15.02.2020 15:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Ferrari
Appenzell Ausserrhoden
Zur Belohnung gibts keine Guetsli
Zwischen Haus- und Hofhunden besteht ein kleiner Unterschied. Haushunde sind oft Partnerersatz. Hofhunde haben klare Aufgaben. An einem Kurs zeigt Sandra Weber, wie man einen Hofhund erzieht.

Die gelernte Bäuerin Sandra Weber aus Urnäsch betreibt seit Jahren mit viel Erfolg eine Hundeschule. Regelmässig führt sie auch Hofhundekurse (siehe Kasten) durch, so auch an diesem Tag. Sie wirft einen Blick auf Neuankömmlinge und weiss, wer in der Partnerschaft von Mensch und Hund dominiert und ob sich der Hund verstanden fühlt. «Oft versuchen Hundehalter mit zu viel Härte, einen vermeintlichen Gehorsam beim Tier zu erzwingen», erklärt die Fachfrau und fügt hinzu: «Zwischen Haus- und Hofhunden besteht ein kleiner Unterschied.» Haushunde sind oft Partnerersatz, sind Therapeut, Sportkollege und vieles mehr.

Hofhunde haben klare Aufgaben. Sie werden zum Treiben des Viehs gebraucht, aber auch zum Bewachen von Haus und Hof. Da ist nicht immer einfach. Jogger, Biker, Reiter, Wanderer und Nordic Walker sind oft rund um den Hof unterwegs. Der Hund muss für die Erfüllung seiner Aufgabe instruiert und begleitet werden. Er braucht nicht nur Nahrung und Auslauf, sondern sinnvolle Tätigkeiten mit Menschen zusammen. Und er braucht einen Platz, der ihm gehört. Ein tierschutzkonformer Hundezwinger oder ein unbenutzter Raum, welcher niemals als Bestrafungsort missbraucht werden darf, sind ideal. Angekettet oder total frei sein sollte der Hund nur bedingt.

Keine Schuhe geben

Ein Hund, der bei angespannter Kette einen Fremden anbellt, ist aufgeregt, betritt dieser gar den Kettenradius oder reisst die Kette, kann es dumm gehen. Leben mehrere Menschen auf einem Hof, fühlt sich ein Hund von seinem Rudel umgeben. Er mag es, wenn etwas läuft. Ist der Hund zu viel allein, fängt er an Schuhe zu zerkauen oder Spielsachen. Das riecht nach seinen Menschen. «Gib ihm keinen alten, ausgedienten Schuh, sonst kaut er auch am neuen! Er kann nicht unterscheiden», so Sandra Weber. 

Ist der Hund viel allein und frei, muss sich der Bauer nicht wundern, wenn sein Hund dorthin geht, wo es spannend für ihn ist: zum Nachbarhund, zum Alleine-Jagen im Wald, zum Begleiten einer netten Wandergruppe. «Mann soll dem Hund die Gelegenheit geben, sich sinnvoll zu beschäftigen und bei ihm zu sein», so die Fachfrau, und sie nennt als Beispiele: Mostobst auflesen, Holzschittli versorgen, den Zvieri bringen, mit einer Packtasche bestückt beim Hagen helfen oder verlorene Gegenstände suchen und finden. 

Wer führt, geht vorne

Die Erziehung – Sandra Weber nennt es lieber Beziehung – beginnt früh, schon beim Welpen. Wenn der Hund vor etwas Angst hat, vor einem Kehrichtsack oder einer Mülltonne zum Beispiel, sollte man zum Angstobjekt hingehen, es anfassen und zeigen, dass man sich selbst nicht fürchtet. Ein Hund braucht Vertrauen, Sicherheit und eine ruhige Führung. Wer führt, muss Grenzen setzen. In unserer Gesellschaft hat der Hund kein Recht auf die Führung. Er sollte in erster Linie die Überlegenheit des Hundehalters spüren. Das versucht Sandra Weber ihren Kursbesuchern als Erstes beizubringen.

Steht der Hund im Weg, soll er zur Seite gehen. Will er die Führung nicht abgeben, was bei gewissen Tieren vorkommt, hilft das Leinenführspiel, um Klarheit zu bringen. Es ist dem Verhalten von Hunden untereinander abgeschaut. Wer zum ersten Mal zu Sandra Weber in die Hundeschule kommt, lernt diesen Umgang. Die Leine bleibt eher kurz, aber locker, später kann sie verlängert werden. Straffe Leinen verursachen Anspannung beim Hund.  Nie sollte der Hund vor dem Halter oder der Halterin sein. Sie muss sich umdrehen und entspannt in die entgegengesetzte Richtung weitergehen. Setzt der Hund wieder zum Überholen an, sich umdrehen und weitergehen. Dieser Ablauf solle so oft wiederholt werden, bis der Hund merke, dass der Mensch die Führung nicht abgebe, lehrt Weber.   

