16.02.2018 17:26
Quelle: schweizerbauer.ch - Therese Krähenbühl
Gesundheit
«Wir behandeln Bauern wie Spitzensportler»
Mazda Farshad ist ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Balgrist in Zürich und Spezialist für Wirbelsäulenchirurgie. Er erklärt, warum er Bauern wie Spitzensportler behandelt und wie sie beim Arbeiten gesund bleiben.

«Schweizer Bauer»: Gibt es typische Krankheitsbilder des Rückens bei Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten?
Was auffällt ist, dass Landwirte, die zu uns in die Sprechstunde kommen, häufig ein strukturelles Rückenproblem haben. Wenn ein Bauer mal über Schmerzen klagt, dann hat er meist relativ starke Schmerzen. Ob es spezielle Krankheitsbilder gibt, muss man letztendlich mit nicht geklärt beantworten, da die Datenlage zu dünn ist. Gewisse Studien berichten über höhere Häufigkeit von Rückenschmerzen bei Menschen mit langen Sitztätigkeiten, andere Studien berichten das Gegenteil.

Sind Probleme mit der Wirbelsäule eher krankheits- oder unfallbedingt?

Krankheitsbilder an der Wirbelsäule wie Abnützungserscheinungen sind zu ungefähr 70 Prozent genetisch prädestiniert. Und circa 30 Prozent sind externe Faktoren wie zum Beispiel Über- oder Unterbelastung einschliessend. Ein Mensch, der jeden Tag in einer ungesunden Haltung im Büro sitzt, ist vermutlich gefährdeter als ein Bauer, der jeden Tag körperlich arbeitet. Auch die Ernährung, das Rauchen oder Erkrankungen wie Diabetes sind unter anderem weitere beeinflussbare äussere Faktoren. Aber eben: ca. 70 Prozent sind wohl in den Genen geschrieben.

Für einen Bauern, der einen Betrieb führt, ist es entscheidend, ob er einen Unfall hatte oder ob seine Probleme als Krankheit klassifiziert werden. Wie gehen Sie damit um? 
Der Unfallbegriff ist aus juristischer Sicht ganz klar definiert. Ob es ein Unfall oder eine Krankheit ist, wird nach juristischen Definitionen zwischen der Kranken- und der Unfallversicherung bestimmt. Es ist nicht primär meine Aufgabe zu entscheiden, was Unfall oder Krankheit ist. Aber wir nehmen die Fakten in die Krankheitsgeschichte mit auf. Wenn ein Patient zum Beispiel erzählt, dass er nie Probleme mit dem Rücken gehabt hatte, dann vom Traktor gestürzt ist und die Schmerzen danach begonnen hätten, dokumentieren wir dies entsprechend und übermitteln das  auch der Versicherung.

Gibt es Besonderheiten, auf die man achtet, wenn man einen Landwirt als Patienten hat?
Wir behandeln Bauern wie Spitzensportler, da sie genauso auf ihren Körper angewiesen sind. Das Ziel der Orthopädie ist es, die Funktion wiederherzustellen, abgestimmt auf die jeweiligen Bedürfnisse der Patienten. Zum Beispiel die Behandlung einer Spinalkanalverengung sieht bei einer alten, sehr kranken Person, die wenige körperliche Ansprüche hat, anders aus als bei einem gesunden Bauern, der seinen Körper brauchen muss. Bei der älteren Person wäre das Hauptziel der  Operation, den Spinalkanal zuverlässig zu befreien und das möglichst sauber und schnell. Denn je kürzer die Operationszeit, desto weniger ist die Belastung auf den Gesamtorganismus, vor allem bei schwerkranken alten Patienten. Bei einem gesunden Bauern würde der Spinalkanal zwar auch befreit, aber mit einer anderen chirurgischen Technik, welche eine bessere Stabilität gewährleistet, welche den Ansprüchen der starken körperlichen Arbeit entspricht. Das Ziel ist somit ähnlich, aber der Weg zum Ziel anders.

