1.08.2014 13:40
Quelle: schweizerbauer.ch - Samuel Krähenbühl
1. August
«Wir wollen frei sein»
Samuel Krähenbühl, Redaktionsleiter von schweizerbauer.ch, hat seine Gedanken zur Bundesfeier am 1. August 2014 in einem Online-Blog für Sie zusammengefasst.

Wir sind alle beeindruckt und erschüttert über die schweren Schäden, welche die Unwetter in vielen Regionen der Schweiz in letzter Zeit angerichtet haben. Die Urgewalten der Natur zeigen uns immer wieder auf, wie begrenzt und klein das menschliche Können trotz aller Technik ist.

Unwetter, Bergstürze, Überschwemmungen, Lawinen und andere Naturkatastrophen gibt es in unserem Land immer wieder. Das ist heute so und war auch schon früher schon so. Nur gab es früher keine Bagger und Motorsägen, mit denen man Holz und Schutt wegräumen konnte.
Unsere Vorfahren haben also enorm viel geleistet. Und zwar nicht nur beim Beseitigen von Unwetterschäden. Sie haben auch bei der Erschliessung des Landes unglaublich viel und hart arbeiten müssen.

Mit enorm harter Handarbeit haben unsere Vorfahren gerodet, Wurzelstöcke ausgerissen, Sümpfe drainiert und dann dem Boden mühsam etwas Essbares abgerungen. Noch heute ist es kein Zuckerschlecken, Bauer zu sein. Früher war es härteste Arbeit. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten baute man bis in hohe Lagen Gewächs und Kartoffeln an. Zusammen mit der Milchwirtschaft sicherte das die Existenz vieler Bauernfamilien. Es trug aber auch zur sicheren Versorgung unseres Landes bei. Gar manches hungriges Maul in den Städten wurde mit Brot aus den Randregionen gestopft.

Heute ist das alles anders. Bauern, welche sich heute vor allem noch als Produzenten von Lebensmitteln sehen, müssen sich fast dafür entschuldigen. Tierschutz und Ökologie sind heute die Zauberworte. Im Stall geht es um Zentimeter, ja, gar um Millimeter. Kunstdünger und Gülle sind dafür schon fast des Teufels.

Dafür vergandet, verwaldet und verbuschen hektarweise Kulturland. Und pro Tag verschwinden 23 ha Alpweiden. 1,1 Quadratmeter Kulturland wird pro Sekunde verbaut. Und immer mehr Kulturland fällt in der ganzen Schweiz auch sogenannten Renaturierungen zum Opfer. Wir sprechen hier heute bei Projekten wie der Aarerenaturierung von 23 Hektaren Kulturland, das bei einem einzigen Projekt verloren geht. Die gleiche Renaturierung kostet den Kanton Bern übrigens 140 Millionen Franken. Für solche übertriebenen Prestigeprojekte hat man Geld. Dafür wird dann in den Randregionen der Winterdienst eingestellt.

Es gibt also immer weniger Kulturland, auf dem überhaupt noch Lebensmittel produziert werden können. Gleichzeitig kann unsere immer grünere und biologischere Landwirtschaft mit dem Bevölkerungswachstum nicht mehr mithalten. Im 2. Weltkrieg hatte die Schweiz etwas mehr als 4 Millionen Einwohner. Heute sind es über 8 Millionen.

Wir importieren also immer mehr Lebensmittel. Damit exportieren wir aber auch unsere Umweltbelastung. Das hat sogar das Bundesamt für Umwelt (Bafu) inzwischen gemerkt. Das Bafu hat im Rahmen einer Forschungsstudie gerade kürzlich die Entwicklung der Gesamtumweltbelastung des schweizerischen Konsums in der Zeit von 1996 bis 2011 berechnen lassen. Und diese Studie zeigte, dass die Schweiz deutlich mehr Land im Ausland als im Inland nutzt. Tendenz steigend. Vor allem werden die importierten Lebensmittel oft auch in sehr trockenen Gebieten angebaut, anstatt hier bei uns, wo es mehr als genug Wasser hat.

Zurück in die Schweiz. Zurück in unsere Berge. Die ersten Eidgenossen waren Bergbauern. Sie konnten arbeiten. Sie konnten Entbehrungen ertragen. Sie hielten wenig von Pomp und vornehmen Getue. Aber dafür wollten sie möglichst frei sein. Die Berge hatten für ihre Bewohner oft auch Vorteile. Und zwar politische Vorteile. Weil die Mächtigen froh waren, wenn überhaupt jemand den Wald rodete, die Sümpfe trocken legte und die steilen Hänge bewirtschaftete, liess man den Berglern mehr Freiheit. Nicht umsonst lag also die Wiege der Schweiz in den Bergen der Innerschweiz.

