«Ich wollte alles schaffen»

Die Autorin Helen Imhof ist dreifache Mutter und betreibt mit ihrem Mann Marcel einen Biohof in Balterswil TG. Sie berichtet, dass es nach der Hofübernahme mit kleinen Kindern, Arbeit und Hof nicht immer einfach war. Nun sieht sie vieles einfacher. Wie es dazu kam, schreibt sie in ihrer Kolumne.

Als wir den Hof übernahmen, begann für uns ein neuer Lebensabschnitt. Wir arbeiteten beide auswärts und waren froh um die Unterstützung der Schwiegereltern. Ohne ihre Hilfe hätte vieles im Alltag gar nicht funktioniert. Mit der Zeit mussten wir alle unseren Platz finden. Die ältere Generation mit ihrem grossen Erfahrungsschatz und einem Hof, in den sie ihr ganzes Leben gelegt hatte. Und wir als junge Familie, die Schritt für Schritt in all die Aufgaben und die Verantwortung hineinwachsen musste.

Viel Herzblut

Damals hatte ich oft das Gefühl, allem gerecht werden zu müssen. Ich wollte alles schaffen, alles im Griff haben und niemanden enttäuschen. Mit kleinen Kindern, Arbeit und Hof war das nicht immer einfach. Heute sehe ich vieles anders. Ich verstehe besser, wie viel Vertrauen es braucht, Verantwortung weiterzugeben. Und wie viel Herzblut in einem Hof steckt, wenn man ein Leben lang dafür gearbeitet hat.

Auf einem Hof werden Gefühle oft nicht mit grossen Worten gezeigt. Vieles geschieht leise. Durch Mithelfen. Durch Mitdenken. Durch einfaches Dasein. Manchmal ist etwas plötzlich schon erledigt. Jemand hat mitangepackt, ohne viel zu ­sagen. Und genau darin steckt oft ganz viel Fürsorge. Mit den Jahren ist aus vielem etwas Selbstverständliches geworden. Ein Miteinander. Ein gegenseitiges Unterstützen.

Gegenseitiges Helfen

Heute führen wir den Hof, die Kinder helfen mit und wachsen ganz selbstverständlich hinein. Und die Schwiegermutter kümmert sich noch immer mit viel Freude und Hingabe um die Hühner. Dafür helfen wir den Eltern heute dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Im Alltag, bei kleinen Dingen, einfach so, wie es gerade nötig ist. Und vielleicht ist genau das das Schönste: dass aus dem gegenseitigen Helfen über die Jahre eine tiefe Verbundenheit entstanden ist.

Es macht mich glücklich, zu sehen, wie sich unsere Beziehung verändert hat. Sie ist ruhiger geworden, getragen von gegenseitiger Wertschätzung und Dankbarkeit. Früher hatte ich oft das Gefühl, ich müsse mir Anerkennung erst verdienen. Heute dürfen wir fast täglich hören, dass sie stolz auf uns sind. Und ich merke jedes Mal, wie wohltuend das ist. Gleichzeitig empfinde ich heute selbst eine grosse Dankbarkeit. Für alles, was sie aufgebaut haben. Für ihre Unterstützung damals. Und dafür, dass wir heute füreinander da sein dürfen.

Nicht aus Pflicht

Vielleicht ist genau das Familie: dass jede Generation ihren Teil beiträgt. Dass man sich durch verschiedene Lebensphasen gegenseitig trägt. Und dass Wertschätzung mit den Jahren wachsen darf. Wenn ich heute an unsere ­Kinder denke – und vielleicht irgendwann an Schwiegerkinder –, dann wünsche ich mir vor allem eines: dass sie nie das Gefühl haben, alles allein schaffen zu müssen. Dass sie erleben dürfen, wie schön es ist, wenn Generationen einander unterstützen. Nicht aus Pflicht, sondern aus Verbundenheit. Denn am Ende zählt nicht, wer wie viel getragen hat, sondern dass man es gemeinsam getan hat.

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