Nicht anspringen

Eine Belohnung mit Guetsli gibt es bei Sandra Weber nicht. Das gemeinsame Erlebnis soll die Belohnung sein und die Beziehung stärken. Sie verständigt sich vor allem mit den Händen, mit der Körpersprache, spricht wenig und mit ruhiger Stimme. Hunde dürfen Menschen nicht anspringen. «Wenn es einer doch tut, bleib ruhig, dreh dich weder weg noch schimpfe. Kriegt der Hund keine Beachtung, hört er von selbst auf», erklärt Weber. Wenn Hunde schnappen oder beissen, muss nach dem Grund gesucht werden.

Ein Biss beginnt für Sandra Weber bereits dann, wenn der Hund anhaltend starrt oder sogar lautstark die Zähne zusammenklappt. Diese Drohung muss ernst genommen werden. Es sollte nie einfach das Drohen «abgestellt», sondern der Grund dafür gesucht werden. Hat das Tier Angst und glaubt, dass Angriff die beste Verteidigung sei, fühlt es sich bedrängt, kann es sich nicht wehren? Hat es Schmerzen? Ist es um seine Jungen besorgt? Wurde die Beisshemmung nicht trainiert oder der Hund extra scharf gemacht?

Es gibt unzählige, spannende Übungen, um das Vertrauen des Hundes zu stärken und die Befehle zu festigen. Lieber nur ein- oder zweimal fünf Minuten pro Tag üben, jedoch mit Freude und Ziel. Es brauche nur etwas Fantasie. «Lass ihn Sachen oder gar Personen suchen, ein Rüebli oder Spielsachen, lass ihn den Treibball bewegen oder lehre ihn, Objekte anzuzeigen. Du wirst sehen, er wird seine Aufgaben meistern», sagt Sandra Weber. 

Sandra Weber bereibt in Urnäsch AR eine Hundeschule. Nebst Privattraining, Welpenstunden und etlichen anderen Angeboten führt sie auch regelmässig Hofhundekurse durch, dieser besteht aus einem Theorie- und einem Praxisteil. Die zwei Teile finden an zwei verschiedenen Tagen statt.   Den Kurs hat Weber zusammengestellt, damit Hundebesitzer ihren Hund besser verstehen lernen. Im Theorieteil geht es um die Themen: Was erwarte ich von meinem Hund und was erwartet der Hund von uns. Es geht um Respekt, Sicherheit und Vertrauen. Der Hund soll verstehen, was wir von ihm wünschen. Wir müssen sein Verhalten erkennen lernen. Was tun, wenn er «schnappt», den Autos und Landwirtschaftsmaschinen nachrennt? Sandra Weber zeigt im theoretischen sowie im praktischen Teil einen einfachen, aber praktischen Weg für eine gute Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund. ef

 

Stimmen von drei Kursteilnehmerinnen:

Mein Mann und ich bewirtschaften einen Bauernhof. Hier sind unsere Kinder gross geworden. Einen Hund hatten wir bis jetzt nie. Der junge Appenzellerrüde braucht eine klare Führung und ich habe Angst etwas falsch zu machen. Was soll ich tun, wenn er auf meinen Befehl die  verlangten Sachen nicht zurückbringt? Bei Sandra lerne ich, ihm Grenzen zu setzen und seine eigenen Ängste und Bedürfnisse zu erkennen. 

Unser zweijähriger Xando ist ein rassenreiner Australischer Cattle Dog, den wir mehr durch Zufall ausgesucht haben. Er ist sehr lebhaft. Seine Mutter heisst Wirbelwind. Xando wird irgendwann die Kühe auf unserem Hof im Bächli/Hemberg treiben. Er lernt schnell und gern, kann bereits die Begriffe rechts, links, voran und zu mir verstehen. Er darf mit ins Haus, wird aber draussen zum Teil räumlich begrenzt. Nachts schläft er im Stall. 

Ich bin keine Bäuerin, aber ich wohne gleich neben Sandra Weber. Regelmässig tausche ich mich mit ihr über Hunde aus. Meine Luna habe ich vor gut vier Jahren aus einem Hundeheim geholt. Noch habe ich Mühe, sie zurück zu halten. Bei Sandra läuft sie locker an der Leine und überlässt ihr diskussionslos die Führung. ef

 


 

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