Der Zellbiologe Oliver Ullrich von der Universität Zürich erkundet im All, wie die Schwerkraft - oder ihr Fehlen - das Funktionieren von menschlichen Zellen beeinflusst. Für ihn muss sich das Dasein des Menschen nicht auf den Planeten Erde beschränken, wie er im Interview mit der sda erklärt.
sda: Sie schicken Immunzellen auf die Internationale Raumstation ISS. Wozu?
Ullrich: Seit langem weiss man, dass das Immunsystem von Astronauten im Weltraum beeinträchtigt wird. Wir haben kürzlich herausgefunden, dass Immunzellen innerhalb weniger Sekunden auf den Wegfall der Schwerkraft reagieren: Sie stoppen die Freisetzung von Sauerstoffradikalen, eine wesentliche Reaktion bei der Abwehr von Bakterien.
Erlaubt es die Biologie überhaupt, länger im All zu überleben?
Ullrich: Angesichts der dramatischen molekularen Veränderungen müsste man spontan Nein sagen. Andererseits kann sich der menschliche Organismus enorm schnell und effektiv an veränderte Situationen anpassen. Es kann aber sein, dass unser zellulärer Bauplan so ideal an das Leben auf der Erde angepasst ist, dass ein Leben ausserhalb der Schwerkraft auf Dauer nur schwer möglich ist.
Was passiert mit dem Körper in der Schwerelosigkeit?
Ullrich: Knochen und Muskeln werden abgebaut, das Immunsystem gestört, womöglich altert man schneller. Aber zu wissen, wie das geschieht, lässt uns die Risiken eines Langzeitraumfluges präziser einschätzen. Besonders wenn wir die Frage, wo Leben existieren könnte, nicht allein auf unseren Planeten beschränken möchten.
Was ist der Sinn davon, Menschen längerfristig ins All zu schicken - etwa zum Mars?
Ullrich: Der Mensch möchte weiter erkunden, entdecken und neue Technologien entwickeln. Bemannte Raumfahrt ist eine wichtige Brücke in die Zukunft. Sie ist in der Lage, das Bewusstsein der Menschen zu verändern - etwa gegenüber unserem kleinen, blauen, verletzlichen Planeten Erde. Ich denke, dass Menschen eines Tages jenseits des Erdorbits fliegen werden, auch wenn das die gefährlichste Reise ist, die man sich vorstellen kann.
Forschung im All ist aufwendig. Warum tun Sie sich das an?
Ullrich: Experimente im Orbit sind der Goldstandard. Alternativen sind Parabelflüge, Forschungsraketen und Apparate, die durch kontinuierliches Drehen die Schwerkraft neutralisieren. Doch Parabelflüge - bei denen ein Flugzeug im Sturzflug die Schwerelosigkeit simuliert - liefern mit 22 Sekunden Schwerelosigkeit nur Einblicke in sehr schnelle Prozesse. Experimente über Stunden oder Tage sind nur in der ISS möglich.
Wie viel kostet so ein ISS-Experiment?
Dieses ISS-Experiment wird relativ günstig, da es mit einem regulären Versorgungsraumschiff zur ISS transportiert und auf einem standardisierten Experimentträger durchgeführt wird. Die genauen Kosten sind Firmengeheimnis, belaufen sich aber ungefähr auf ein Drittel eines üblichen biowissenschaftlichen Nationalfonds-Projektes. Das ist von der «Bodenforschung» nicht weit entfernt.
Wie empfinden Sie das, wenn «Ihre» Zellen unterwegs ins All sind?
Ullrich: Gerade der Start ist ein denkwürdiger Augenblick. Man weiss, dass es nun nach jahrelanger Vorbereitung um alles oder nichts geht. Es ist eine Situation grosser Anspannung, und man spürt, dass grosser Erfolg und ebenso grosser Misserfolg oft ganz dicht beieinander liegen.