Hofübergabe: Schwierigster Teil steht in keinem Vertrag

Viele Höfe in der Schweiz werden innerhalb der Familie weitergegeben. Doch die Übergabe ist nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine emotionale Herausforderung. Oft entstehen dabei Konflikte. Diese können die Familie belasten und den Betrieb an der Weiterentwicklung hindern.

Jasmin Baumann, lid |

Der Hof ist übergeben, die Unterschriften gemacht. Und trotzdem spricht man beim Abendessen kaum mehr miteinander. Der Sohn oder die Tochter wollen von der Milchproduktion zur Mutterkuhhaltung wechseln, der Partner arbeitet nicht im Betrieb oder auch eine zunehmende Mechanisierung und Automation sind oft Gründe für Konflikte.

Konfliktpotenzial

Schwellende Konflikte auf einem übergebenen Hof belasten die Beteiligten: «Entscheidungen können nicht mehr frei getroffen werden – nichts wird verändert, um ‹die Kirche im Dorf zu lassen›», erzählt Mediatorin Franziska Feller.

Dieses Konfliktpotenzial ist auch ein Grund, warum einige junge, gut ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte den Betrieb der Eltern doch nicht übernehmen wollen. Jeder Hof, der keinen Nachfolger findet, verschwindet. Das betrifft schlussendlich die Versorgung mit regionalen Lebensmitteln und die Schweizer Landschaft.

Warum sind Hofübergaben so heikel

Ein Bauer oder eine Landwirtin übernimmt Land, das bebaut wird – Tiere und Gebäude wie die Scheune und das Bauernhaus. Bei der Übergabe prallen Welten aufeinander: Vater und Sohn haben unterschiedliche Ansichten. Die Ausbildung hat sich verändert, die Kennzahlen, die Philosophie. Anders als in vielen anderen Branchen ist der Betrieb in der Landwirtschaft oft auch Wohnort und Familiengeschichte zugleich.

Das alles ist sehr emotional. «Oft geht der Sohn auch nach der Übergabe noch Mittagessen bei der Mutter – wenn das nicht klar geregelt ist, können Unstimmigkeiten entstehen», erklärt Mediator Andri Kober. Er ist Mitglied bei den Netzwerken «Bäuerliches Sorgentelefon» und «Hofkonflikt». Mediatoren und Mediatorinnen begleiten Familien bei der Lösung von Konflikten. Bei der Hofübergabe geht es um Verhandlungen über jedes Detail, beispielsweise wieviel Wert der Traktor noch hat.

«Es wird zu wenig klar kommuniziert»

Das Hauptproblem: «Es wird zu wenig und zu wenig klar kommuniziert», sagt Andri Kober. Dabei gibt es viele unausgesprochene Erwartungen. «Je klarer die beiden Parteien die Sache regeln, desto weniger Missverständnisse gibt es», ergänzt er. Zum Beispiel muss auch klar geregelt sein, ob und wieviel die Eltern nach der Übergabe mitarbeiten, mit Stundenlohn und Pflichtenheft. Sonst funktioniert es nicht. Wichtig ist dabei auch, dass die gegenseitigen Bedürfnisse abgeholt werden.

Für einen klaren Übergang empfiehlt Andri Kober eine Zeremonie, welche die Hofübergabe feiert, der alten Generation dankt – mit Fest, Essen und Blumenstrauss. Darum gibt es in Firmen Weihnachtsessen und Jubiläen, die gefeiert werden.

Wertschätzung und Anerkennung zeigen

«Alle Menschen streben nach Wertschätzung und Anerkennung – wird dies nicht ausgesprochen, schwingt es mit», erklärt er. Die Eltern denken sich: Wir haben uns 40 Jahre lang ein Bein ausgerissen und jetzt bekommen wir nicht mal einen Dank.

Umgekehrt muss auch der Vater dem Sohn die Führung übergeben und ihn als Chef anerkennen. Die Mediatoren und Mediatorinnen erleben ab und zu Fälle, in denen der Vater dem Sohn sagt, er könne nichts. «Wenn der alte Chef immer noch Chef ist und sagt, wie es gehen soll, hat der Nachfolger keine Chance sich zu entfalten», sagt Andri Kober.

