Wie der Stier in die Arena kommt

«Schweizer Bauer»-Leserinnen und -Leser erlebten auf einer Reise durch Andalusien die Vielfalt des südspanischen Landes. Ein Leser beschreibt die Reise als eindrücklich und abwechslungsreich.

Susanne Künsch |

Andalusien – ein Land der Gegensätze: Das erlebten 37 «Schweizer Bauer»-Lesende nach dem Besuch einer Produktionsstätte von iberischem Schinken in den Bergen, als die Reise Richtung Sevilla am vierten Tag fortgesetzt wurde.

Milchbetrieb mit 370 Kühen

Auf dem Weg nach Sevilla stand ein Augenschein auf einem modernen Milchbetrieb mit 370 Kühen und Rindern der Rasse Fresian-Holstein an. Bereits in dritter Generation führen Juan Carlos und seine Schwester Anna Garcia San Rafaél den Betrieb.

Das ganze Futter muss dazugekauft werden, da sie nur über eine Fläche von 6 Hektaren verfügen. Gemäss Juan Carlos lässt es sich jedoch gut leben mit einem Milchpreis zwischen 49 und 54 Cent (ca. 47 Rappen) pro Liter. Rund 1 Mio. Franken hat das Geschwisterpaar in die Neuerung des Hofes investiert, unter anderem in einen neuen Side-by-side-Melkstand, der demnächst in Betrieb genommen werden kann. Für Diskussionen unter den Bauern sorgten indessen Hygiene und Haltung vor Ort, und einmal mehr war man sich einig: Nicht in allen Ländern wird so viel Wert auf Tierwohl, artgerechte Haltung und Hygiene gelegt wie in der Schweiz.

Das bittersüsse Leben von Zuchtstieren

Ein ganz anderes Bild präsentierte sich auf dem Stierzuchtbetrieb «El Rocé». Der Geschäftsführer Fabrice Torrito (ein lustiger Zufall, denn Torrito heisst so viel wie kleiner Stier) empfing die Gruppe in der eigenen Arena. Ein grosser Flecken mit getrocknetem Blut im Sägemehl fiel sogleich ins Auge. «Hier in der Arena wird erstmals getestet, ob die Stiere sich für den Stierkampf eignen. Dabei ist es gestern zu einem Zwischenfall gekommen, und wir mussten den Stier töten.»

«Die Stiere bekommen ihr Temperament von der Mutter. Ihr Charakter soll aber kämpferisch sein.»

Fabrice Torrito, Geschäftsführer

Rund 600 Tiere der Rasse Bos Taurus Ibericus leben auf der Finca, davon 150 Muttertiere, der Rest sind Kampfstiere. Torrito zeigt, wie sich der Torero mit der roten Fahne bewegt, um den Stier zum Angriff zu bewegen, und wie der Torero mit einem eleganten Seitenschritt und gespannter Körperhaltung den Hörnern entgehen kann, meistens, nicht immer. Die Stiere reagieren auf Bewegung und nicht nach landläufiger Meinung auf die rote Farbe des Tuchs.

Bevor jedoch ein Stier in der Arena antreten kann und seinem nahenden Ende ins Auge schauen muss, frönt er ein Dolce-vita-Dasein auf herrlich grünen Weiden, im Schatten grosser Bäume praktisch ohne menschlichen Kontakt. «Die Stiere bekommen ihr Temperament von der Mutter», sagt Torrito. «Ihr Charakter soll aber kämpferisch sein.».

Preise bis 12’000 Euro

Die Kühe werden in der kleinen Kampfarena auf dem Zuchtbetrieb getestet. Mit einem Picador (Stecher) wird ihr in den Rücken gestochen – wendet sich die Kuh ab oder flüchtet, eignet sie sich nicht für den Stierkampf und wird geschlachtet. Diejenigen, die sich kämpferisch zeigen, eignen sich für die Zucht. Die männlichen Nachkommen der ausgewählten Kühe bleiben neun Monate mit ihren Müttern auf der Weide, bis sie mit Gleichaltrigen auf eine andere Weide getrieben werden.

Die makellosen Tiere mit idealem Hornwuchs werden mit vier bis sechs Jahren für bis zu 6’000 Euro verkauft. Für aussergewöhnliche Exemplare werden Preise bis zu 12’000 Euro (umgerechnet etwa 11’100 CHF) bezahlt. Pro Kampf treten drei Toreros an, die gegen je zwei Tiere kämpfen, darum werden die Stiere immer in Sechsergruppen verkauft.

Obwohl Stierkampf in Spanien ein stark umstrittenes Thema ist und politisch und gesellschaftlich zunehmend unter Druck gerät, finden jährlich noch etwa 1’000 bis 1’500 grössere Veranstaltungen statt. Besonderen Schutz erhielt die «Corrida», wie der Stierkampf auf Spanisch genannt wird, im Jahr 2013. Seit dem Datum gilt er offiziell als immaterielles Kulturgut.

Die stolzen Andalusier von Jerez

Jerez de la Frontera, am Südrand der Andalusischen Tiefebene, gilt als die Hauptstadt des Sherry. Bevor es aber für die «Schweizer Bauer»-Gruppe zu einem Rundgang in den eindrücklichen Gewölben der lokalen Sherry-Kellerei ging, stand ein Einblick in der Königlich-Andalusischen Reitschule auf dem Programm. Das weitläufige Gelände mit historischen Bauten und grosser Reithalle gab einiges her für Pferdeliebhaber. Auf dem grossen Dressurplatz im Freien übten sich die kräftigen und doch eleganten Andalusier mit ihren Reitern im Dressurreiten.

Ein Rundgang durch die Stallungen ermöglichte einen nahen Augenschein dieser edlen Rasse. Die meisten Andalusier sind Schimmelpferde. Waren die weissen Andalusier früher ein Statussymbol der höchsten gesellschaftlichen Schichten, findet sich heute unter den 120 Pferden im Gestüt auch öfter braunes bis rötlich braunes Fell wieder.

Es war ein sehr langer Zuchtprozess mit Einflüssen aus einheimischen spanischen Pferden mit orientalischen Pferderassen (Araber und Berber), die diese eleganten, ausdauernden Pferde mit ihren feinen Bewegungen hervorbrachte. Nur gerade 16 Studenten werden an der Real Escuela Andaluza del Arte Ecuestre aufgenommen. Die anspruchsvolle Ausbildung zum Reiter dauert vier Jahre.

Historischer Weingeist in 100-jährigen Fässern

Die nächste Station auf der Reise war der Besuch einer 1730 erbauten Weinkellerei in Jerez de la Frontera, einem riesigen Gewölbe mit 45’000 alten Eichenfässern. Die anschliessende Degustation zeigte der «Schweizer Bauer»-Lesergruppe, wie vielfältig im Geschmack Sherry sein kann. Als weiteres Highlight der Reise besuchte die Gruppe den Schauplatz des James-Bond-Filmes «Stirb an einem anderen Tag»: Ronda in der Provinz Málaga.

Die 98 m hohe Brücke, die beide Stadtteile über einer atemberaubenden Schlucht verbindet, ist das Wahrzeichen der Stadt. Zugleich ist hier die älteste Stierarena Spaniens zu finden. Noch immer werden dort jährlich Stierkämpfe durchgeführt. Ein Rundgang durch die quirlige Stadt Málaga an der Costa del Sol bildete den Abschluss einer erlebnisreichen Reise mit vielen neuen Eindrücken.

-> Mehr Infos zu den Leserreise von «Schweizer Bauer» gibt es hier

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