11.08.2018 09:37
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Trockenheit
Wetter-Risiko klein halten
Vor zehn Jahren hat Mark Rüegg die CelsiusPro gegründet, ein weltweit tätiges Unternehmen,welches sich auf die Absicherung von Wetterrisiken spezialisiert hat. Im Gespräch erklärt er, warum Schweizer Bauern kaum Wetterderivate kaufen und manche Entwicklungsländer weiter denken als wir.
Sie haben vor zehn Jahren als eine der ersten Firmen in der Schweiz Derivate angeboten, mit denen sich wetterbedingte Risiken absichern lassen. Trotz Wetterkapriolen und Klimawandel haben sich solche Wetterderivate aber nicht sehr verbreitet, warum?
Mark Rüegg: Der Trend geht eher in Richtung wetter-indexierte Versicherungen. Die Berechnungen sind dabei gleich wie bei den Derivaten, nur der Mantel ist anders.

Weil Versicherungen bekannter sind?

Nein, nicht nur. Energieunternehmen kaufen hauptsächlich Derivate, Landwirte dagegen Versicherungen. Das liegt auch daran, dass die Staaten Versicherungslösungen teilweise massiv subventionieren. In Spanien werden gegen 60 Prozent der Agrarversicherung vom Staat bezahlt, in China sogar bis zu 80 Prozent. In Australien gibt es das nicht, da setzen die Landwirte vermehrt auf Derivate.

Dann könnte ein Milchproduzent jetzt mit Ihnen ein Wetterderivat abschliessen, um Mindererträge wegen künftiger Dürre zu decken?
Für die Milchproduktion kommt das weniger in Frage, die ist sehr komplex. Da haben wir ja nicht nur das Futterwachstum sondern, auch noch die Kuh, die die Milch produziert. Hier die richtigen wettermässigen Zusammenhänge herauszuarbeiten, ist sicher schwierig. Aber bei einem Erdbeerproduzenten wäre das möglich. Sein Ertrag hängt stark von der Witterung in einem bestimmten Zeitraum ab, deshalb kann man die Risikoperiode recht präzise definieren.
Wetterderivat oder Versicherung?

Im Gegensatz zu klassischen Versicherungen muss man bei Wetterderivaten keine Scha¨den nachweisen. Die Auszahlung erfolgt aufgrund vorher genau festgelegter Faktoren, z.B. beim Unterschreiten einer bestimmten Temperatur oder einer festgelegten Niederschlagsmenge über einen zuvor definierten Zeitraum. Die Auszahlung erfolgt in der Regel sobald die festgelegten Bedingungen erreicht sind, und zwar unabhängig davon, ob nun tatsächlich ein Schaden entstanden ist oder nicht. Derivate sind folglich sehr transparent und relativ einfach zu kommunizieren. Ein Pluspunkt ist auch, dass das Wetter nicht manipulierbar ist. Versicherungen zahlen dagegen erst, wenn Schaden entsteht, was oft zu grossen Diskussionen führt. In letzter Zeit werden vermehrt Wetter-Index-Versicherungen angeboten, die praktisch genau wie Derivate funktionieren, also auf einem bestimmten Wetterindex beruhen. Damit verschwindet der Unterschied zwischen Wetterderivat und Versicherung.
Ein Frosttag im Mai kann für einen Erdbeerbauern einen Totalausfall bedeuten. Aber vielleicht hat er auch nur eine kleinere Ernte und dafür sehr gute Preise. Dann wären seine Einbussen am Ende gar nicht so gross und er würde von der Prämie des Wetterderivats profitieren.
Es ist aber auch das Umgekehrte möglich und der Landwirt erhält nichts vom Derivat, weil ein Zielwert vielleicht nur knapp verfehlt wurde.

Was könnte so ein Derivat denn kosten?
Die meisten wollen nicht viel bezahlen, nur viel bekommen (Rüegg lacht). Der Preis wird aufgrund historischer Zahlen festgelegt. Ein Landwirt zahlt in der Regel ungern mehr als zehn Prozent, das heisst, wenn er zehn Franken bezahlt, will er irgendwann hundert Franken dafür erhalten. Damit kann man aber höchstens ein Ereignis absichern,das etwa alle zehn Jahre vorkommt. Und wenn er nur fünf Prozent bezahlen will, kann er damit nur ein 25-Jahr-Ereignis absichern.

