29.08.2018 07:31
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
Zwillinge und tragischer Tod
Esther Schneiter ist zurück auf schweizerbauer.ch. Nach den Blogs aus Neuseeland, von der Alp Meienfall im Diemtigtal und der Alp Pfidertschegg im Eriz, wird Esther in den kommenden Monaten wieder aus ihrem Leben als Lehrerin, Landwirtin und Lernende berichten.

Am vergangenen Mittwoch war es endlich soweit. Voller Spannung erwarteten wir das erste Kalb. Es war das Rind Ramina, welches kalben wollte. Für uns ist ein sehr spezielles Rind. Wir haben es als Kalb zur Hochzeit geschenkt bekommen, so wie auch Indiana und Kira.

Stierkalb als Startschuss

Ein wunderschönes Stierkalb kam zur Welt. Mutter und Sohn sind wohlauf, was uns glücklich macht. Das RH-Rind Ramina leistet bereits über 20 Kilogramm Tagesmilch. Sie lässt sich ohne ein Bein zu heben melken.

Was ist mit Kira los?

Am Freitagmorgen fuhren wir auf die Pfidertschegg hoch, um die Rinder zu versorgen sowie Hüttenholz zu sägen und zu spalten. Zudem haben wir für die Schulklasse, die einen Umwelteinsatz bei uns leistet, Vorarbeiten geleistet. 

Töbu wollte ausserdem mit dem Traktor zwei weitere hochträchtige Rinder nach Hause transportieren. Eines davon war Kira, ebenfalls ein Hochzeitsrind, welches am 3. September neun Monate trächtig ist. Sie lag allein und apathisch im Stall. Fieber hatte sie nicht, Wiederkauen tat sie auch nicht. Ohne die genaue Ursache zu kennen, zügelten wir sie so nach Fahrni.

Unerwartete Zwillinge

Am Nachmittag rief Töbu Michi, den Zivi, und Ariane, die Lehrtochter, um Hilfe. Tamina, wieder ein Rind, hatte völlig unerwartet auf der Weide abgekalbt. Es waren gleich zwei Kälber. Zu unserer grossen Freude zwei kleine, wunderschön dunkelrote gefärbte Kuhkälber. Wir tauften sie Marta und Mirta. Das Glück schien auf unserer Seite zu sein.

Überwurf gedreht

Der Zustand von Kira blieb unverändert. Am Abend kontaktierte Töbu den Tierarzt. Leider wurde die Vermutung auf einen Überwurf Tatsache. Glücklicherweise haben wir Nachbarn, die schnell zur Stelle waren und mithalfen, das Rind auf dem Boden zu wälzen. 

Sicherlich war es für alle Beteiligten keine erfreuliche Angelegenheit. Der Tierarzt hoffte, dass das Kalb noch einige Tage im Mutterleib bleibt, da der Geburtstermin erst in rund einer Woche erreicht wurde. So gingen wir müde und etwas unsicher, aber zufrieden ins Bett.

Seebergsteigerung verläuft durchzogen

Am Samstag stand die Seebergsteigerung auf dem Programm. Für mich ist es schon fast Tradition, im Service zu helfen. Schliesslich verbrachte ich den Sommer 2011 als Angestellte dort. Die Steigerung verlief wie die Temperaturen. Die Preise waren ungewohnt tief. 

Per Whats-App erreichte mich die Nachricht, dass auch Indiana, das dritte Hochzeitskalb, nun Mutter sei. Ein schönes schwarzes Kuhkälbchen erblickte das Licht der Welt. Wir nennen es Maika. Im Jahr 2018 taufen wir alle Kälber mit dem Anfangsbuchstaben «M».

Geburtseinleitung bei Kira

Gleichzeitig wurde mir auch mitgeteilt, dass der Muttermund bei Kira nun geöffnet sei und aufgrund der potentiell eindringenden Bakterien die Geburt vom Tierarzt eingeleitet wurde. Ich weiss nicht genau wieso, doch mich packte ein komisches Gefühl. Vor allem, als am Sonntagmorgen kein Voranschreiten der Geburt zu verzeichnen war. Auch hatte Kira nach wie vor kein Euter. 

Tragischer Tod am Sonntag

Am Sonntagabend musste der Tierarzt zum dritten Mal zu Kira kommen. Eine seltsam dunkel gefärbte, stinkende Blase war seit etwa vier Stunden in der Scheide zu sehen. Der Tierarzt entschied nun, das Kalb herauszuholen. Bald hatte die dazugestossene Tierärztin zwei losgelöste Klauen in den Händen. Ein deutliches Indiz, nebst dem Gestank, dass das Kalb bereits länger tot war. Rund eine Stunde später war klar, dass ein stark aufgedunsenes «Gaskalb» in der Gebärmutter von Kira liegt. 

Es durch die Scheide rauszunehmen, war unmöglich. Der Tierarzt zeigte uns die Möglichkeit des Kaiserschnittes auf, betonte aber auch das hohe Risiko und seine starken Zweifel, dass es ohne Komplikationen vonstattengehen würde. Schliesslich seien die ganzen Geburtsorgane voller hässlicher Bakterien. Wenn diese in die Bauchhöhle gelangen würde, wäre dies das Todesurteil von Kira. 

Tränen vor Freude und Trauer


Auch die Aussicht auf eine weitere Trächtigkeit war verschwindend klein. zudem hatte Kira immer noch keine Milch im Euter. Ein langer Heilungsprozess sei garantiert, falls es überhaupt heilen würde. Dies waren Gründe genug, um die starke und spezielle emotionale Bindung in den Hintergrund zu stellen und das Tier von den grossen Leiden zu erlösen.

Natürlich stimmt mich dies sehr traurig und jagt mir die Tränen in die Augen. Ich denke, dass ich in solchen Situationen auch niedergeschlagen sein darf. Gleichzeitig will ich aber das Schwere nicht zu stark gewichten, denn schlussendlich hatten wir auch unglaublich viel Glück bei den drei vorangehenden Geburten. 

Alle drei Rinder sehen vielversprechend aus. Sie geben an allen Vierteln Milch und alle sieben Tiere sind glücklich. Dies tröstet mich. Und es heisst nicht vergebens: Glück und Pech liegen nahe beieinander.

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