Kann man etwas machen, um den Bewegungsapparat im Alltag zu schützen?
Ja, mit ergonomischem Arbeiten. Zum Beispiel sollten Lasten nahe am Körper gehoben werden, damit die Wirbelsäule weniger belastet wird. Auch hier besteht ein Vergleich zum Sport. Der Bauer sollte seinen Körper genauso pflegen und Sorge dazu tragen wie ein Sportler. Aufwärmübungen, wie man sie sonst vor dem Sport macht, und Dehnübungen, wie sie danach folgen, sind ebenfalls protektiv für den Bewegungsapparat.

Viele haben Hemmungen, einen Arzt aufzusuchen. Wann ist es höchste Zeit, sich untersuchen zu lassen?
Bei der Wirbelsäule ist es spätestens dann, wenn neurologische Symptome auftreten, das heisst, wenn ein Nervenschaden am Entstehen ist. Wer ein Kribbeln oder Schwäche in einer Extremität spürt, wer Blasenentleerungsstörungen oder Unsicherheit beim Gehen hat, sollte schnellstmöglichst einen Arzt aufsuchen. Bei solchen Symptomen zählt jede Minute. Ich hatte den Fall eines Bauern, der aufgrund einer neurologischen Störung eine Lähmung im Fuss hatte. Das heisst, er konnte seinen Fuss nicht mehr nach oben ziehen. Er hat dann Militärstiefel zum Stützen verwendet und damit weitergearbeitet. Als er endlich in der Sprechstunde erschien, war es natürlich schon zu spät, und der Nerv war unwiderruflich zerstört. Ich denke, dass die Mentalität der Landwirte sich bezüglich Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen von jener anderer Menschen unterscheidet.

Was können Patienten selber machen, damit sie eine möglichst gute Behandlung erhalten?
Grundsätzlich ist es so, dass man heute via Internet einen guten Zugang zu Informationen hat. Zum Beispiel auf der Balgrist-Homepage findet man viele Informationen zu den verschiedenen Krankheitsbildern des Bewegungsapparates. Grundsätzlich sollte man sein Problem dem Hausarzt schildern, und der wird weitere Schritte einleiten und gegebenenfalls zu einem Spezialisten überweisen. Wer danach immer noch unsicher ist, kann eine Zweitmeinung einholen. Das ist mittlerweile üblich geworden. Gerade, wenn man bei der Behandlung nicht weiterkommt, ist es sinnvoll, dass man zum Beispiel den Hausarzt bittet, eine Überweisung zum Spezialisten vorzunehmen für eine Zweitmeinung. In einer Notfallsituation muss man aber schnellstmöglichst in ein spezialisiertes Zentrum gehen. Bei einem Herzinfarkt würde man wohl auch nicht zuwarten.

Wie kann der Patient nach einer Operation selber dazu beitragen, dass das bestmögliche Ergebnis erzielt wird?
Der Heilungsprozess ist eine Herausforderung. Es ist die Aufgabe des Arztes, einem Patienten das Nachbehandlungsschema so zu erklären, dass es zu einem optimalen Heilungsverlauf kommt und langfristig keine Probleme gibt. Wenn man sich kurzfristig nach der Operation nicht an die Anweisungen des Arztes hält, kann man viele Probleme erzeugen, die langfristig gesehen viel mehr Zeit brauchen. Wir versuchen, unsere Patienten mit dem bestmöglichsten Ergebnis zu motivieren und erklären ihnen, dass es sich lohnt, sich die nötige Zeit zur Genesung zu geben. Wenn sich jemand drei Monate schonen sollte und schon nach einem Monat wieder im Betrieb arbeitet, ist die Gefahr einfach gross, dass es zu Komplikationen kommt und man nochmals operieren muss oder dass chronische Schmerzen bleiben. Es ist  Pflicht des operierenden Arztes aufzuklären, aber auch Plicht des Patienten, sich an die Anweisungen  zu halten. Aber es ist uns natürlich bewusst, dass die Situation für Landwirte komplizierter sein kann als für andere Berufsgruppen, weil es schwierig sein mag, Vertretungen für den landwirtschaftlichen Betrieb zu organisieren.

www.balgrist.ch

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