9.05.2014 09:03
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Ausstellung
Wie die Landesausstellung 1914 den Röstigraben vertiefte
Vor 100 Jahren, am 15. Mai 1914, öffnete die Landesausstellung in Bern ihre Tore. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs sollte sie den Zusammenhalt der Schweiz stärken. Doch die Berner «Landi» vertiefte den Röstigraben und verschärfte auch andere Gegensätze.

Der Ärger begann schon mit dem Ausstellungsplakat, das einen Reiter vor dem Hintergrund der Stadt Bern und der Alpen zeigte. Denn das Pferd hatte eine grünliche Farbe - und das löste einen Sturm der Empörung aus.

«Style de Munich»

So ein «Spinatross» sei wieder «typisch deutsch», schimpften viele Westschweizer. Sie konnten nichts anfangen mit den künstlerischen Freiheiten, die sich moderne Maler um Ferdinand Hodler nahmen. «Ein grünes Pferd ist eine Lüge, und Lügen sind nie schön», schrieb eine Zeitung. Die Veranstalter liessen extra für die Westschweiz ein neues, harmloses Plakat drucken. Doch der Streit der Kulturen war nicht mehr aufzuhalten.

Augenfällig wurde der Röstigraben bei den unterschiedlichen architektonischen Stilen auf dem Gelände. Die wenigen Pavillons von Westschweizer Architekten orientierten sich an Renaissance und Barock - sie gingen fast unter nebst all den modernen Gebäuden der Berner Architekten, die dem Historismus längst abgesagt hatten.

Die Romands sprachen abfällig vom «Style de Munich». Denn es war die Nähe der Deutschschweiz zu Deutschland, die im Westen des Landes provozierte. Der begeisterte Empfang des deutschen Kaisers 1912 in Zürich war noch in wacher Erinnerung.

Alles auf deutsch

Als die 500'000 Quadratmeter grosse Landesausstellung am Stadtrand in der hinteren Länggasse endlich ihre Tore öffnete, stand der nächste Eklat an: Die meisten Hallenanschriften waren nur in deutscher Sprache abgefasst.

Die Veranstalter schufen umgehend Abhilfe. Der Dank der Westschweiz hielt sich in Grenzen, denn nun regte man sich über den Werbechef der «Landi» auf. Der gebürtige Deutsche hatte der «Tribune de Genève» mit einem Inserateboykott gedroht, sollte die kritische Berichterstattung nicht endlich aufhören. Für Abkühlung sorgte schliesslich ein Fussballmatch zwischen Romands und Deutschschweizern. Das Spiel endete mit einem 6:0-Triumph der Westschweizer.

Viele Gräben

Doch nicht nur der Röstigraben wurde in Bern tiefer - auch andere Gegensätze akzentuierten sich. Die Industriellen nervten sich über die Berner Gewerbler und das «Heimatschutzdörfli», die Arbeiterschaft widmete sich lieber dem Klassenkampf als der kapitalistischen Leistungsschau.

Auch Frauen spielten nur eine Nebenrolle. Sie servierten den Männern das Bier und durften ihre Fertigkeiten im Sticken, Töpfern und Teppichknüpfen demonstrieren. Trotz aller Misstöne wurde die Landesausstellung zum Publikumserfolg. Mehr als 3 Millionen Menschen strömten in die Länggasse, dies bei einer Schweizer Gesamtbevölkerung von knapp 4 Millionen Menschen.

Geboten wurde ihnen eine Mischung aus Volksfest, Agrarmesse, Gewerbeausstellung und Leistungsschau. Mehr als 6000 Aussteller waren vor Ort. Erstmals vertreten waren die Automobil- und die Flugzeugindustrie, und es wurden Visionen präsentiert wie das Schiffbarmachen des Rheins bis zum Bodensee.

Soldaten statt Securitas

Doch die Gegenwart war ein Europa, das nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 rasch in den Krieg schlitterte. Ende Juli ordnete der Bundesrat die Generalmobilmachung an. Nun bewachten Soldaten das «Landi»-Areal. Die Landesausstellung blieb auf Wunsch des Bundesrats offen, aber der Besucherstrom riss ab.

Am 15. Oktober 1914 schloss die «Landi» ihre Tore, die Schweiz stand im Bann des Kriegs. Die Konflikte blieben dabei dieselben. So wurde der Röstigraben im Krieg noch tiefer, unter anderem durch die Wahl des deutschfreundlichen Generals Wille.

Was von der Landesausstellung in Bern übrig blieb

Ausser schönen Erinnerungen bleibe von einer Landesausstellung bekanntlich nicht viel übrig, sagte der frühere Berner Staatsarchivar Peter Martig kürzlich im Radio SRF.

Der Berner Ausstellung von 1914 erging es in dieser Hinsicht nicht anders als ihren Vorgängern in Zürich (1883) und Genf (1896) und ihren Nachfolgern in Zürich (1939), Lausanne (1964) und der Expo.02. Standort der Berner Ausstellung war die hintere Länggasse am Rand des Bremgartenwaldes. Industrie und Gewerbe befanden sich im Neufeld, die Landwirtschaft nebst Sport und Kunst auf dem Viererfeld, und dazwischen lockte auf dem Mittelfeld eine ausgedehnte Vergnügungsmeile mit vielen Gaststätten.

Nach der Schliessung wurde die Landesausstellung fast komplett rückgebaut - auch das Modelldorf, das aufzeigen sollte, wie in Zukunft auf dem Land gebaut werden könnte. Nur einzelne kleinere Bauten wurden abgetragen und später wieder aufgebaut, unter anderem im Berner Vorort Zollikofen. Einige Gebäude im Landistil sind heute noch entlang der Bahnlinie zwischen Bern und Solothurn zu sehen, namentlich die Bahnhöfe in Schönbühl, Jegenstorf und Bätterkinden.

In der Stadt Bern stehen noch zwei Brunnen, die für die Landesausstellung gebaut wurden: Der Brunnen im Florapark und der Hospes-Brunnen an der Kreuzung Belpstrasse/Schwarztorstrasse. Das höchstgelegende Relikt der Berner Landesausstellung findet sich im Kanton Uri. Auf dem Südgrat des Moosstocks auf 2438 Metern über Meer steht die Dammahütte, die 1914 in Bern vom Schweizerischen Anlpenclup ausgestellt wurde. 1915 wurde sie zum heutigen Standort transportiert und dort wieder aufgestellt. sda

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