31.12.2017 06:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Lucas Huber
Menschen
Wetterprognosen aus dem Kuhstall
Je struppiger das Fell, desto garstiger der Winter. Das liest Manfred Burki aus seinen Kühen und schreibt Wettergeschichte. Mit den Hubel-Meteorologen wurde er ins «Immaterielle Kulturerbe Aargau/Solothurn» aufgenommen.

Fünf Freunde im Wald, so liessen sich die Anfänge der Hubel-Meteorologen übertiteln. Denn so begann die Karriere des fünfköpfigen Wetterschmöckerteams aus Lohn-Ammansegg, 20 Fahrminuten von Solothurn entfernt. Vielleicht ist an dieser Stelle noch ebenjener Kauz zu erwähnen, den sie an diesem Tag vor über zwölf Jahren hörten. «Der wollte uns, hatten wir das Gefühl, etwas sagen.»

Hubel-Meteorologen orakeln für sich


Der das erzählt ist Manfred Burki, einer dieser fünf Meteorologen. Burki ist Landwirt, Familienbetrieb mit Milchwirtschaft und Ackerbau, 40 Kühe, 30 Hektaren Ackerland. So sei, sagt er, die Idee zu den meteorologischen Langzeitprognosen für die Region Lohn-Ammannsegg entstanden. Und Hubel, so nennt sich das Waldstück, in dem 2002 alles begann.

Kurz entschlossen spannen sie diese Idee weiter, die in der Gründung eines ungewöhnlichen Vereins mündete. Denn ein klassisches Vereinsleben gibt es nicht, weder wöchentliche Treffen noch regelmässige Anlässe: Die Hubel-Meteorologen orakeln im Grossen und Ganzen jeder für sich.

Genauigkeit 77 Prozent

Orakeln bedeutet in ihrem Fall: Sie beobachten, tragen zusammen, vergleichen, werten aus – und merkten bald: «So schlecht machen wir das gar nicht.» Erinnert sich Manfred Burki. Hier kommen nun Prozentsätze ins Spiel. Um nämlich herauszufinden, ob Prognosen zutreffen oder nicht, lassen die Wetterschmöcker ihre Voraussagen von neutraler Stelle anhand der Daten von «Meteo Schweiz» analysieren.

Und siehe da: Die Genauigkeit ihrer Prognosen beträgt 77 Prozent. Der Beste unter ihnen, Holzbildhauer Paul Halter, der die Struktur heimischen Holzes als Basis für die Wetterentwicklung nimmt, bringt es sogar auf 86 Prozent. Und das jeweils für ein ganzes Jahr, veröffentlicht jeweils im Herbst. Manfred Burki liegt mit seinen 76 Prozent zutreffender Voraussagen nicht weit davon entfernt.

«Haare verraten viel»


Während der eine seiner Partner die meteorologische Entwicklung von der Bewegungsfreudigkeit von Ameisen abliest und ein anderer in der Schwirrtätigkeit seiner Bienen, entziffert Manfred Burki die Struppigkeit der Felle seiner Milchkühe. «Die Haare verraten extrem viel», sagt er, «und das Fell einer Kuh verändert sich enorm.»

Darum dauern Burkis Beobachtungen auch über Wochen, ja Monate an. Eigentlich beobachtet er seine Tiere das ganze Jahr über. Schliesslich ist er zweimal täglich im Stall, da achte man halt auch aufs Fell, sagt er, wie sein täglich Brot sei das. Was er da genau sieht und woran er genau was erkennt, verrät er nicht, da winkt er ungefragt und lachend ab. «Aber grundsätzlich gilt: Je struppiger das Fell, desto härter wird der Winter.» Früher las er auch aus den Fellen seiner Ziegen und Kaninchen, das Prinzip sei dasselbe. Doch die Kühe, erklärt Burki, orientierten am verlässlichsten.

Bitte um Auskunft

Wer nun an der Glaubwürdigkeit des soeben Gelesenen zweifelt, dem sei gesagt, dass Tiere auch nahende Stürme oder Erdbeben spüren. «Für mich ist es da nur logisch, dass sie auch spüren, ob sie sich für einen harten oder einen milden Winter rüsten müssen.» Burki nimmt es aber niemandem übel, der nicht daran glaube.

Viele seiner Berufskollegen tun es allerdings: glauben, vertrauen. Regelmässig klingelt bei Manfred Burki jedenfalls das Telefon. Am anderen Ende sitzt dann ein Landwirt, der um Auskunft darüber bittet, wie der nächste Frühling, wie der Sommer werde. Dann erteilt Burki geduldig Auskunft, selbstredend, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Wenn seine Prognose allerdings nicht zutreffen, sind die kecken Sprüche trotzdem selten rar.

Prognose fürs 2018

Die berühmten Wetterpropheten aus der Innerschweiz, die mittlerweile sogar für Fondue werben, seien nicht die Vorbilder gewesen, erklärt Manfred Burki weiter. Und auch deren Publizität suche man nicht, auch wenn man früher regelmässig Anlasse veranstaltete oder Referate hielt.

Doch was besagen ihre Langzeitprognosen nun für das kommende Jahr? Die Schmöcker sagen einen kalten Januar vorher, einen stürmischen Februar und einen April, der seinem Namen als unschlüssiger Monat alle Ehre machen werde. Der Juni werde hochsommerlich, der Juli durchzogen mit Tendenz zur Garstigkeit (Burki: «Die Ernte Ende Juli könnte ins Wasser fallen, aber ich hatte ja nicht immer recht.»), einen schönen August, einen frühen und goldenen Herbst bereits im September und erste Schneeflocken bereits Ende Oktober. «Und wie meistens», so Burki: «grüne Weihnacht.»

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