Friedrich Schiller war ein Deutscher, ja, er war nicht einmal je in der Schweiz. Trotzdem hat er den Schweizer Nationalmythos geprägt. Und er hat viel verstanden vom Schweizer Wesen, wie in der Formulierung seines Rütlischwurs zum Ausdruck kommt:

"Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen."

In gewissen politischen Kreisen wird gesagt, das sei altmodisch, übertrieben, ja gar nationalistisch. Kürzlich haben die Jungsozialisten gar bekannt gegeben, dass sie den 1. August abschaffen möchten.

Ich sehe das anders. Ich für mich kann aber diese Verse sehr gut nachvollziehen. Ich möchte nur kurz auf den mittleren Vers eingehen: „Wir wollen frei sein.“ Freiheit ist eines der höchsten Güter, die es überhaupt gibt. In Ländern, wo es keine Freiheit gibt, sitzen Tausende in Gefängnissen oder werden gar umgebracht. Aber auch diejenigen, welche nicht im Gefängnis sitzen, sind trotzdem nicht frei. Sie müssen ständig fürchten, von der Strasse weg verhaftet zu werden.

Unsere Vorfahren waren nicht reich. Aber sie bewirtschafteten ihren eigenen Boden. Und sie konnten in Freiheit ernten, was sie in Freiheit gesät hatten. Nur ein einziges Mal in der über 700-jährigen Geschichte unseres Landes waren wir besetzt. Das war in der Zeit der französischen Revolution nach 1798. Es war die leidvollste Zeit der Schweizer Geschichte.

Bei uns herrscht noch in vielen Bereichen Freiheit. Doch die Menschen nehmen es oft gar nicht mehr wahr. Und viele schätzen es auch viel zu wenig, dass man in der Schweiz noch frei wählen und abstimmen kann. Leider nehmen viele dieses Recht nicht mehr wahr. Bei Wahlen nehmen praktisch flächendeckend nur unter 50 Prozent der Stimmberechtigten teil.

Dabei stehen bei uns wichtige politische Entscheidungen an. Die Schweiz ist auf dem Weg, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Die Europäische Union verlangt von uns, dass wir ihren Gerichtshof bei Streitigkeiten anrufen. Ich wiederhole: Wenn die Schweiz mit der EU im Streit liegt, soll ausgerechnet der Gerichtshof der EU das letzte Wort haben.

Auf der anderen Seite will die EU nicht akzeptieren, dass wir unsere Zuwanderung wieder selber steuern wollen. Das Schweizer Volk hat die Masseneinwanderungsinitiative angenommen, doch den Fürsten der EU passt dieser demokratische Entscheid nicht. Dies, obschon die Schweiz ein Bevölkerungswachstum wie ein Drittweltland hat. Die Volksrepublik China etwa wächst in den letzten Jahren prozentual deutlich schwächer, als die Schweiz. Mit ihrem Bevölkerungswachstum von 1 Prozent pro Jahr steht die Schweiz in der westlichen Welt weit und breit alleine da. Jedes Jahr wachsen wir um die Stadt St. Gallen.

Wir werden deshalb sicherlich in den nächsten Jahren erneut über die Bilateralen Verträge mit der EU abstimmen müssen. Bei dieser Gelegenheit wird man uns Angst machen. Die Bilateralen Verträge seien gefährdet. Die Schweiz stehe quasi vor dem Untergang. Nicht erwähnt wird, dass die meisten Bilateralen Verträge vor allem oder vorwiegend für die EU gut sind.

Was will die EU ohne Transitabkommen mit der Schweiz? Sollen ihre Lastwagen doch alle über den Brenner nach Italien fahren! Was will die EU ohne Luftverkehrsabkommen mit der Schweiz? Die Swiss gehört längst der deutschen Lufthansa. Soll die doch ihr eigenes Kapital vernichten! Die Schweiz ohne Käsefreihandelsabkommen? Damit kann ich gut leben! Denn die Käseimporte in die Schweiz nehmen massiv zu, während die Exporte mittlerweile zurückgehen.

Fakt ist: Die Schweiz importiert weit mehr Güter aus der EU, als sie in die EU exportieren kann. Fakt ist auch: Wir bezahlen schon heute der EU viel Geld, so unter anderem die Kohäsionsmilliarde.

Aber sogar wenn wir gewisse Nachteile im Verhältnis mit der EU in Kauf nehmen müssen, bleibt doch die Freiheit unser höchstes Gut.
Drum wiederhole ich es noch einmal: „Wir wollen frei sein.“

Ich wünsche allen eine besinnliche und schöne Bundesfeier!

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