19.05.2017 15:59
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Tansania (3/4)
Zwischen Saatgut und Pestiziden
Der Verkauf von Pflanzenschutzmitteln in Tansania verläuft anders als in der Schweiz. Die Mittel werden mitten in der Hafenstadt Dar Es Salaam verkauft. Ein Streifzug durch Kariakoo, den grössten, bekanntesten und wichtigsten Markt in Tansania.

Ordentlich eingereiht stehen die bunt etikettierten Plastikdosen aufgestapelt an der Rückseite des kleinen Ladens im Innern des dreistöckigen Marktgebäudes. Wie Soldaten stehen die Büchsen mit den Aufschriften Weed-Oh, Superround, Rondo, Duduwill, Twigathalonil und Kung-Fu in Reih und Glied. Daneben stapeln sich auch vom Boden bis an die Decke bunte Metalldosen. Darin sind Tomaten-, Zucchetti-, Zwiebel-, Karotten- und Gurkensamen.


Die heisse, feuchte von Abgasen geschwängerte Luft wabert durch die schmalen Gänge zwischen den verschiedenen Shops. Es ist staubig, und der grosse Andrang ist vorbei. Einige Verkäuferinnen plaudern und lachen. Einige können noch etwas verkaufen, während wieder andere an ihrem Smartphone kleben, essen, ihren Shop organisieren und die Löcher in den Büchsenreihen wieder stopfen.

Verkaufsschlager: Dünger und Herbizide

Flora, eine 25-jährige Verkäuferin, und ihre etwas ältere Kollegin Khadija sitzen in ihrem Geschäft und blicken etwas gelangweilt durch das von Feldspritzen, Gummistiefeln und anderem Kleingerät umrahmte Fenster ihres Ladens. Wir sind in Kariakoo, dem grössten und wichtigsten Markt von Dar Es Salaam. Vor Flora und Khadija liegen ein paar Beutel Mais und Bohnen. Das wird ausgesät, sobald es die Kunden kaufen und mitnehmen.

"Im Moment verkaufen wir vor allem Herbizide und Dünger", sagt Flora. Es handelt sich dabei nicht um irgendein Herbizid, sondern um Glyphosat. Ein bekanntes wie umstrittenes Totalherbizid, das alle Pflanzen dahinrafft, ausser jene, die genetisch modifiziert sind und dem Glyphosat standhalten können - wie das berühmte Round-up-Ready-Soja - aber das ist eine etwas andere Geschichte.

"Die Kunden kaufen viel Glyphosat, um ihre Felder für die nächste Saat vorzubereiten", erklärt Flora. Glyphosat ist für die Bauern der einfachste Weg, das Feld vom Unkraut zu befreien. Nur kostet es etwas: 23'000 bis 25'000 Tansanische Schilling pro Kilo (10-12 CHF). Neben Herbiziden verkaufen Flora und Khadija auch Insektizide, Pilzgifte und Dünger.

Ohne Pestizide wird die Ernte geschmälert

"Wir haben so viele Produkte im Sortiment, um unseren Bauern bestmöglichen Service zu bieten" erklärt Flora. Gerade in Tansania ist das wichtig. Fehlen nämlich Pestizide, gibt es Probleme auf dem Feld: "Im vergangenen Jahr hat ein Mangel an Insektiziden ein Problem mit Weissfliegen verursacht", sagt etwa ein älterer Mann später an der Theke eines grösseren Zwischenhändlers. Was dann passiert, ist offensichtlich: Die Ernte wird geschmälert, die Kleinbauern laufen Gefahr, nicht genug zum Essen zu haben, die Preise auf den lokalen Märkten beginnen zu steigen und der Hunger kommt vielleicht für etwas länger zu Besuch, als einem das als Kleinbauernfamilie lieb sein könnte.

Während die meisten Pestizid-Verkäufer in der Schweiz über ziemlich solide Aus- und Weiterbildungen verfügen, ist das in Tansania anders. Zwar braucht es Sachkenntnisse, um die Bauern richtig beraten zu können. Aber diese werden nicht in der Schule, sondern direkt hinter der Ladentheke vermittelt. "Ich arbeitete als Buchhalter, bevor ich hier anfing.", sagt der ältere Mann hinter der hölzernen Theke. Eingestellt wurde er, weil er die Buchhaltung in Ordnung bringen sollte. "Aber irgendwie bin ich immer wieder auch hinter der Theke gestanden. Nach und nach lernte ich, auf was man beim Verkauf der Mittel achten muss. Heute weiss ich, welche Pestizide und Dünger ein Landwirt einsetzen muss", meint er.

Flora verbrachte die ersten zwei Jahre in einem Unternehmen in Mbeya. Mbeya liegt im Südwesten Tansanias. Bevor Flora nach Dar Es Salaam zog und in Kariakoo arbeitete, lernte sie dort den Umgang mit und den Verkauf von Pestiziden von Grund auf.

Doch selbst als sie in Kariakoo ankam, war sie noch lange nicht selbstständig. "Die ersten acht Jahre habe ich hier bei einem anderen Geschäftsmann gearbeitet", erklärt sie. Sie musste lernen, wie man sich auf Kariakoo durchschlagen kann, welche Partner vorhanden sind und wie man das Geschäft mit den Pestiziden und Samen auch erfolgreich betreibt.

