Von der Esskultur bis zum Hackroboter: Bayern überrascht

Die fünftägige Leserreise führte uns ins benachbarte Bundesland Bayern. Genauer gesagt in den niederbayerischen Gäuboden – eine der fruchtbarsten Gegenden Bayerns.

Simon Langenegger |

Spannende Betriebe, freundliche Menschen, stolze Traditionen und schöne Dörfer in einer wunderbar gepflegten Landschaft. So könnte man die «Schweizer Bauer»-Leserreise zusammenfassen, welche uns Mitte Mai für fünf Tage zu unseren nördlichen Nachbarn nach Bayern führte.

Die stark von der Landwirtschaft geprägte Region Gäuboden liegt im Regierungsbezirk Niederbayern. Die Landstrassen sind gesäumt von herrlichen Getreide-, Mais-, Kartoffel- und Zuckerrübenfeldern. Durch die mineralreichen, gut durchlüfteten Lössschichten konnten sich in dieser Donauebene fruchtbare und verhältnismässig leicht zu bearbeitende Böden bilden. Man spricht daher in Verbindung mit dem Gäuboden häufig auch von der «Kornkammer Bayerns».

Originelle touristische Angebote

Der erste Reisetag führte uns nach Straubing, dem eigentlichen Hauptort Niederbayerns, wo wir während des ganzen Aufenthalts mit sehr guter Kost und gelebter Gastfreundschaft umsorgt wurden. Beim Mittagshalt lernten wir den Brennerwirt kennen. Ein klein strukturierter Betrieb, welcher zugunsten einer Schnapsbrennerei 1990 die Milchproduktion aufgab.

Was anfänglich mit der «Abfindungsbrennerei» (bewilligte 300 Liter pro Jahr) begann, entwickelte sich später zur gewerblichen Brennerei mit unzähligen Brand- und Likörspezialitäten sowie einer zusätzlichen Anlage für die Essigfabrikation. Alle Produkte werden über den regionalen Biohandel sowie in der eigenen Gastwirtschaft oder über den Hofladen verkauft.

«Weisswurst-Äquator»

Der zweite Tag begann mit einem Paukenschlag der bayerischen Esskultur. Beim Besuch eines Weisswurstseminars erfuhren wir in geselliger Atmosphäre Wissenswertes über die bekannteste Speise Bayerns. Etwa, dass die auserwählten Zutaten in dünnen Schweinsdärmen verarbeitet werden, dass die Weisswurst während 20 Minuten bei 71 °C gebrüht wird oder der «Weisswurst-Äquator» auf dem 49. Breitengrad liegend das bayerische Bratwurstland vom bayerischen Weisswurstland trennt. Die Weisswürste konnten wir dann bereits früh am Vormittag verkosten, begleitet von süssem Senf, Brezeln und Weissbier. Ein Gaumenschmaus, der uns für die Weiterfahrt gestärkt hat. Diese führte uns in den Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze.

Ein besonderes Erlebnis bot die Begehung eines in luftiger Höhe angelegten Baumwipfelpfades mit 1,3 Kilometer Länge durch die Baumkronen. Der Pfad gipfelte schliesslich auf einem spiralförmig konstruierten, 44 Meter hohen Aussichtsturm. Mit einer maximalen Steigung von 6 % ist diese originelle Konstruktion auch ideal begehbar mit Kinderwagen oder Rollstuhl.

Bauernsohn baut einen Rübenvollernter

Im Gäuboden werden nicht nur viele Hektaren Zuckerrüben und Kartoffeln angepflanzt, im niederbayerischen Sittelsdorf befindet sich auch die ROPA Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH, der Weltmarktführer für Zuckerrüben- und Kartoffelerntemaschinen. Nach der exklusiven Werksbesichtigung trafen wir beim anschliessenden Mittagessen in der Mitarbeiterkantine auch Hermann Paintner an. Der Firmengründer hat kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert.

Dennoch ist er noch täglich in der Firma anzutreffen. Auch im fortgeschrittenen Alter drehen sich seine Gedanken um die Erntetechnik. Regelmässig tauscht er sich hier mit den Entwicklern aus. Schliesslich war er es, der 1972 – gerade 25 Jahre alt und ohne Hochschulabschluss oder technische Ausbildung – in der Werkstatthalle des elterlichen Hofes einen 6-reihigen Rübenvollernter baute. Heute gilt ROPA nicht nur im Heimatland Deutschland, sondern europa- und weltweit als führender Hersteller von Maschinen für die Zuckerrüben- und Kartoffelernte.