Wir kommen allein nicht mehr weiter

Wann ist der Moment, in dem Familien merken: Wir kommen allein nicht mehr weiter? Die Familien merken es dann, wenn Unstimmigkeiten aufkommen. Dann ziehen sie zuerst einen landwirtschaftlichen Berater zu. Wenn sie die Probleme nicht mehr in vernünftigen Gesprächen untereinander regeln können, holen sie sich im Idealfall Hilfe von einer Mediatorin oder einem Mediator. Das andere Szenario: Sie reden nicht mehr miteinander, was fatal ist. «Schwellende Konflikte absorbieren Energie, die man in den Hof investieren könnte», sagt Andri Kober.

Ein Betrieb kann nur dann erfolgreich sein, wenn alle beteiligten ihre Rolle kennen und diese auch leben und ausführen. Daher empfiehlt der Fachmann regelmässige, wöchentliche «Sitzungen», wo geklärt wird, was wann auf dem Betrieb läuft und wer was macht. Je klarer dabei der Chef seine Verantwortung übernimmt, desto weniger Eigendynamik gibt es. Aber Information heisst auch, das Gegenüber wahrnehmen und ernstnehmen. Ein Beispiel: Wenn der Vater das Gefühl hat, jetzt hatten wir immer diesen Elektriker, die Tochter nun aber einen anderen beizeihen will. Dann kann die Tochter sagen: Jetzt bin ich die Chefin und ich entscheide das. Oder willst du bezahlen? Wer zahlt, befiehlt.

Über was wird gestritten?

Andri Kober erklärt eine häufige Situation: Die Schwiegermutter sagt, die Schwiegertochter enthalte ihr die Grosskinder vor. Das eigentliche Problem dabei ist, dass die Mutter die Bindung zum Sohn nicht freigegeben hat. Wenn man auf dem Hof lebt, kann man so Macht ausüben. Dann muss sich die Schwiegertochter wehren. Danach passiert üble Nachrede, man sagt etwas Negatives über die Person. Das gibt Vertrauensbrüche und die Eskalationsstufen fangen an.

Solche und andere Beispiele sind es, in denen Bäuerinnen und Bauern Hilfe suchen bei Fachstellen wie Hofkonflikt oder dem Bäuerlichen Sorgentelefon. Der Mediator geht dann in den Konflikt hinein, spricht mit jeder Person einzeln. Doch die Hilfesuchenden müssen auch aktiv mithelfen. «Wenn man weiterkommen will, muss man aus der Komfortzone in die heisse Zone übergehen», sagt Andri Kober. Das ist schmerzhaft, aber ohne diese heisse Zone geht es nicht.

Immer mehr holen sich Hilfe

Die besten Fälle seien dann, wenn sich beide Parteien, also die übergebende und übernehmende, schon frühzeitig – 3 bis 5 Jahre vor der Hofübergabe – zusammensetzen und planen, begleitet von einer Fachperson.

Es gibt keine Zahlen dazu, wie oft es bei Hofübergaben zu Konflikten kommt. Tatsache ist, dass sich immer mehr Landwirte und Landwirtinnen Hilfe von Beratern und Mediatorinnen holen. Dies bewertet Franziska Feller als positiv: «Konflikte gab es schon immer, man hat nur nicht darüber diskutiert – das verändert sich nun, zum Glück.»