Vom Schulabbruch zur Selbständigkeit

Seit zwei Jahren nun ist Flora ihre eigene Chefin. Dass sie Landwirtschaft mag, macht ihr die Arbeit etwas leichter. Und durch die Ausbildung wisse sie nun, wann welches Produkt eingesetzt werden sollte. Flora meint dabei nicht die formelle Ausbildung mit Lehre oder Studium, wie das in der Schweiz üblich ist. Die junge Frau hat die Schule nach der siebten Klasse abgebrochen. Während ihren Lehr- und Wanderjahren hat sie verschiedene Weiterbildungen besucht. Schritt für Schritt hat sie gelernt, was wann zu tun ist. Und sie hat gelernt, wie sie echte von gefälschten Pestiziden unterscheiden kann. Manchmal komme es vor, das ein nicht-zugelassenes oder ein gefälschtes Pestizid auf den Markt kommt, sagt Flora.

Auch die Beamten beim TPRI wissen das. TPRI steht für Tropical Pesticides Research Institute. Das öffentlich-rechtliche Institut betreibt nicht nur Pestizid-Forschung, sondern ist auch für die Zulassung neuer Pflanzenschutzmittel verantwortlich. Und das TPRI ist die wichtigste Ausbildungsstätte für Verkäuferinnen wie Flora. Dort werden sie geschult, um Fake-Pestizide zu erkennen. Ihnen wird gezeigt, dass für den Pestizid-Einsatz Schutzkleider zu empfehlen sind. Sie werden darauf hingewiesen, welche Produkte wo, wann und wie am besten wirken.

Ob der Pestizideinsatz sinnvoll ist oder nicht - über diese Grundsatzfrage verliert Flora kaum ein Wort. Die Bauern müssten ihre Ernte sichern, sagt sie. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erscheint da zu einem guten Teil als alternativlos. Das Geschäft machen dabei vor allem Syngenta, Monsanto und andere Firmen. Zwar sind diese Firmen auch in den Shops von Kariakoo präsent. Doch von einem Monopol zu sprechen, wäre falsch. Es gibt auch tansanische Firmen, die Saatgut und Pflanzenschutzmittel herstellen. Und es sind viele Bauern, die ihr Saatgut selbst vermehren.

Mais, Karotten- und Wassermelonensamen

Neben den Pestiziden verkauft Flora Samen. "Die meisten von ihnen kaufe ich direkt von verschiedenen Zwischenhändlern, die jeden Tag vorbei kommen", sagt sie. Beides - der Verkauf von Saatgut und von Pflanzenschutzmitteln - ist ein saisonales Geschäft. "Jetzt verkaufe ich mehr Mais", sagt Flora. Die kleine Regenzeit sorgt dafür, dass genug Wasser vorhanden ist. Wenn die Trockenzeit kommt, verkauft Flora mehr Karotten- und Wassermelonensamen. "Die brauchen weniger Wasser", kommentiert sie.

Ein Zwischenhändler kommt dazu. Er kauft drei Kartons mit je sechs Dosen Chemie. Jede der Dosen wird er im Landesinnern einzeln verkaufen. In Dar Es Salaam selbst, sagt Flora, kämen die meisten Kunden aus Kigamboni. Dort werden nämlich Wassermelonen, Occra, Tomaten, Chinakohl und Mangold angebaut.

Dass heute in Kariakoo Pestizide und Dünger verkauft werden, ist dem Zufall zu verdanken. Denn eigentlich wurde der Markt am 8. Dezember 1975 nach der fünfjährigen Bauphase für etwas Anderes eröffnet: nämlich für den Verkauf von Gemüse, Früchten, Kleidern, und allen erdenklichen Produkten für den täglichen Bedarf.

Auch zehn Jahre nach der Eröffnung schien noch alles in geordneten Bahnen zu verlaufen. Der damalige Präsident der Marktgenossenschaft schrieb nämlich in der Jubiläumsschrift: "Kariakoo ist das Landwirtschaftsgrundstück für die Stadtbewohner." Man finde dort alles, was die Landwirtschaft anbieten könne: Gemüse, Obst, Setzlinge. "Selbst zehn Jahre nach der Eröffnung steht der Markt und seine Händler immer noch im Einklang mit der ersten Vision."

Wo Bauern und Stadtbewohner gemeinsam feilschen

Diese Vision lautete: Kariakoo soll der bedeutendste Markt in der Stadt werden. Ein Ort, an dem Tomaten, Zwiebeln, Occra, Kartoffeln und die verschiedenen Gewürze gehandelt werden können. Ein Ort, an dem Stadtbewohner und Bauern gemeinsam um den richtigen Preis feilschen und Lebensmittel gegen Geld tauschen.

Dieser Handel findet heute ausserhalb der grossen Markthalle statt. Im Innern des Gebäudes stapeln sich Gummistiefel, Rückenspritzen, Pestizide, Dünger, Hacken, Töpfe, Pfannen und allerlei Gerät.

Hetson Msalale Kipsi ist heute für Kariakoo zuständig. In seinem Büro mit dem grossen Besprechungstisch stapeln sich auf den Regalen die Akten, auf dem Pult steht ein Laptop. "Seit Dar Es Salaam wächst, hat sich der Wettbewerb verändert", sagt er.

Die Menschen haben selbstständig neue Geschäftsfelder erschlossen. Statt nur landwirtschaftliche Produkte zu verkaufen, begannen die Geschäftsleute mit dem Handel von Kleidern, Töpfen und - eben - den Pestiziden.

Dass Kariakoo die in der Stadt wichtigste Drehscheibe für Pestizide und Dünger geworden ist, liegt auch an der Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Bauern, die vor der Markthalle ihre Gemüse und Früchte verkaufen. "Die Bauern kommen in die Stadt, verkaufen ihre Gemüse und Früchte - entweder direkt an die Konsumenten oder an Zwischenhändler. Mit dem Geld decken sie dann gleich noch ihren Bedarf für Dünger, Pflanzenschutzmittel und Geräte", erklärt Msalale Kipsi. Flora und ihre Kollegen können und wollen diese Nachfrage bedienen.

 

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