Bei Derivaten besteht aber doch die Möglichkeit, dass man einen Risiko-Partner findet, der vom gleichen Ereignis profitiert. Wenn es trocken ist, leiden zwar die Pflanzen, aber die trockenen Kehlen fördern den Bierabsatz. Ich dachte deshalb wären die Derivate günstiger?
In der Theorie ja, aber in der Praxis ist es nahezu unmöglich, zwei sich ergänzende Partner zu finden die zeitgleich vom selben Index abhängen.

Apropos Partner: Können Wetterderivate oder wetter-indexierte Versicherungen auch von Vereinen, Verbänden etc. abgeschlossen werden?

Wir schliessen sogar sehr viele Verträge mit Kooperationen ab, bei denen die Landwirte dann anteilsmässig partizipieren. 
Das Wetter als Wirtschaftsfaktor

Scha¨tzungen gehen davon aus, dass Wetterkapriolen fu¨r etwa 80 Prozent der weltweiten Wirtschaftsta¨tigkeit eine direkte oder indirekt Rolle spielen. In der Landwirtschaft ist der Einfluss des Wetters besonders augenfällig. Andere Branchen sind aber mindestens so wetterabhängig, zum Beispiel die Energie- und Bauwirtschaft. Dort geht es auch um wesentlich grössere Summen, wie eine Studie aus Deutschland zeigt. 
Theoretisch könnte auch der Bund ein Wetterderivat kaufen und mit der Prämie den Bauern unter die Arme helfen?
Genau. In Kenia machen wir das so. Dort arbeiten wir mit einem Begrünungsindex. Dafür werden mittels Satellitendaten in einer Auflösung von 250 mal 250 Metern die Grüntöne der Weiden erfasst. Sind sie mehr braun als grün, bekommt der Staat automatisch Geld überwiesen, welches er dann an die Besitzer der Flächen weiterleitet, damit sie Futter kaufen, den Tierarzt bezahlen und ihre Herden behalten können.

Haben Sie keine Angst, dass der eine oder andere Bauer besonders tief abweiden lässt, damit die Wiesen braun werden?
(lacht): Es geht bei dieser Lösung um grossflächige Ereignisse, die man mit einer einzelnen Parzelle nicht beeinflussen kann. Das gute an diesem System ist, dass man nicht warten muss, bis die Dürre vorüber ist und es zu einer Katastrophe kommt, sondern dass man sehr schnell reagieren kann.

Warum verwenden Sie dazu Satellitenbilder?

Weil in diesen Ländern Meteostationen fehlen. In Europa greifen wir auf die Wetterdaten der Nationalen Dienste zurück. Weltweit verwenden wir hauptsächlich Daten der Nasa, teilweise in sehr kleiner Auflösung. In Sambia messen wir zum Beispiel die Niederschlagsmengen per Satellit.

Das tönt nach grossen Datenmengen...
Sind es auch. Bei uns kommen schätzungsweise hundert Millionen neue Datenpunkte weltweit zusammen.

Im Jahr?
Nein, pro Tag.

Diese Daten brauchen Sie alle für Ihre Derivate?

Wir bieten unsere Wetterkompetenz auch als Consulting an und beraten zum Beispiel Versicherungen, Rückversicherungen, Regierungen etc. bei Fragen im Umgang mit Wetterrisiken, der Index- und Preisgestaltung.

Früher waren die Wetterderivate ja eher als Alternative zu den Versicherungen gedacht. Haben die Versicherungen von den Wetterderivate-Anbietern gelernt?
Daran ist die Weltbank nicht ganz unschuldig. Sie hat das gepuscht, speziell in Entwicklungsländern. Die Afrikanische Union hat sogar eine eigene Organisation gegründet, die African Risk Capacity, um Wetterrisiken und Naturkatastrophen abzusichern. Ihnen ist bewusst, wie wichtig es ist, die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen zu können. Sie wollen dabei nicht auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. Die greift nämlich erst,wenn die Katastrophe bereits grosse Ausmasse angenommen hat. Die Tierhalter in Kenia hätten ohne Wetterderivat bei einer Dürre ihre Tiere schlachten und ihre Existenz aufgeben müssen. Dank unserer Lösung haben sie die letzte Jahrhundert-Dürre aber überstanden.

Diese Staaten gehen das Thema Klimawandel offensichtlich aktiver an als wir.
Bei uns stehen dem die Agroversicherung und die Schlechtwetterversicherung vom Bund im Weg. Dabei gibt es bei diesen Versicherungen immer viele Diskussionen, ab wann wie viel Schaden entsteht. Mit Derivaten oder wetterindexgestützten Modellen ist es dagegen möglich, sich auf objektiv messbare Faktoren abzustützen.

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