3.09.2019 14:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Therese Krähenbühl
Bern
Wo Landwirtschaft auf Militär trifft
Urs Jordi aus Thierachern BE bewirtschaftet einen Landwirtschaftsbetrieb, der grösstenteils direkt an oder in der Manövrierzone des Thuner Waffenplatzes liegt. So wird der Alltag auf dem Hof oftmals vom Militärbetrieb bestimmt.

Auf den ersten Blick wirkt der Betrieb von Urs Jordi und seiner Familie in Thierachern völlig normal. Wäre da nicht die weite Ebene hinter dem Hof, auf der immer wieder Panzer in hohem Tempo vorbeibrettern.

Jordis haben ihren Hof, der nicht nur an den Thuner Waffenplatz grenzt, sondern teilweise direkt in ihn übergeht, vom VBS beziehungsweise von der Armasuisse gepachtet. Urs Jordi trifft man beim Wischen im grossen Freilaufstall an. Hie und da ist ein lautes Krachen zu hören, weil in der Nähe Blindgänger entschärft werden. 

Den Lärm gewöhnt

Weder Jordi noch seine Kühe reagieren auf die Geräusche vom Waffenplatz. «Ich bin den Lärm gewöhnt und meine Kühe auch», erklärt der Bauer. Auf anderen Betrieben habe man anderen Lärm, bei ihm sei das nun halt das Militär. «Die Kälber hören das ja schon im Bauch. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Tiere dadurch gestört werden.

Erst kürzlich sagte ein Monteur zu mir, dass unsere Kühe sogar sehr zutraulich seien und überhaupt nicht gestresst wirken würden.» Einzig, wenn die Tiere auf der Weide seien und ein Panzer mit Vollgas an ihnen vorbeifahre, würden die Kühe reagieren und auch mal aufstehen. «Wie gross die Lärmbelastung ist, hängt schlussendlich auch vom Wind ab. Wenn es Föhn hat, ist es deutlich lauter, als wenn die Bise bläst.»

 Traumland Kanada

Trotzdem hat sich Urs Jordi seinerzeit gut überlegt, ob er den Betrieb auch wirklich übernehmen will. «Es hätte mich auch gereizt nach Kanada zu gehen, so wie das mein Vorgänger hier gemacht hat», erzählt der Bauer. «Er hat die besseren Strukturen, das bessere Kostenumfeld und sicher auch den besseren Milchpreis.» Dennoch sei er heute zufrieden mit seiner Entscheidung, hier zu bleiben.

Der Alltag auf seinem Betrieb sei vielleicht schon etwas speziell oder eben einfach anders als bei anderen Bauern, gesteht Jordi. «Hatte man einen arbeitsintensiven Tag und möchte endlich das Galtvieh auf die Weide lassen, ist es nicht möglich, weil immer noch geschossen wird und dann wartet man halt. Auch das langfristige Planen ist nur bedingt aufgrund der Schiessplatz-Zuteilung möglich und erst spätestens am Vortag bis 11 Uhr erfahren wir die genauen Reservationszeiten, was die Entscheidungen bei zweifelhafter Witterung nicht vereinfacht. Wir grenzen nicht nur an den Waffenplatz, sondern sind quasi mitten darin.» Das sei vermutlich auch ein Grund, warum das VBS entschieden habe den Betrieb selber zu unterhalten. So wurde vor einigen Jahren ein grosser, neuer Stall gebaut. «Die Melkroboter haben wir aber selber installiert.» 

Dreiergemeinschaft

Rund 70 Hektaren Landwirtschaftliche Nutzfläche haben Jordis vom VBS gepachtet. «Im Moment sind wir eine Dreiergemeinschaft, in der wir den ökologischen Leistungsnachweis zusammen erfüllen. Von den drei Beteiligten melken aber nur zwei. Die Milchkühe inklusive Aufzucht sind alle hier auf unserem Betrieb. Rolf Lüthi, welcher seine Kühe bei uns im Stall stehen hat, unterstützt uns.» Die Betriebsmittel würden gemeinsam gekauft und die Maschinen zusammen genutzt werden.

«Wir besitzen die Futtererntemaschinen. Die Gülleeinrichtung und der Miststreuer wurden wie Düngerstreuer und Pflanzenschutzspritze gemeinsam angeschafft. Die Ackerkulturen betreut Martin Braun mit seinen eigenen Maschinen. Wir bauen etwas Saatweizen, Futterrüben, Wintergerste, Silo- und Körnermais an, da es auf unserem Betrieb Mülimatt noch etwa elf Hektaren offene Ackerfläche hat.» Durch die Manövrierzone habe er aber gezwungenermassen viel Grünland, auf dem man nichts anderes machen könne. «Ein schöner Anteil sind Trockenstandorte. Wir bewirtschaften hier die grössten zusammenhängenden Trockenstandorte vom Kanton Bern. Die Beiträge, die wir dafür erhalten, sind ein wichtiges zusätzliches Einkommen.»

Miteinander reden

Wie auf jedem Landwirtschaftsbetrieb spielt auch auf dem Betrieb von Urs Jordi das Wetter eine wichtige Rolle, anders als bei anderen Betrieben kommt dann aber als zusätzlicher Faktor der Betrieb auf dem Waffenplatz dazu. «Die zwei Schulen pro Jahr werden in verschiedenen Blöcken ausgebildet. Zuerst machen sie die persönliche Waffenausbildung. Das ist relativ nahe, tangiert uns aber nicht so gross», erklärt Jordi. «Wenn sie dann aber mit den Panzern, also mit den gröberen Geschützen schiessen, kommt die grosse Absperrung und das sind einfach bis fünf Tage die Woche, an denen grob geschossen wird.» Da mache man dann halt wirklich nur am Morgen, Mittag, am Abend und in der Nacht etwas.

Ohne gegenseitige Rücksichtnahme würde das nicht funktionieren. «Eigentlich läuft das immer recht gut. Gerade die Instruktoren, die auch in der Region Thun wohnen, kennt man mit der Zeit.» Zu wissen, mit wem man es zu tun habe, sei immer von Vorteil. «Dass es halt zwischendurch Personalwechsel gibt, ist daher auch eine der grösseren Herausforderungen, wenn man einen Betrieb wie den unseren führt.» So müssten viele Dinge auch immer mal wieder neu ausgehandelt werden. «Gerne würde ich zum Beispiel meinen Betrieb meiner Tochter so übergeben, wie er heute aufgestellt ist. Ob das auch wirklich klappt, wurde noch nicht entschieden.»

Lieber Bauer als Soldat

Jordi selber hat seinerzeit die Rekrutenschule als Motorfahrer in Kloten absolviert. «Eigentlich sollte ich weitermachen. Ich bin dann aber doch mehr Bauer als Soldat», stellt der Landwirt lachend fest. Dass er den Betrieb kenne, helfe ihm aber im Alltag sicher auch, die Gegebenheiten besser zu verstehen und einzuordnen. «Wer gegen das Militär ist, kann keinen solchen Betrieb führen. Ich sage immer, dass man zu einer Armee Sorge tragen muss.» Er sehe sogar gewisse Wechselspiele und Gemeinsamkeiten zwischen Landwirtschaft und Militär. «Wenn die Versorgung nicht stimmt, dann hat das Militär zu tun. Und wir hängen beide fest am Tropf vom Bund, was unsere Arbeit nicht immer einfach macht.»

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