15.02.2019 06:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Warum es in Windlingen nicht windet
In der Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Windlingen in Osslingen und Meder in Marthalen“ geht unsere Serie weiter. Die Landstücke befinden sich im Kanton Zürich. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Peter Oester fragt: Können Sie mir die Namen Windlingen in Osslingen und Meder in Marthalen, beides Gemeinden im Kanton Zürich, erklären?

Ja klar, mache ich gerne, denn Windlingen ist ein spannender Name mit einem nicht alltäglichen Hintergrund. Dazu muss ich aber erst ein wenig ausholen. Windlingen ist seit über hundert Jahren eine Waldschneise an der Strasse von Oerlingen nach Ossingen. Leicht lässt sich eine Gemeinsamkeit zwischen Oerlingen, Windlingen und Ossingen feststellen. Noch ein bisschen weiter in die Runde geschaut, entdeckt man im Süden dieser Orte Klein Andelfingen. Alle Namen enden auf -ingen und dies ist natürlich kein Zufall. 

Von den Männern Ozo, Andelfingen und Windo

Es handelt sich bei allen Namen und sehr alte Siedlungsnamen aus der ersten alemannischen Besiedlungszeit. Irgendwann im späten 5., vielleicht auch erst im 6. Jahrhundert zogen die Alemannen von Schaffhausen her über den Rhein kommend landeinwärts und liessen sich nieder. Sie rodeten den Wald, entwässerten die sumpfigen Gebiete und gründeten Siedlungen. Dies erfolgte vorwiegend innerhalb kleiner Personenverbände. 

Eine solche Sippe umfasste vielleicht 20 Personen und wurde durch ein Oberhaupt angeführt. Nach diesem wurde auch die Siedlung benannt. Bei Ossingen war dies ein Mann namens Ozo oder Ozzo, bei Andelfingen hiess das Sippenoberhaupt Andulf. Auch Windlingen war einst eine Siedlung, die aus mir nicht bekannten Gründen einst verschwand. Geblieben ist nur der Name. Dies ist allerdings nicht einfach zu bestimmen, weil alte, schriftiche Dokumente dazu fehlen. Möglich ist der althochdeutsche Name «Windo». Windlingen wäre demnach als ‚bei den Leuten des Windo’ zu deuten. 

Von der Wiese, die nur einmal im Jahr gemäht werden muss

Unweit davon entfernt, aber schon auf Marthaler Boden, liegt die Flur Meder, am Mederbach gelegen, in der Nähe der Mederhalden und des Hofs Madacker. Um es vorweg zu nehmen: Es handelt sich hier nicht um einen ehemamligen Siedlungsnamen. Meder oder auch Mäder geht zurück auf die Berufsbezeichnung des Mähers. Zugrunde liegen die mittelhochdeutschen Worte «mâder» und «mât», was so viel bedeutet wie ‚das Mähen, die Heuernte, das Gemähte. 

Mader und Mäder sind in der Schweiz auch als Familiennamen bekannt, im Kanton Zürich aber nur in Furlingen und Illnau schon vor 1800 als Bürgergeschlechter belegt. Das Schweizerdeutsche Wort «Mad», wie in Madacker enthalten, bezieht sich auf die einstige Nutzung als magere Wiese von geringerer Qualität, die nur einmal pro Jahr gemäht und nicht gedüngt wird. Ebenso ist ein Mad ein Flächenmass für Wiesland und bezog sich auf die Fläche, die ein fleissiger Mäher in einem Tag mähen konnte.

An einen Ort wurde mit viel Schweiss und Fleiss eine Siedlung erbaut, am anderen Ort die Wiesen gemäht. Beides fleissiger Hände Arbeit – genau so wie heute noch.

Die Autorin

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin. Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.

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