Biogas statt Kühe

Auch auf dem nahe gelegenen Landwirtschaftsbetrieb von Christian Aumeier spielen Zuckerrüben eine wichtige Rolle. Sein Biobetrieb ist in den letzten Jahren auf 500 ha angewachsen. In einer vierjährigen Fruchtfolge baut er Kleegras (25 %), Zuckerrüben (25 %) und Dinkel (50 %) an. Das Kleegras verfüttert er nicht mehr den Kühen, sondern der neu gebauten Biogasanlage. Vom ursprünglichen Plan, in einen neuen Milchviehstall zu investieren, ist der Betriebsleiter nach der erarbeiteten Betriebsstudie abgekommen. Er schlug eine andere Richtung ein, hörte auf mit Kühen und investierte, stark gefördert vom deutschen Staat, in eine Biogasanlage.

Heute bereut Aumeier das nicht. Trotzdem schaut er besorgt in die Zukunft, sollten die Subventionen wegen eines politischen Kurswechsels künftig wieder kleiner werden. Auf rund 125 ha werden heute Zuckerrüben angebaut und zu einem grossen Teil nach Frauenfeld TG geliefert. Die Unkrautbekämpfung erfolgt durch Handarbeit mit dem «langen Holz» durch Saisonniers. Anfangs waren es Polen, heute kommen Rumänen. 35 Personen pro Saison. Entlöhnt werden sie mit bis zu 14 Euro die Stunde.

Autonomer Hackroboter

Das ist aber bald vorbei. Noch drei Jahre kämen sie, dann gebe es für sie in der wirtschaftlich immer besser entwickelten Heimat bessere Alternativen, berichtet der Betriebsleiter. Aus diesem Grund plant er die Anschaffung eines autonomen Hackroboters mit KI-Pflanzenerkennung, der während unseres Besuchs gerade getestet wurde.

Am nächsten Tag besuchten wir die Stadt Regensburg, eine der schönsten Städte Bayerns. Bei einer Fahrt auf der Donau entdeckten wir die historische Altstadt mit Blick auf den 750 Jahre alten Dom St. Peter, welcher die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hat.

Frische Heumilchprodukte aus der Hofmolkerei

Bevor es wieder zurück in die Heimat ging, lernten wir nahe Straubing Berls Biohofmolkerei kennen. Der Betrieb umfasst 105 ha. Auf rund 50 ha produzieren Berls Bioheu für ihre 70 Milchkühe der Rasse Deutsches Fleckvieh. Sämtliches Dürrfutter wird zu Quaderballen gepresst und mit Holzenergie und Dachwärme getrocknet.

2018 investierte die Betriebsleiterfamilie in eine eigene Hofmolkerei. «Für mich war schon immer klar, dass ich die elterliche Landwirtschaft übernehme. Die steigenden Auflagen in der Viehwirtschaft machten es uns jedoch schwer, wirtschaftlich zu arbeiten. Das Tierwohl wird nicht bezahlt. Somit blieb nur der Weg, die Milch selbst zu vermarkten», so der Betriebsleiter Markus Berl.

Neben den Eltern arbeiten seine Frau und die drei Söhne auf dem Betrieb mit. Dazu eine vollzeitbeschäftigte Person in der Molkerei und drei Personen je einen Tag die Woche im Verkauf. Berls Milchprodukte reichen von einem breiten Käsesortiment über Butter, Joghurt bis Drinkmilch. Mit rund der Hälfte der Tiere können sie sogar die sogenannte A2-Urmilch produzieren, die sie für 4 Euro pro Liter verkaufen. Neben dem Verkauf im Hofladen besuchen Berls regelmässig Foodfestivals, und einmal die Woche erfolgt eine Liefertour in den 150 Kilometer entfernten Ballungsraum der Stadt München. Ein eindrücklicher Betrieb vollgepackt mit klaren Ideen, viel Leidenschaft und Arbeit.

Für unsere Reisegruppe ging es nach fünf Tagen voller Eindrücke, Erlebnisse und neuen Bekanntschaften zurück in die Schweiz.

«Schweizer Bauer»-Leserreisen

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