Junglandwirt Sebastian Hagenbuch vertieft sein landwirtschaftliches Wissen mittels eines Agronomiestudium in Zollikofen. Nach bestandener Lehre mussten die Latzhosen und Arbeitshandschuhe dem (Sennen-)Hemd und Laptop weichen.
Als ich vor gut einer Woche die letzte Semesterprüfung in die Hände des Dozenten übergab, war das ein schöner Moment. Fertig waren endlich das grosse Büffeln, die Ungewissheit, ob man das Richtige gelernt hat und das ständige Gefühl, man müsste doch jetzt noch dies oder jenes lesen und lernen. Das Hochgefühl hielt sich aber nur kurz: Es folgte ein Nachprüfungsloch der unanständigen Sorte, die Überforderung mit der Situation, plötzlich nichts mehr tun zu müssen.
In solchen Momenten ist es natürlich ein Segen, wenn man gerne wandert und/oder zu Hause ein Bauernhof mit Arbeit wartet. Zudem war meine Unterrichtsfreie Zeit mit 5 Tagen doch eher bescheiden, dann folgte bereits das Wahlmodul Agrarsoziologie und Agrargeschichte.
Der Mensch hinter den Dingen
Mich interessiert die Tierhaltung. Ich gehe gerne in den Stall. Ich habe Freude an der Arbeit auf dem Feld und an schönen und leckeren Kulturen. Auch die ökologischen Zusammenhänge interessieren mich. Doch was mich in der Landwirtschaft wie auch im Leben immer wieder am meisten fasziniert, sind die Menschen hinter diesen Dingen. Und genau diesem Thema widmeten wir uns letzte Woche in der Agrarsoziologie und -geschichte.
Zunächst ging es darum, die spannende Agrargeschichte der Schweiz etwas aufzuarbeiten. Die übergeordnete Frage war aber stets, was dies nun konkret für die bäuerlichen Familien bedeutet hat. Wie hat sich die Rolle der Frau auf dem Betrieb geändert? Wie gehen Landwirte mit diesem Spagat zwischen Tradition und ständigem Druck zur Anpassung auf gesellschaftliche Entwicklungen um? Was war für die Leute früher ein guter Landwirt, was muss er heute für Kriterien erfüllen? Was waren die Gründe für gewisse agrarpolitische Entscheide?
Wenn es um den Mensch geht, ist es wichtig, nicht nur in der Schulstube über sie zu diskutieren, sondern diese Leute auch zu besuchen. Die Modulleitung hat ein attraktives Programm zusammengestellt, und so landeten wir am vergangenen Donnerstag in der Nähe von Moudon VD, wo wir in Dreiergruppen jeweils einen Betrieb besuchen und die Landwirte interviewen durften.
Nicht umsetzbar und doch interessant
Diese Gespräche hauchten der Materie zusätzlich Leben ein und förderten spannende Geschichten zutage, welche anschliessend beim gemeinsamen Fondue in der landwirtschaftlichen Schule Grange-Verney ausgeschmückt und ausgetauscht worden sind - im Beisein einiger Landwirte.
Ich interessierte mich stark für dieses Thema, obschon ich es in einer allfälligen Tätigkeit als Landwirt bzw. Produzent nicht 1:1 umsetzen kann. Die Kartoffelerträge werden mit diesem Modul nicht gesteigert. Ich bin aber froh um dieses Wissen und den einmal mehr erneuerten Zugang zu den Dingen. So lerne ich laufend, neue Perspektiven einzunehmen und dadurch, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das ist persönlich bereichernd und hilft mir hoffentlich auch beim Meistern des Lebens mit seinen vielfältigen Herausforderungen. Kartoffeln produzieren ist ja nicht das einzige Ziel.