Kommentare (4)

Sortieren nach: Likes | Datum
  • Bauer mit eigenen Betrieb | 07.04.2026
    Ein überfällig es Thema, kenne 2 Familien wo beide einen nicht familiären Betrieb übernommen haben.
    Dort wo die alte Generation abgeben hat und weg gezogen ist funktioniert es perfekt.
    Beim anderen Betrieb wo der Verkäufer noch dort wohnt wird vorzu immer wider diskutiert und dem jungen paar immer wieder Steine in den weg gelegt, und ständig an jedem rumgenörgelt..... Und mit dem Verkäufer paar sind wir gut befreundet aber der hat sich so verändert und das wir unserseits im auch schon gesagt haben das er nun das leben geniessen solle und die jungen nun machen lassen solle und nicht immer alles beobachten und kontrollieren solle. Seit diesem Zeitpunkt ist unser wöchentliches treffen auch immer mehr reduziert, da er die Wahrheit nicht sehen möchte und keine Veränderung akzeptiert. Schreibt doch bitte die antworten auch bitte auch in die Zeitung das es möglich viele betroffene Betriebe sehen und dann vielleicht dem einen oder anderen zum nachdenken anspornt.....
  • Biopuur | 07.04.2026
    Ein längst fälliger Artikel! Meiner Meinung nach haben auch die Treuhandstellen eine wichtige Rolle, die die Betriebe schon Jahre vor der Übergabe begleiten. Sie verfügen über die Aussensicht, die Hofabgeber und -übernehmer oft fehlen. Und, was in diesem Zusammenhang auch wichtig wäre: Nicht immer kann eine Person die beste Beratung für beide Parteien gewährleisten. Es kann Sinn machen, wenn der Übernehmer sich seinen eigenen Berater (evt. auch aus der gleichen Firma) zulegt, der einzig für seine Interessen eintritt. Denn was vorher 30 Jahre lang gestimmt hat, vielleicht sogar als Erfolgsrezept gegolten hat, kann mit der Hofübernahme plötzlich in Frage gestellt werden.
  • M Müller | 06.04.2026
    Die Hofübergabe ist wirklich ein heikles Thema. Bei mir hat es schlussendlich dazu geführt, dass mein Partner und ich schlussendlich den Hof verlassen haben, da es von der abtretenden Generation immer nur Steine in den Weg gelegt wurde. Es darf nichts verändert werden, so wie es läuft reicht doch. Der Hof wird immer mehr zur Ruine, bloss kein Geld in die Renovation stecken.
    Sehr schade, nun müssen wir ein anderes Leben führen, anstatt auf dieses, dass man jahrelang hingearbeitet hat
  • Abgetretene Generation | 06.04.2026
    Das alles funktioniert unseres Erachtens und nach eigenen (schmerzhaften) Erfahrungen nur wenn die abtretende Generation vom Hof wegzieht. Für uns als mittlerweile "alte" Generation war somit immer klar was oberste Priorität hat. Wir sind nun beim Sohn angestellt und übernehmen klar defnierte Bereiche, können jedoch nach Bedarf und unseren Kapazitäten nach wie vor überall eingesetzt haben. Unsere Freizeit können wir weg vom Hof viel intensiver geniessen und unser Sohn und seine Partnerin sind bestimmt nicht unglücklich, wenn die "Alten" nicht ständig herumschwirren😅
    Dazu kommt, dass die Hofübergabe klar und mit für alle Parteien verbindlichen Verträgen geregelt wird. Dabei sind unbedingt auch die Geschwister des Hofnachfolgers einzubeziehen. Mit diesen Massnahmen sind die Grundsteine für ein gutes Auskommen gelegt, wie in jeder anderen Familie auch muss jedoch weiterhin an den zwischenmenschlichen Beziehungen gearbeitet werden, damit es funktioniert.
×

Schreibe einen Kommentar

Kommentar ist erforderlich!

Google Captcha ist erforderlich!

You have reached the limit for comments!

Das Wetter heute in

Lesershop

Hier gehts zum Lesershop

Umfrage

Bleibt Ihr der Milchproduktion treu?

47.6 % Ja, produziere weiterhin
26.4 % Nein, werde aussteigen
4.8 % Noch nicht, werde aber einsteigen
8.7 % Ja, kann nicht anders
12.4 % Weiss noch nicht

Teilnehmer insgesamt 435

Zur aktuellen Umfrage

Bekanntschaften

Suchen Sie Kollegen und Kolleginnen für Freizeit und Hobbies? Oder eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner?