin, Landwirtin und Lernende berichten.

Am Sonntag, 17. Juni, haben wir gemäht   und zwar richtig viel. Zudem haben wir auch vorbereitet für den Montag, damit Töbu den Rest mähen konnte. Das Öko-Heu, das Heu für die Rinder und das Ezheu (wurde im Frühjahr geweidet) in der Hausmatte wollten wir am Mittwoch und Donnerstag Feldpressen. 

Mitarbeiterin im Tief

Am Sonntagabend trafen wir uns mit unserer Angestellten Marie zu einem Gespräch, da sie nun zwei Wochen bei uns war. Sie berichtete uns, dass es ihr nach einem Tief wieder besser gehe, aber sie die Begeisterung von den ersten Tagen nicht mehr habe. Dies spürten wir auch, zudem musste aus unserer Sicht ihre Rolle klar geklärt werden. 

War sie als deutsche Studentin bei uns, um die Schweizer Alpkultur kennen zu lernen oder um uns ihre Expertenmeinung aufzudrücken? Sie schilderte uns auch, dass es teilweise körperlich sehr streng sei für sie. Geistig würde sie sich aber unterfordert fühlen.

Leere Versprechen

Wir waren so offen, dass wir ihr das Angebot machten: Sie muss nicht bis Ende Juli bei uns bleiben müsse, sie kann aber nicht von heute auf morgen gehen. Vor allem nicht jetzt, wenn eine Megawoche bevorsteht. Sie versprach uns, dass sie sowas nicht machen würde.  Wir könnten auf sie zählen könnten, sagte Marie. Sie lasse uns nicht im Stich. 

Guten Mutes gingen wir so ins Bett. Am Montagmorgen unterrichtete ich, so verliess ich die Alp vor 5.30 Uhr. Im Verlaufe des Vormittags schrieb mir Töbu ein WhatsApp, dass wir von nun an alleine seien. Marie habe vor dem Frühstück mitgeteilt, dass sie am Abend nicht mehr da wäre. 

Kurze Stressattacke

Wie sollten wir das alles alleine bewältigen können? Kurz packte mich eine Stressattacke, in der ich Angst hatte, dass sämtliche Grenzen betreffend verfügbarer Energie und Arbeitsspitze überschritten werden. Zumal auch, dass ich momentan am Montagnachmittag zusätzlich in der Schule bin, denn ich begleite die Klasse in den Schwimmunterricht. 

Töbu sprach mit den beiden Praktikantinnen, die eigentlich bei meinen Eltern waren und nur kurz einige Tage bei uns vorbeischauen wollten. Anouk und Leoni sind zwei 15-jährige Mädchen aus Deutschland, die von Landwirtschaft etwa so viel Ahnung haben, wie ich von der chinesischen Sprache, nämlich keine. Sie waren aber bereit, bis Freitag bei uns zu bleiben. 

Getrennte Schlafzimmer

So organisierten wir es, dass ich am Montag und Dienstag, wenn ich jeweils am nächsten Tag Schule hatte, in Fahrni übernachtete und am Abend noch Arbeiten auf dem Talbetrieb erledigte. Töbu und die zwei Mädchen waren oben und bewältigten die Stallarbeiten. 

Am Mittwoch und Donnerstag tauschten Töbu und ich die Rollen, so dass er Rundballen nach Hause führen und am Freitagmorgen den Mist von der Nachbarin und dem Verpächter ausbringen konnte.

Super-Mittwoch

Eigentlich wollte ich am Mittwoch um 12 Uhr zu Hause sein. Wegen einer wichtigen Besprechung wurde es aber 12.30 Uhr. Und schon war ich im Stress. Das Mittagessen musste fertig zubereitet werden, zudem stand das Herunterblasen der steilen Hänge auf dem Programm. Um 16.30 Uhr hatte ich bereits wieder eine Verabredung in Eriz. Die Lehrpersonen der Schule Sachseln wollten für ihren Umwelteinsatz im August rekognoszieren. Während einer Woche werden auch auf unserer Alp Schülerinnen und Schüler im Einsatz stehen. 

Anouk und Leoni sahen zum ersten Mal in ihrem Leben einen Bläser, also ein Rucksack-ähnliches Gerät, dass mit Luft das Heu den Hang hinunter bläst. Ehrlich gesagt, habe ich ihnen die Arbeit nicht wirklich zugetraut. Sie haben die strenge Arbeit aber mit Bravour erledigt und ich konnte mit der Gabel das Heu runterschieben. Das ist auch nicht ganz ohne, wenn zwei Frauen so viel Leistung an den Tag legen. 

Stur wie ein Esel

Der Zeitplan stimmte perfekt. Um 18.00 Uhr konnten wir endlich mit den Stallarbeiten beginnen. Die beiden Girls wurden richtige Profis beim Ausmisten der Kühe, Liegeboxen im Laufstall aufbereiten und die Kälber versorgen. So bliebt mir das Melken, Milchgeschirr waschen und das Misten mit dem alten Traktor. 

Und genau dies hatte seine Tücken. Töbu hatte mir in den vergangenen Sommern mehrmals gesagt: „Willst nicht du ausmisten? Komm, du musst das auch lernen.“ Ich blieb stur wie ein Esel und habe mich stets geweigert. 

Ausmisten verlief am Donnerstag deutlich besser

Nun musste ich es eben plötzlich doch erledigen. Ich ohrfeigte mich in Gedanken, denn es ist deutlich schwieriger als es aussieht. Beim ersten Mal schieben schaffte ich den letzten Meter nicht ganz, da ich zu wenig Gas gab. Schliesslich wollte ich nicht rückwärts auf den Miststock fahren. Ich glaubte, dass der Traktor beim zweiten, dritten oder eben vierten Mal schon genügend Kraft haben würde.

Doch falsch geglaubt. Ich musste schlussendlich den ganzen Mist von 47 Tieren den letzten Meter mit der Gabel rauswerfen. Ich beneide niemanden, der täglich von Hand misten muss. Zum Glück war ich am Donnerstag kluger und das Misten hat viel besser geklappt. Seither übernimmt Töbu wieder diese Arbeit. Ich werde wohl nächste Woche, wenn ich ganz alleine die Stallarbeiten verrichten werde, denn wir haben nun Emd gemäht, wieder an die guten Worte meines Mannes denken.

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